Essen im Lampengeschäft, Schlafen beim Elektriker

Wo im Sommer noch Lampen verkauft wurden, steht heute eine Bar. Gleich nebenan, in der Elektrikerwerkstatt, kann man nun übernachten. Die alte Hausmeisterwohnung und die ehemalige Backstube werden auch grad zum Hotelzimmer: Junge Architektinnen und Architekten renovieren leerstehende Geschäftslokale im Karmeliterviertel und vermieten sie an Wien-Besucher. Das Konzept nennt sich „Grätzlhotel“ und möchte die professionelle Antwort auf AirBnB sein. Man wohnt in ungewöhnlichen Räumen und spürt den „Genius loci“, also den „Geist des Ortes“ – aber mit vollem Hotelkomfort.

Rezeption des Grätzlhotels Karmelitermarkt. Bild: C. Breuß
Rezeption des Grätzlhotels Karmelitermarkt. Noch steht ein Baucontainer davor. Bild: C. Breuß

Betten statt Lampen

Sieben Gassenlokale zwischen der Taborstraße und dem Karmelitermarkt werden gerade in Hotelzimmer umgebaut: darunter eine ehemalige Bäckerei, eine längst geschlossene Elektrowerkstatt und ein Lampengeschäft, das bis vor wenigen Wochen noch in Betrieb war. Eine in der Wiener Hotelszene bereits bekannte Truppe, die URBANAUTS, verwirklichen damit ihr drittes Grätzlhotel. Vor drei Jahren starteten die jungen Architektinnen und Architekten im 4. Bezirk und am Meidlinger Markt. Theresia Kohlmayr, Grätzlhotelbetreiberin: „Zu uns kommen Reisende, die schon viel gesehen haben und jetzt etwas Besonderes erleben wollen: Wiener auf Zeit sein.“

Eine Suite im Grätzlhotel. Bild: URBANAUTS, H. Henke
Früher ein Lampengeschäft, jetzt ein Hotelzimmer. Bild: URBANAUTS, H. Henke

Professionelle Antwort auf AirBnB

Vor allem Menschen zwischen Mitte 20 und Mitte 40 seien auf der Suche nach etwas Individuellem, so Kohlmayr. Sie kämen gut vorbereitet nach Wien und ließen sich gern auf Abenteuer ein: „Wir sind die Antwort auf AirBnB. Bei uns bekommt man Individualität in Verbindung mit Qualitätssicherung und zertifizierten Hotelstandards.“

Alle Grätzlhotelzimmer sind mit einem Schlafbereich, einer Küche und einem Bad ausgestattet. „Vier Sterne plus“, so Kohlmayr. Beim Design habe man sich an der früheren Nutzung der Räume orientiert. Der „Genius Loci“, also der „Geist des Ortes“, sei überall spürbar.

Gebucht wird online, kurz vor Anreise erhält der Gast einen Zutrittscode und genaue Ortsangaben. Die Endreinigung und ein Putzservice jeden dritten Tag sind inkludiert – auf Wunsch auch öfter. Das „Rezeption“ genannte Ecklokal Große Sperlgasse/Karmelitergasse dient als Anlaufstelle für Wien-Tipps und Kulturbuchungen.

Beserlpark vor dem Grätzlhotel: beliebter Spielplatz. Bild: C. Breuß
Hinter diesen Rollbalken entsteht gerade eine „Grätzl-Suite“. Bild: C. Breuß

Am Karmelitermarkt

Der schon mehr als hundert Jahre alte Karmelitermarkt galt Mitte der Nullerjahre als „heißer Tipp“. Bei Touristen steht er noch immer hoch im Kurs, doch szenemäßig wurde es zuletzt immer ruhiger. Wer wirklich hip sein will, frühstückt längst am Vorgarten- oder Volkertmarkt. Die Preise der Obst- und Gemüsestandler sind vielen Marktbesuchern zu teuer geworden. Der Service in den wenigen Lokalen am Markt lässt zu wünschen übrig.

Das Grätzlhotel könnte – wie die in diesem Jahr am Markt neu eröffnete „Weinschenke“ – Bewegung bringen: Die „Rezeption“ bietet auch den Anrainern Frühstück, Mittagsmenüs und Feierabenddrinks. Für die Umgebung hat das Grätzlhotel einen weiteren Vorteil, erzählt Kohlmayr: „Manche Nachbarn bringen Familie und Freunde von auswärts bei uns unter. So brauchen sie kein eigenes Gästezimmer und wohnen doch nah beisammen.“

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