Wohnbauprojekt Gleis 21: Wohnen 2.0 mit Social Network inklusive

Mit Gleis 21 entsteht ein weiteres gemeinschaftliches Wohnbauprojekt in Wien. Bei einer solchen Wohnform geht es jedoch nicht nur um den hohen Stellenwert, den ein gemeinschaftliches Zusammenleben spielt. Die zukünftigen Bewohner haben auch die Möglichkeit, ihr Wohnhaus nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. 

Eine 1200 qm große Dachterrasse mit Bibliothek,  Kinderspielraum und Sauna, eine Gemeinschaftsküche und das gesamte Haus in Holzbauweise: so haben es sich die zukünftigen Bewohner des Wohnbauprojekts Gleis 21  gewünscht und so wird ihr Haus auch gebaut werden. Mit Gleis 21 entsteht neben dem neuen Hauptbahnhof und direkt am Helmut Zilk Park ein weiteres gemeinschaftliches Wohnbauprojekt.

Eine der  Grundideen von gemeinschaftlichen Wohnbauprojekten ist es, dass die Bewohner in Entscheidungsprozesse miteinbezogen werden. Je nach  Projekt, kann die Mitbestimmung von der  Planung des Freizeitprogramms bis zu Bauentscheidungen reichen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die gelebte Solitarität zwischen den Bewohnern. Dafür gibt gemeinschaftlich genützte Räumlichkeiten, in denen die Bewohner gemeinsam Zeit  verbringen können. Außerdem werden regelmäßig die verschiedensten Aktivitäten gemeinsam geplant und unternommen, um das Miteinander zu fördern.

Ausgangspunkt von Gleis 21 sind die Visionen der zukünftigen Mitbewohner: „Wir bauen auf nachhaltiges Leben. Wir setzen auf soziale Begegnungen. Wir leben Solidarität nach innen und nach außen“.

Credit: Wohnprojekt Gleis 21
Vorerst nur als Modell: das Wohnbauprojekt Gleis 21 (Credit: Wohnprojekt Gleis 21)

Auf der Suche nach der Wohnung in der Stadt mit Dorfcharakter: check!

Florian, ein zukünftiger Bewohner von Gleis 21 ist eigentlich nur durch Zufall auf das Bauprojekt gestoßen oder anders gesagt, „aus Zufall und Schicksal“, wie er es bezeichnet. Die Suche nach einem geeigneten Wohnraum für ihn und seine Ehefrau bereitete ihm bereits schlaflose Nächte. Es war kaum möglich, im bevorzugten vierten Wiener Gemeindebezirk eine leistbare Wohnung zu finden, die auch für den gewünschten Nachwuchs genug Platz bieten würde.

Vom Wohnbauprojekt Gleis 21 erfuhr er zufällig in der Sauna in einem Gespräch mit einem Bekannten. Er besuchte danach einen Infoabend des Projekts und seine Ehefrau und er waren von Anfang an von der Wohnidee, aber auch von der strukturierten Planung und der einladenden Atmosphäre, begeistert. Auch die Mitbewohner in spe waren ihm von Anfang an sympathisch.

Eine anfängliche Skepsis auf Florians Seite, dass es bei einem solchen Projekt in Richtung Kommune gehen könnte, war rasch verflogen. „Es gibt zwar eine Ideologie“, ist seine Meinung heute, „diese ist jedoch undogmatisch.“ Inzwischen sieht er das Projekt eher als riesige WG. Es ist ihm aber auch sehr wichtig, dass jeder der Bewohner seine eigenen vier Wände innerhalb des Hauses hat.

Ich bau‘ mir mein Haus im Wohnhaus

Das fertige Haus des Bauprojekts wird eine Mischung aus privater Wohnfläche und Gemeinschaftszonen. Es wird 30 Wohnungen in verschiedenen Größen umfassen, die wie bei normalen Mietformen, von den einzelnen Wohnparteien bewohnt werden. Zusätzlich dazu stehen den Bewohner noch die Dachterrasse und die verschiedenen Gemeinschaftsräume zur Verfügung, die gleichzeitig als Treffpunkt für die Bewohner untereinander dienen.

Das Haus in seiner geplanten Form wurde zu Großteil von  den zukünftigen Bewohnern – auch Baugruppe genannt – gestaltet. „In Wahrheit können wir alles entscheiden. Aber es gibt auch Rahmenbedingungen, die sehr eng gesteckt sind. Das ist die Bauordnung,  die Widmung, die Statik; dann muss man barrierefrei bauen. Aber im Rahmen dessen entscheiden wir als Gruppe alles selber“, beschreibt Florian die Mitbestimmung der Baugruppenmitglieder. Florian hat sich stark für den Bau einer Sauna eingesetzt und sein Wunsch wird realisiert werden.

Die meisten Entscheidungen in der Baugruppe werden soziografisch getroffen. Diese Methode wird verwendet, um Lösungen zu finden, bei denen der Widerstand am geringsten ist und mit der alle Beteiligten gut leben können.  Sie ist ideal für ein solches Projekt, weil sie es ermöglicht, komplexe Entscheidungen zu treffen und dabei die Bedürfnisse aller Abstimmenden zu berücksichtigen. Mit ihr ist es den Baugruppenmitgliedern sogar gelungen, die zur Verfügung stehen Wohnungen unter sich so zu verteilen, dass am Ende jeder mit seiner zukünftigen Wohnung zufrieden war.

Im Moment steht die individuelle Wohnungsplanung am Plan. Hierbei ist den einzelnen Bewohnern der Grundriss ihrer Wohnung vorgegeben, die Innenräume können aber von den Bewohnern individuell gestaltet werden.

Plan zum individuellen Gestalten der Wohnung credit: einszueins architektur
Plan zum individuellen Gestalten der Wohnung (Credit: einszueins architektur)

Solidarität wird großgeschrieben: jeder Bewohner leistet seinen Beitrag

Jeder der erwachsenen Bewohner von Gleis 21 verpflichtet sich dazu, im Monat 10 bis 15 Stunden für die Gemeinschaft zu arbeiten. Den Arbeitsbereich dürfen sich die Bewohner dabei selber aussuchen, wobei folgende Sparten wählbar sind: Architektur, Finanzen, Gemeinschaft, Kommunikation, Kooperation, oder Organisationsentwicklung. Einmal am Tag soll es eine warme Mahlzeit geben, die von Bewohnern gekocht wird.

Die Wohneinheit wird ein nachhaltiges Restaurant umfassen, das von einer Bewohnerin geführt wird. Im Sinne der Nachhaltigkeit sind auch Initiativen wie Foodcoops und ein offener Kühlschrank geplant. Zusätzlich soll es eine Medienwerkstatt und einen Regieraum geben. Es bestehen bereits Kooperationen mit Radio orange, okto TV und dem Stadtkino Wien. Geplant ist außerdem ein eigenes Grätzlradio. Professionelle Unterstützung in diesem Bereich darf die Gruppe von dem langjährigen ORF-Redakteur Michael Kerbler erwarten, der auch Mitglied des Projekts ist.

Solidarität auch wirklich zu leben, ist der Baugruppe besonders wichtig. Deswegen werden zwei Wohneinheiten ausschließlich für Flüchtlinge zur Verfügung stehen. Die zukünftigen Bewohner dieser Wohneinheiten sollen dann voll und ganz am Geschehen teilnehmen und in alle Aktivitäten eingebunden werden.

Credit: Wohnprojekt Gleis 21
Das Miteinander steht im Zentrum bei Gleis 21 (Credit: Wohnprojekt Gleis 21)

Wie alles begann

Das Projekt wurde ursprünglich von dem Architekten Markus Zilker (einzueins Architektur) und dem Prozessbegleiter Gernot Tscherteu (realitylab) initiiert. Zilker hat bereits in Aspern das Wohnbauprojekt Seestern Aspern und das Wohnprojekt Wien realisiert, in dem er auch selber wohnt und das ein Vorbild für Gleis 21 ist.

Anfang 2015 wurden ein Konzept-Wettbewerb für Baugruppen für vier Grundstücke nahe des Hauptbahnhofs ausgeschrieben. Die Initiatoren fassten die Idee, an dem Wettbewerb teilzunehmen und gingen damit an die Öffentlichkeit, um interessierte Mitglieder für die Baugruppe zu finden. Es formierte sich eine Gruppe von 20 Personen, die den Wettbewerb schlussendlich auch gewann. Im Herbst 2015 verdoppelte sich die Anzahl der zukünftigen Bewohner und bildet nun die Baugruppe in ihrer heutigen Form.

Das Wohnbauprojekt Gleis 21 wurde als Verein gegründet. Das Haus wird dem Verein gehören und die Bewohner als Vereinsmitglieder besitzen Nutzungsverträge mit dem Verein.

Der voraussichtliche Baubeginn ist in einem Jahr und das Haus soll im Jahr 2018 fertiggestellt werden.

http://gleis21.wien/

http://www.wohnprojekt-wien.at/

http://seestern-aspern.at/