Virtuelle Busfahrt durch Missbrauchsthematik in Indien

Ein indischer Medienkünstler entführt uns mit Hilfe der Oculus-Brille in eine virtuelle Busfahrt des Grauens. Mit seinem Medienprojekt Bhenchod – Indian Rape Culture Simulator zeigt er ein großes gesellschaftliches Problem Indiens auf: Vergewaltigungen.

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all © Bobby Rajesh Malhotra

Jyoti Singh Pandey – Das ist der Name der jungen indischen Frau, die im Dezember 2012 auf einer Busfahrt von Palam Vihar und Saket Market von einer Gruppe von Männern gefoltert und vergewaltigt wurde. Kurze Zeit später starb Jyoti im Krankenhaus. Die Proteste und Demonstrationen der indischen Bevölkerung waren groß und lautstark, das gesellschaftliche Umdenken passiert jedoch eher langsam und im Stillen.

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Bobby Rajesh Malhotra

Dennoch tut sich was, wenn auch nicht in Indien sondern in Wien. Der Grund dafür heißt Bobby Rajesh Malhotra. Der in Wien lebende Künstler setzt sich auf seine ganz eigenen Art und Weise mit dieser unschönen Thematik auseinander. Grund dafür sind einerseits Bobbys indische Wurzeln (Herkunftsland seiner Eltern) und ein persönlicher Vorfall, der ihm in Erinnerung geblieben ist. Denn als er 1991 mit seiner Mutter nachts im Bus durch Indien reiste, wurden sie von betrunkenen Männern umzingelt und heftig beschimpft. Dabei fiel auch das Wort „Bhenchod“ – was wörtlich übersetzt „Schwesternficker“ bedeutet und der Ausstellung Malhortas ihren Namen verlieh. Bobby und seine Mutter entkamen der Situation relativ glimpflich, die Eindrücke dieser Nacht werden jedoch ein Leben lang in ihren Köpfen bleiben.

Genau diese Situation und Gefühlslage versucht der 35-jährige nun in seinem Projekt Bhenchod – Indian Rape Culture Simulator wiederzugeben. Mittels einer Oculus-Brille und seinem an der Universität für angewandte Kunst Wien erlangten Wissens kreiert Malhorta einen 3D-Blick in die virtuelle Welt Indiens. 

Kaum ist die Brille umgeschnallt, findet man sich in der Virtual-Reality sprich auf der Sitzbank in einem Bus wieder. Dieser fährt – wie im Falle von Jyoti Singh Pandey – exakt von Palam Vihar nach Saket Market, was natürlich kein Zufall ist.

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Blick aus dem Fenster

Wendet man den Blick nach links aus dem Fenster, sieht man Abbildungen von fiktiven Bollywood-Filmen, rechts erscheinen diverse pornografische Darstellungen. Damit will Bobby auf die großen Unterschiede zwischen der gewollten bürgerlichen Utopie Indiens und dem Realitätszustand aufmerksam machen. Gerade die Diskrepanz zwischen den in Indien vergötterten Bollywood-Produktionen, in denen eine heile Welt voller Schönheit, Respekt, Toleranz und Liebe dargestellt wird und der tatsächlichen Welt mit ihren gesellschaftspolitischen Widersprüchen könnte größer nicht sein.

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Links sieht man Szenen aus Bollywood-Klassikern

Während man aus dem Busfenster blickt, ertönen Schreie und Gestöhne. Plötzlich drehen sich die Passagiere in der vorderen Reihe um und durchlöchern einen mit hasserfüllten Blicken.

Ringsum sieht man Männer, die einen mit wütenden, gierigen Augen ansehen, der Bus fühlt sich eng und überfüllt an, die Bedrängung und unmittelbare Nähe zu den Männern raubt einem den Atem. Die Egoperspektive und die Unfähigkeit des Weglaufens erzeugen zusätzlichen Druck.

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Dreht man sich um, sitzen weitere Männer in den letzten Busreihen.

Vergewaltigt wird man – Gott sei dank – nicht. Dennoch vermittelt diese interaktive Simulation einen Eindruck der Gefühlslage, in der die junge Frau Jyoti gesteckt haben könnte. Und von der verdrehten (Medien-)Realität Indiens, in der die Bollywood-Herrlichkeit im Kontrast zu realen Themen wie Gleichberechtigung der Frau und Sexualität steht.

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Besucher in der Operngasse mit Oculus-Brille

Erleichtert nimmt man die Oculus-Brille nach circa 5. Minuten wieder ab und stellt fest, dass man sich doch nur in der Operngasse 36 befindet. Die Gänsehaut bleibt jedoch noch länger.

Der „Bhenchod – Indian Rape Culture Simulator“ wurde vom 3. bis zum 12. Dezember in der Operngasse 36 bei freiem Eintritt angeboten. Die nächsten Termine für diese düstere Busfahrt wird es kommenden Februar geben. Updates und Infos gibt es hier.

 

Redakteur: Alex Ivo Baldissera

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