Hauptbahnhof Wien – Aufruhr im Pendlerverkehr

Wenn am 13. Dezember die ersten Züge Richtung Westen fahren, wird der Hauptbahnhof Wien endlich zum zentralen Knotenpunkt für den Fernverkehr. Der Wiener Westbahnhof wird gleichzeitig zum Regionalbahnhof. Die ÖBB sind stolz auf neue Serviceangebote und erhöhen die Preise. Die Westbahn will unterdessen am Pendlergeschäft mitnaschen. 

Text: Andrea Vyslozil

Am 13. Dezember wird der neue Hauptbahnhof Wien den Vollbetrieb aufnehmen. Ab diesem Datum werden Fernzüge der Weststrecke nicht mehr den Westbahnhof sondern den Hauptbahnhof anfahren.

Die Fernzüge der Nord-, Süd- und Oststrecke verkehren bereits seit Dezember 2014 über den ehemaligen Südbahnhof. Der Westbahnhof wird künftig von der ÖBB nur mehr mit Regionalzügen angesteuert. Endstation der privaten Westbahn in Wien wird hingegen auch weiterhin der Westbahnhof bleiben.

Tickets werden teurer

1.105 Züge sollen laut ÖBB-Generaldirektor Christian Kern am Wiener Hauptbahnhof zukünftig jeden Tag abfahren beziehungsweise ankommen. Das entspricht 115.000 bis 120.000 Passagieren, die täglich abgefertigt werden, rechnete der ÖBB-Chef kürzlich bei der Präsentation des neuen Fahrplans vor.

Den Fahrgästen wird am Bahnhofsgelände ein Einkaufszentrum sowie gratis W-Lan geboten. Besonders stolz ist man bei den ÖBB außerdem auf die schnelle, direkte Verbindung zum Flughafen. Vom Hauptbahnhof nach Schwechat in 20 Minuten und das im Halbstunden-Takt.

Das Mehr an Service schlägt sich in den Fahrpreisen nieder. Um durchschnittlich 1,1 Prozent werden die Tickets der Bundesbahnen mit Jahreswechsel teurer. Jeder zweite Kunde wird von der Preiserhöhung betroffen sein. Grund wieso nicht alle Fahrgäste betroffen sind, ist der Pendlerverkehr: VOR-Zeitkarten werden etwa im Gegensatz zu den meisten Langstreckentickets nicht teurer.

Noch stehen am Hauptbahnhof hauptsächlich Regionalzüge, bald sollen es auch Fernzüge aus dem Westen sein
Bald mehr Fernzüge  als S-Bahnen am Hauptbahnhof (Foto: Vyslozil)

Pendler fühlen sich benachteiligt

Gleichzeitig fürchten Pendler eine Verschlechterung der Anbindung zum Westbahnhof. Auf aus dem westlichen Wiener Umland kommende  Berufstätige, Studierende und Schüler wirkt sich die Umstellung direkt aus. Sorgen machen sich vorallem jene, deren Arbeits- oder Ausbildungsplatz entlang der U-Bahnlinie U3 liegt. Die U6 ist mit dem Bahnhof Meidling auch in Zukunft gut angebunden.

All jene, die bislang etwa den Railjet zwischen St. Pölten und Westbahnhof nutzen, werden in Zukunft wohl auf einen Regionalzug, zum Beispiel den REX200 wechseln müssen um dorthin zu gelangen. Ja, es gebe Anfragen von verunsicherten Fahrgästen und verärgerten Pendlern, bestätigt ein ÖBB Mitarbeiter am Informationsschalter.

Der neue Hauptbahnhof sei Gigantomanie, lieber fahre er weiterhin zum Westbahnhof, erklärt ein Betroffener. „Ich bin nicht glücklich mit der Änderung“, meint auch eine Frau, die die Strecke mehrmals wöchentlich fährt. „Ich werde in Zukunft wohl länger brauchen um in die Arbeit zu gelangen“, sagt ein anderer Pendler. Er will in Zukunft mit einem Regionalzug zum Westbahnhof gelangen. Einen Wechsel zum Wettbewerber Westbahn schließt er aus.

In Zukunft nur mehr Regionalverkehr am Westbahnhof (Foto: Vyslozil)
In Zukunft nur mehr Regionalverkehr am Westbahnhof (Foto: Vyslozil)

Westbahn klagt

Der Verkehrsverbund Ost-Region (VOR) hatte für die am Westbahnhof wegfallenden Züge Ersatz durch andere ÖBB-Züge geplant. ÖBB-Konkurrent Westbahn hatte dagegen allerdings Einspruch erhoben und eine öffentliche Ausschreibung verlangt. Im Februar gab der Verwaltungsgerichtshof der Westbahn Recht. Das Verfahren musste neu aufgerollt werden.

Nach neuerlicher Vergabe des Auftrags an die ÖBB, brachte die Westbahn im September ein Nachprüfungsverfahren ein. VOR-Pressesprecher Georg Huemer spricht von „juristischem Aktionismus“. ÖBB-Pressesprecher Christopher Seif sagt zu dem Thema: „Wir fürchten die Westbahn als Mitbewerber nicht“. Es sei allerdings bedauerlich, dass der Kampf auf Kosten der Fahrgäste ausgetragen werde.

Die private Westbahn fährt auch in Zukunft am Westbahnhof ab (Foto: Vyslozil
Die private Westbahn fährt auch in Zukunft am Westbahnhof ab (Foto: Vyslozil)

Eine Milliarde schweres Projekt

Der neue Hauptbahnhof gilt als Prestigeprojekt von ÖBB, Stadt Wien und Bund: man wolle „eine der wichtigsten Drehscheiben in der Mitte Europas“ sein. Der Spatenstich für das Projekt erfolgte 2007, zwei Jahre später wurde der alte Südbahnhof abgerissen. 2012 konnte der Bahnhof den Teilbetrieb aufnehmen, bevor er Ende 2014 offiziell eröffnet wurde.

Insgesamt 1,006 Milliarden Euro kostet das Projekt laut Informationen des Verkehrsministeriums bis zu seinem endgültigen Abschluss 2016. Beim Erstentwurf 2003 war noch von 420 Millionen Euro die Rede gewesen. Zum Vergleich: Der Umbau des Salzburger Bahnhofs schlug mit 270 Millionen Euro zu Buche.

Einkaufszentrum und W-Lan am Hauptbahnhof (Foto: Vyslozil)

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