Start me up

Das Werkstatt-Kollektiv Kunstkanal veranstaltet dieses Jahr vom 19.-20. Dezember eine Geschenkwerkstätte. Hingehen lohnt sich, schnell sein lohnt sich doppelt, denn auf den Verkaufstischen landen ausschließlich Unikate.

Schwalben, Schuhe, Zeitungshalter

Über zwanzig Personen haben im Kunstkanal einen Platz gefunden ihre Ideen in Taten umzusetzen. Das Ergebnis kann sich im Zuge der Geschenkwerkstätte sehen lassen. Von Schuhen aus nachhaltigem Leder, über klassische Zeitungshalter, bis hin zu Kleiderhaken in Schwalbenform; das alles und vieles mehr wird hier im Kunstkanal in mühe- wie liebevoller Handarbeit produziert.

Handgefertigte Lederschuhe von Stefanie Kerschbaumer | (C) Felix Betzenbichler
Der Verein und die Idee dahinter

Dabei ist das Projekt aus einer Not heraus entstanden. Studium, fixe Anstellung, 13.- und 14. Monatsgehalt, fünf Wochen Urlaub im Jahr; diese Zeiten sind für junge Menschen vorbei. Der Kunstkanal machte daraus kurzerhand eine Tugend.

Hinter dem eigens gegründeten Verein mit dem sperrigen Namen „Verein zur Förderung transdisziplinärer Künste und Technologien“ verbirgt sich die Idee, den schwieriger werdenden ökonomischen Rahmenbedingungen im Kollektiv entgegenzutreten, um – im Idealfall – individuellen Erfolg zu ermöglichen. Denn die Generation Praktikum muss kreativ sein. Sie muss Unternehmergeist haben. Und sie muss bereit sein, finanzielle Risiken einzugehen. In einem Wort: sie soll Start-Ups gründen. Und keine Vereine.

Dicke Socken statt Förderungen

Vorstandsmitglied Milan Ammél kann ein Lied davon singen. Der eloquente Deutsche ist seit der Gründung 2012 dabei und so etwas wie die gute Seele des Vereins. Vor allem in den Anfangsjahren seien die finanziellen Schwierigkeiten groß gewesen, berichtet er.

„Verlangt nicht nach Geld. Wir haben keins“,
sei die Antwort der Politik gewesen.

Gefördert würden eben nur Unternehmensgründungen, aber keine Vereine. Ohne eine private Geldspritze wäre das Projekt gestorben, denn der Kunstkanal ist bewusst nicht marktwirtschaftlich organisiert. Im Gegensatz zu anderen Co-Working Spaces (d.h. Gemeinschaftsbüros) der Stadt, an denen in Fertigteil-Büroboxen anonym nebeneinander gearbeitet werde, wie Milan betont.

„Zwanzig Euro kostet die Mitgliedschaft bei uns im Jahr. Die jeweilige Miete ist dann abhängig von der Größe des Arbeitsplatzes.“, erklärt er die finanziellen Rahmenbedingungen. Verdienen tue der Verein an der Vermietung nichts. Es gehe darum die Miete so günstig wie möglich zu halten. Dazu gehöre halt auch, im Winter dicke Socken zu tragen.

Der letzte Korbflechter Wiens

„Aber im Keller gibt es seit diesem Jahr einen Holzofen.“, freut sich Luc Bouriel. Der Franzose ist ebenfalls seit den Anfangsjahren dabei und der einzig verbliebene Korbflechter Wiens. Anfangs habe Luc die Weidenruten daheim in der Badewanne eingeweicht, aber irgendwann sei die Wohnung zu klein für die steigende Auftragslage geworden. Über eine Anzeige ist er dann auf den Kunstkanal gestoßen. Sein Kerngeschäft mittlerweile: die für das Wiener Kaffeehaus typischen Zeitungshalter. Sich erfolgreich durch den Behördendschungel der Selbstständigen zu schlagen, wäre ohne die Unterstützung der Kollegen im Kunstkanal kaum vorstellbar gewesen. Und damit ein traditionelles Handwerk mehr gestorben.

Luc in seiner Werkstatt im Kunstkanal | photo credit by Edwina Sasse & Christoph Kirmaier

 

Jeder ist willkommen

„Natürlich funktioniert das hier ein bisschen wie in einer WG.“, meint Milan. Hinter ihm an der Tür hängt die Hausordnung. Und wie in jeder guten WG kommen die Leute in der Küche zusammen. Für Milans Kalender-Serie habe Wolfgang – ein Typograph – eine eigens kreierte Schriftart zur Verfügung gestellt. Ganze zwei Jahre dauerte die Entwicklung der Schrift. Diese Symbiosen sind kein Zufall, sie sind Ziel des Vereins. Der Kunstkanal legt wert darauf, Leute aus den verschiedensten Bereichen aufzunehmen. Das Wichtigste sei dabei, dass die Chemie stimme und sich die neuen Mitglieder einbringen.

Ab Jänner werden wieder Plätze frei, denn zwei Mieter ziehen erfolgsbedingt aus. Ihnen wurde der Platz im Kunstkanal zu klein. Wer auch immer auf der Suche nach etwas ist – neue Freunde, Inspiration oder einfach einem günstigen Produktionsplatz – die Chance hier zu finden wonach man sucht, ist groß.

Im Souterrain werden ab 1. Jänner 2016 zwei Plätze frei. Bewerbungen an: funkraum@kunstkanal.at | (c) Kunstkanal

 

 

Das Kunstkanal-Kollektiv:

Nora Dibowski & Simon Laburda entwerfen, gestalten und entwickeln Webapplikationen, Apparate, Objekte, Lichtskulpturen und interaktive Rauminstallationen aus High- und Low-Tech-Materialien.

Jochen Fiedler & Patrick Fabian konzipieren und realisieren Photovoltaik-Anlagen sowie mietbare Jurten (trad. Nomadenzelte aus Zentralasien).

Erkin Bayirli weckt mit seiner Wunderwuzzi Roboter- Initiative bei Kindern Neugier auf Elektronik und macht sie spielerisch greifbar. Mit spannenden Bastelkursen soll auf spielerische Art und Weise die Faszination für Robotik und Elektronik geweckt werden.

Der Cynema Cycle Club ist ein Open Air Kino der nachhaltigen Art: Der Strom für die Filmvorführung wird – fernab von Steckdosen – mit Hilfe von Stromgeneratoren erzeugt. Ein engagiertes und tretfreudiges Publikum ist also Voraussetzung für den Kinobetrieb!

Adam Donovan ist Hybrid-Medien Künstler der Bereiche Wissenschaft, Kunst und Technologie. Seine Arbeiten thematisieren Roboter-Skulpturen, Spiele-Umgebungen und Kamera-Tracking.

Kerschbaumers good leather goods fertigt handgemachte Schuhe und verschiedene Accesoires aus pflanzlich gegerbtem Leder, die jedem einzelnen Stück seinen eigenen Charakter verleihen.

Thomas Poganitsch hat sich erfolgreich neben seiner Tätigkeit als Designer und Creative Director die Aufgabe auferlegt, seinen Vogelschwarm aus Gips und Beton in die Welt zu entsenden.

Alexandra Petschar erweckt mit lens-a-part alte Kamera-Objektive wieder zum Leben – als tragbare Schmuckstücke, welche die Eigenheiten des klassischen Designs beibehalten aber durch die Zweckentfremdung neuen Ausdruck erhalten.

Luc Bouriel gestaltet als Korbsalix mit der alten Handwerkstechnik des Korbmachens aus Weiden, Stroh und Holz Körbe, Lampen, Zeitungshalter, viele weitere Objekte und bietet auch Workhops an.

Alfredo Zucchi creative writing and literary translation (English, French and Spanish to Italian)

Wolfgang Homola Schriftgestaltung (Soleil) + Grafik Design (Kommunikationsdesign, Bücher, Logos und visuelle Erscheinungsbilder, Leitsysteme, etc.)

Milan Emil Ammél setzt seinen Schwerpunkt auf Technik- & Medienphilosophie, Community-Verwaltung sowie Kunst- und Kulturmanagement und fertigt aus dem Input dieses Konglomerats interaktive Plastiken aus Holz.

Paper Republic produziert einzigartige Notizbücher, inspiriert durch traditionelle Buchbinder- und Drucktechniken.

 

Der Verein:

Homepage: www.kunstkanal.at
Facebook: https://www.facebook.com/kunstkanal/?fref=ts
Anschrift:
Verein zur Förderung transdisziplinärer Künste, Technologien und Start-ups
Ulrichgasse 1,
1020 Wien

 

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