Die dreibeinige Garderobe von Leif Jorgensen erfüllt in ihrer Schlichtheit den Zweck. Foto: Hay

Eigentlich ganz einfach

Klare Formen, schlichte Technik und dennoch mit Raffinesse gespickt: Bemerkenswert simple Alltagsutensilien und Möbel einer „neuen Einfachheit der Dinge“ mit verblüffender Funktionalität präsentieren sich zurzeit im Museumsquartier.

Eine Abwechslung zum immer komplizierter werdenden Leben bieten die Designforen Österreich mit ihrer aktuellen Ausstellung „Simple – die neue Einfachheit“. In einer Ko-Produktion widmen sich die Designforen Wien, Steiermark und Vorarlberg dem Designtrend zur „neuen Einfachheit der Dinge“ – im Fokus liegen Möbel und Alltagsgegenstände.

Rund 60 Exponate der jungen lokalen und internationalen Designszene sind im Wiener Museumsquartier zu sehen. Ob Kleiderbügel, Garderobe oder Bücherregal – allen gemein ist, dass sie simpel sind. „Nur eben nicht banal einfach, sondern durchdacht einfach“, wie Kuratorin Isabella Natter-Spets bei der Führung durch die Schau erzählt. Die Objekte glänzen nämlich durch ihre praktische Handhabung und ausgeklügelte Funktion. So einfach die Ausstellungsstücke auf den ersten Blick wirken mögen, so schwierig sei oft die Entwicklungsarbeit gewesen, sagt die Kuratorin. Drei Köpfe von Design3000 und ausgedehntes Tüfteln seien nötig gewesen, um einen gewöhnlichen Nussknacker intuitiv und formschön zu gestalten.

Die schlichte Form des Nussknackers von Design3000 hat einen ganz besonderen Effekt: Nach dem Knacken öffnet er sich automatisch und beugt so schmerzenden Fingern vor. Foto: Jeppe Sorensen.
Die schlichte Form des Nussknackers von Design3000 hat einen ganz besonderen Effekt: Nach dem Knacken öffnet er sich automatisch und beugt so schmerzenden Fingern vor. Foto: Jeppe Sorensen

 

Einfach und ressourcenschonend

Beim Trend zur Einfachheit stehen aber nicht nur das Weglassen von unnötigem Schnick-Schnack und die Besinnung auf die Zweckorientierung im Mittelpunkt. Auch die ökologische Komponente spielt eine maßgebliche Rolle. Alle Designer legten beim Gestalten großen Wert auf die Nachhaltigkeit ihrer schlichten Objekte. „Emaille, Glas, Holz, Metall. Lauter Materialen, die man in den Recycling-Kreislauf zurückführen kann, wurden verwendet“, berichtet Natter-Spets.

Beispielsweise gelang es dem Grazer Designer Martin Breuer-Bono mit „Schlagseite“, einer simplen Latten-Konstruktion, Platz für elfeinhalb Laufmeter Bücher zu schaffen – mit geringstem Einsatz von Holz, denn als Rückwand und Stütze des Regals wird die ohnehin schon vorhandene Wand genutzt.

Auch der schonende Umgang mit Materialien macht einen Aspekt der neuen Einfachheit der Dinge aus, wie beim Regal „Schlagseite“ von Martin Breuer-Bono sichtbar wird. Foto: Lucas Breuer.
Auch der schonende Umgang mit Materialien macht einen Aspekt der neuen Einfachheit der Dinge aus, wie beim Regal „Schlagseite“ von Martin Breuer-Bono sichtbar wird. Foto: Lucas Breuer

 

Facettenreich einfach

Die Simplizität der Dinge liegt aber nicht nur in ihrer reduzierten Erscheinung oder dem sparsamen Umgang mit Materialien – die Einfachheit hat viele Seiten. So hat Kuratorin Natter-Spets die Ausstellungsstücke in unterschiedliche Sparten klassifiziert. Während einige Objekte durch ihre einfache Idee oder Form bestechen, zeichnen sich andere durch schlichte technische Lösungen oder simple Verarbeitungstechniken aus. Auch Materialien können einfach, aber neu eingesetzt worden sein.

Einen einfachen Transport ermöglicht der „armchair“ des polnischen Design-Duos Agata Kulik-Pomorska und Pawel Pomorsk. Sitzfläche und Rückenlehne sind aus Filz gefertigt und über ein Ventil beliebig mit Luft – der kostengünstigsten Ressource – zu befüllen.

Lässt man die Luft aus, verwandelt sich das Sofa zu flachen Teilen und ist für einen einfachen Transport bereit. Foto: Malafor.
Wird die Luft ausgelassen, verwandelt sich das Sofa zu flachen Teilen und ist für einen einfachen Transport bereit. Foto: Malafor

 

Wunsch nach Einfachheit

Die präsentierten Designobjekte machen aber nicht nur auf eine neue Stilrichtung aufmerksam. Auch in der Bevölkerung zeigt sich eine Rückbesinnung auf das einfache Leben, fernab jeglicher Komplexität. Design ließe sich aus diesem Grund als Spiegel der Gesellschaft sehen: „Man versucht auf die Welt, die einen umgibt, zu reagieren“, sagt Natter-Spets. „Diese Welt ist komplex, verworren und widersprüchlich geworden. Die jungen Designer haben den Wunsch, in ihrem eigenen Tun eine Ausdrucksform zu finden, die nachvollziehbar ist“, bestärkt die Kuratorin die künstlerische Suche nach der Einfachheit im Leben und den alltäglichen Dingen.

Die schlichten Exponate kommen im reduzierten weißen Ausstellungsraum des Wiener Designforums im Museumsquartier hervorragend zur Geltung. Foto: Designforum Wien.
Trotz ihrer Schlichtheit stechen die Exponate im reduzierten weißen Ausstellungsraum des Wiener Designforums im Museumsquartier hervor. Foto: Designforum Wien

 

Alte „neue Einfachheit“

Ganz neu, wie es der Ausstellungstitel vermuten lässt, ist dieses Bedürfnis nach Simplizität aber nicht. Es scheint sich vielmehr um eine „wiederkehrende Tendenz“ zu handeln, meint Natter-Spets. Unter die Ausstellungsstücke, die fast gänzlich im vergangenen Jahrzehnt entstanden sind, hat sich ein Objekt gemischt, das heuer 100 Jahre alt wird. Mit fast unverschämter Selbstverständlichkeit steht dieser Oldie in der Reihe der Designjünglingen. Wer wissen möchte, worum es sich dabei handelt, kann sich noch bis 14. Februar 2016 im Designforum Wien auf die Suche danach begeben.


»SIMPLE. Die neue Einfachheit« – Möbel und Objekte des Alltags

Ausstellungsdauer: 16. Dezember 2015 – 14. Februar 2016

Die Designforen Österreich setzen sich zum Ziel, Design der breiten Öffentlichkeit näher zu bringen.

Ort: designforum Wien, MQ/Q21, Museumsplatz 1, 1070 Wien

Öffnungszeiten: Mo bis Fr 10 – 18 Uhr, Sa und So 11 – 18 Uhr


Tickets: 2 Euro, ermäßigt 1 Euro

www.designforum.at/w

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