Studenten bauen ein Asylheim

Mitten in Wien wurde aus einem studentischen Projekt eine wohnliche Unterkunft für Flüchtlinge geschaffen. In den vergangenen zwei Monaten wurde mit viel freiwilliger Energie geschuftet, um eine Schlafstelle für rund 850 MigrantInnen im ehemaligen Finanzministerium geschaffen. 

Im Zuge des Kooperationsfestivals urbanize! hat sich ein Projekt des Instituts für Kunst und Gestaltung 1 der Fakultät für Architektur und Raumplanung der TU Wien herauskristallisiert. „Teamwork makes the dream work, let’s do it together,“ lautet der Slogan des Projekts Displaced — Space for Change.

Raum für Veränderung, der Name ist Programm

Zusammen mit der Organisation PROSA (Projekt Schule für alle) hat sich das Studenten-Kollektiv der Frage gewidmet, was ArchitektInnen und RaumplanerInnen, Universitätslehrende, Studierende, KühnstlerInnen und StadtforscherInnen im Hinblick auf die Flüchtlingsproblematik tun können: „Anpacken“, war die gemeinsame Antwort darauf. 

Student Peiman © Displaced
Student repariert Möbelstück © Displaced
Julia Menz (3.von links) stolz vor soeben gelieferten Duschcontainern © displaced
Julia Menz (3.von links) stolz vor soeben gelieferten Duschcontainern © displaced

Der infrastrukturellen Mängel (vor allem Sanitäreinrichtungen und Brandschutz) und der lieblosen, zweckmäßigen Einrichtung in dem bis dahin leerstehenden Gebäude des ehemaligen Finanzministeriums musste Abhilfe geschaffen werden. Die bloße Ideensammlung war den engagierten Studenten und Lehrenden, Projektleitern und freiwilligen Helfern nicht genug.

Wohnlich sollten die kahlen, eintönigen (Büro-)Räume werden, menschenwürdig die Schlafsäle mit den spontan aufgestellten Feldbetten und kinderfreundlich so manche Ecken.

Seit Kurzem wird mit dem roten Kreuz und der Universität für angewandte Kunst (Social Design) zusammengearbeitet und weit mehr gemacht, als nur Möbel bemalt. Am Anfang des Semesters waren 40-50 Studenten an dem Projekt beteiligt und daraus sind mehrere Untergruppen entstanden.  Frau Menz, Architekturstudentin an der TU Wien, und von Anfang an mit Herzblut dabei, erklärt, dass die Zusammenarbeit extrem dynamisch funktioniere. 

„Die einen arbeiten theoretisch, wir eben praktisch. Am Ende werden aber alle Informationen zusammengefügt.“

So ist unter dem Namen „OUR CAFÉ VOZO“ ein Café entstanden, welches die Architekturstudenten mit Hilfe von Spenden gebaut haben und welches nun, nach der Eröffnung letzter Woche, von Studenten der Angewandten an zwei bis drei Tagen pro Woche betrieben wird. Außerdem wurde und wird an Kinderspiel-, Gemeinschafts- und Sporträumen gearbeitet, Workshops für Frauen organisiert, Skate- und Bikeworkshops betreut.

© Displaced
© Displaced
© Displaced
© Displaced

Das Café sei ein Kulturtreffpunkt für verschiedene Völkergruppen und von Frauen und Männern gleichermaßen besetzt, was wiederum nicht selbstverständlich sei. Das arbeiten hier mache Spaß. Trotzdem müsse man einsehen, dass wirklich viel in der kurzen Zeit mit nur wenigen Händen nicht machbar sei.

Außerdem wurde eine Karte für die jetzigen Bewohner des ehemaligen Finanzzentrums entwickelt, auf der Gratis-Erkundungstipps für die Stadt Wien eingetragen werden, um den Migranten die Stadt näherzubringen, die Integration zu fördern und das Ankommen zu erleichtern.

Wie alles begann und wie es weiter geht

© displaced
© displaced

Alles begann mit dem diesjährigen urbanize! Festival des Vereins für Stadtforschung (dérive). 3 Wochen vor der Eröffnung erklärte die Stadt Wien das Gebäude (das ehemalige Finanzzentrum in der Marxergasse 1/Vordere Zollamtstraße 7) zu einer Notunterkunft und die Veranstalter reagierten.

„Wir haben uns schon überlegt, das Festival abzusagen, um Platz zu machen“, meint Festivalleiterin Elke Rauth bei der Eröffnungsführung des Festivals, „aber wir dachten, es wäre wichtig, dass sie (Anm. die Flüchtlinge) sehen, dass das Leben weitergeht und dass sie den Alltag mitbekommen und ihn als neuen Anker sehen.“

Nachdem diese Menschen vor Krieg und Armut geflohen waren, sollten sie als Teil des Festivals miteingebunden werden, was den diesjährigen Schwerpunkt des Festivals „Perspektiven eines kooperativen Urbanismus“ plötzlich umso aktueller machte. 

Fragestellungen wie „Wie geht Zusammenarbeit überhaupt?“, „Wie lässt sich ein gleichberechtigtes Miteinander in einer immer stärker fragmentierenden urbanen Gesellschaft optimieren?“ und „Was bedeutet eine kooperative Gesellschaft für die Organisation von Stadt und Raum?“ wurden mit anderen Augen gesehen und bekamen eine größere Bedeutung.

Das Projekt der TU sollte nur eines von Vielen Ideen und Workshops von Veranstaltern für Interessierte Besucher werden, bei dem nebenbei etwas Gutes getan wird.

„Es ergaben sich einfach immer neue Aufgaben für uns und es kamen immer mehr Inputs von verschiedenen Seiten und wir konnten nach Ende des Festivals nicht einfach aufhören“, so die engagierte Studentin, „und es gibt immer noch viel zu tun. Es ist schön zu sehen, was man mit etwas Teamwork und ein paar einfachen Dingen alles machen kann.“

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Pläne © displaced
Pläne © displaced

Ziel war es, „Ideen und Konzepte diskursiv abzugleichen, um soziale, politische und vor allem räumliche Praktiken auszuloten“, heißt es in der Projektbeschreibung. Daraus wurde längst mehr. Nächtelanges Pläne-Zeichnen und Wunde Finger haben dazu geführt, dass das Gebäude, das zunächst für durchreisende Flüchtlinge bereitgestellt wurde, nun großteils dauerhaft etwa 850 Menschen beherbergt und das mit mehr, als einem Mindestmaß an Aufenthaltsqualität.

„Wir kämpfen an verschiedenen Fronten und auch politisch ist das nicht ganz einfach. Wir haben uns die Duschcontainer erkämpfen müssen“, erklärt Frau Menz.

© displaced
© displaced

Was noch gebraucht wird und wie man selbst aktiv werden kann, erfährt man über die Facebook-Seite des Projektes.

„Unser Ziel ist es, Erfahrungen in diesem Haus zu sammeln und auf andere Unterkünfte zu übertragen“, so Menz.

Am 31.05.2016 soll das Gebäude, das im Besitz der BIG (Bundesimmobiliengesellschaft) ist, renoviert und zu einem Gebäude der Universität für Angewandte Kunst umfunktioniert werden. Dem Displaced-Team ist leider nicht klar, was dann aus dem Projekt und vielmehr aus den bedürftigen Flüchtlingen werden soll.

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