Wenig Winterzauber, viel studentische Armut

Hinter den Ständen des „Wintermarktes“ verkaufen zum Großteil Studierende von Kunstunis ihre Einzelstücke. Sie zählen zur ärmsten Gruppe der Studierenden an den öffentlichen Universitäten. Mit dem Verkauf hoffen viele sich ihr Einkommen aufzubessern. Der Markt der Akademie der Bildenden Künste fand heuer vom 18. bis 20. Dezember zum fünften Mal im Semper Depot statt.

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Markt der Unikate – 110 Standbetreiber verkaufen am Wintermarkt ihre Einzelstücke

„Es ist fast wie eine Ausstellung“, sagt die Malerei-Studentin Manuela. Sie und 109 andere Standbetreiber waren der Grund, warum das Semper Depot drei Tage lang nicht als Atelierhaus wiederzuerkennen war. Anstatt Theaterdekorationen und –kulissen fanden Besucher Drag-Queens mit selbstgemachten Kalendern, Roboter-Frauen mit Poträtmaschinen aus Pappe, Stände mit Vulva-Taschen, gestrickte Wollunterwäsche, Malereien, bedruckte Taschen und Lampen.

Inkognito an den Ständen

„Eigentlich ist es ja eine gute Sache um das Weihnachtsgeld aufzubessern. Die Frau dort ein paar Stände weiter macht inzwischen Performance und hat die Malerei aufgegeben, nutzt aber den Markt dazu sich mit alten Werken ein paar Euro zu holen. Es hilft ihr über die Runden zu kommen.“ In Verbindung mit diesem Markt möchte Manuela aber nicht gebracht werden. Ein Kollege hat ihr gesagt, das sei schädlich für die Karriere, möchte man sich als ernsthafte Künstlerin beweisen. „Es ist wichtig mit welchen Namen du assoziiert wirst. Da muss man sehr aufpassen und so ein Markt ist dafür nicht förderlich.“ Und trotzdem hat Manuela bisher jedes Jahr selbst einen Stand betrieben. Sie verkauft alte Druckwerke in verschiedenen Formaten, Produkte aus dem Unterricht oder Privatprojekten.

Studentische Armut ist schwer zu fassen

„Studentische Armut ist schwer in Zahlen zu fassen“, sagt Meryl Haas von der Österreichischen Hochschülerinnenschaft (ÖH). Berechnungen von Armutsgrenzen beziehen sich auf Einzelhaushalte und erfassen Menschen in Wohngemeinschaften oder Studierende, die bei den Eltern wohnen, nicht. In Österreich liegt die Armutsgefährdungsgrenze bei 1185 Euro im Monat. Nach Angaben der ÖH haben Studierende 870 Euro zur Verfügung. „Danach wären 60 Prozent der Studierenden arm. Allerdings ist es verkürzt nur Gesamtsummen heranzuziehen“, so Haas. „Es geht darum, ob ich mich mir medizinische Behandlung oder neue Kleidung leisten oder die Wohnung auch heizen kann.“

„Verschulung“ an Kunstunis führt zu Armut

Wie eine Studie der ÖH angibt, können sich 29 Prozent der Studierenden an Kunstunis keine neue Kleidung leisten, 19 Prozent haben nicht ausreichend Geld zum Heizen und 60 Prozent können keine spontanen Ausgaben von 430 Euro tätigen. Ein Semesterticket ist für 36 Prozent nicht leistbar und medizinische Versorgung für 16 Prozent nicht möglich. Damit sind die Studierende von Kunstunis, die am stärksten betroffen Gruppe innerhalb der Universitäten. Nur Studierende aus Nicht-EU-Staaten haben mit noch größeren Problemen zu kämpfen. “Das hängt mit der verschulten Struktur der Kunstunis zusammen. Projektarbeiten und Anwesenheitspflicht führen dazu, dass Studierende nur selten einem Nebenjob nachgehen können. Da gibt es an anderen Unis mehr Spielraum“, so Haas.

Als Gaffa-Galaktika tourt die Lehramtsstudentin mit ihrer Porträtmaschine. Ohne Nebenjob würde es aber zum Leben nicht ausreichen

Der günstigste Weihnachtsmarkt Wiens

Für Studierende sei der Wintermarkt besonders attraktiv, meint Mit-Veranstalterin Marianne. Mit 150 Euro für einen Standplatz für ein Wochenende sei der Markt der „günstigste Weihnachtsmarkt Wiens.“ Für einen Standplatz kann sich aber jeder bewerben, wobei Studierende der Akademie für Bildendende Kunst bevorzugt werden. Studierende haben auch die Möglichkeit um eine Notfallunterstützung für einen Standplatz anzusuchen, der alle Standkosten abdeckt. „Auch dieses Jahr haben das einige in Anspruch genommen. Insbesondere Menschen aus Nicht-EU-Staaten“, so Marianne.

Keine steuerlichen Begünstigungen für Studierende

Aber nicht nur für Studierende haben Wintermärkte einen finanziellen Reiz: Arbeitnehmer mit einem Gesamteinkommen von mehr als 12.000 jährlich können bei solchen Veranstaltungen bis zu 730 Euro dazuverdienen – und das steuerfrei. Generell gilt jedes Einkommen unter 12.000 Euro als frei von Steuern. „Studierende, die Familienbeihilfe beziehen, dürfen jedoch insgesamt höchstens 10.000 Euro jährlich verdienen, um die Beihilfe nicht zu verlieren“, sagt Vanessa Mühlböck von der Arbeiterkammer Wien. Überschreiten sie diesen Betrag sind Rückzahlungen oder der Wegfall der Beihilfe die Folge.

 

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