PraktikantInnen ist interessante Tätigkeit wichtiger als Geld

Auf der Watchlist-Praktikum beklagen sich PraktikantInnen über schlechte oder fehlende Bezahlung. Eine neue Studie des Familienministeriums zeigt jedoch Anderes. Am Ende entscheiden sich die meisten gegen das Geld.

„Praktika sind oft der Start ins Berufsleben und können eine Chance für junge Menschen sein, in ein Berufsfeld hinein zu schnuppern“, sagt Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP) bei der Pressekonferenz zur Studie „place to perform“ im Dezember 2015 in Wien. Eine interessante Tätigkeiten, das Arbeitsklima, nette ArbeitskollegInnen und persönlich betreut zu werden, ist den Jugendlichen beim Praktikum wichtiger als die Entlohnung. Das geht aus einer Online-Erhebung hervor, die die uniforce Consulting GmbH gemeinsam mit Sophie Karmasin präsentierte. Befragt wurden dafür ParktikantInnen aus verschiedenen Branchen zwischen Juli und September 2015 mittels Online-Fragebogen. Insgesamt sechs verschiedene Kategorien (Arbeitstätigkeit, Arbeitsklima, ArbeitskollegInnen, Betreuung, Arbeitsbedingungen, Bewerbungsprozess) bewerteten die PraktikantInnen aufgrund ihrer Erfahrungen.

PraktikantInnen wünschen sich respektvollen Umgang

„PraktikantInnen wünschen sich einen respektvollen Umgang, hilfsbereite KollegInnen, die bei Fragen helfen, und eine Ansprechperson, die unterstützend zur Seite steht“, berichtet Elisabeth Höllhumer von uniforce Consulting. Ihr Fokus liege vor allem auf inhaltlichen Tätigkeiten, bei denen sie nicht immer dasselbe machen, die Möglichkeit Neues zu lernen und Verantwortung zu übernehmen, weniger darauf was sie verdienen, resümiert Höllhumer die Ergebnisse.

Gewerkschaft: PraktikantInnen müssen und wollen auch fair bezahlt werden

Für Dwora Stein, Bundesgeschäftsführerin der Gewerkschaft GPA-djp ist klar, dass es für junge Menschen wichtig ist, dass ihre Arbeit interessant ist. „Dass die Entlohnung weniger wichtig wäre, widerspricht den Erfahrungen hunderter Betroffener, die sich bei uns gemeldet haben. Schlechte oder fehlende Bezahlung ist das zentrale Problem“, so die Gewerkschafterin.

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www.watchlist-praktikum.at ©GPA-djp

Die Watchlist-Praktikum wurde vor gut einem Jahr von der work@flex in der  GPA-djp und der GPA-djp Jugend ins Leben gerufen, um die Rechte junger Menschen in der Arbeitswelt durchzusetzen. Dort können Betroffene anonym ihre unbezahlten und unterbezahlten Praktika melden. Die Daten werden an die Gebietskrankenkassen weitergeleitet, um die Unternehmen zu prüfen. „Zehntausende Klicks, weit mehr als 100 Anzeigen und erste Gerichtsverfahren bestätigen, wie notwendig die Watchlist-Praktikum ist, und dass es diese Probleme tatsächlich gibt“, so Veronika Kronberger, in der GPA-djp für die Watchlist-Praktikum zuständig. „Die Bezahlung sollte PraktikantInnen nicht egal sein. Alleine den 287.652 PflichtpraktikantInnen jährlich entgehen 174 Mio. Euro, weil sie zu gering oder gar nicht bezahlt werden.“

Beratung, Watchlist, Checklisten gegen problematische Praktika

Weil vielen Jugendlichen oft nicht klar ist, welche Regeln gelten, bieten sowohl Gewerkschaft als auch Arbeiterkammer Beratung an. Aus ihren Beratungen wissen sie, dass die verschiedenen Begriffe, wie Volontariat, Pflichtpraktikum und Ferienjob vermischt werden. Das würden Arbeitgeber ausnutzen, meint Kronberger. Rechtlich, von der Bezahlung und von den Ansprüchen sind die verschiedenen Formen von „Praktika“ aber sehr unterschiedlich.

„Ein Praktikum gibt es zum Beispiel im Arbeitsrecht gar nicht. Das sind normale Arbeitsverhältnisse, die nach Kollektivvertrag bezahlt werden müssen. Ein Volontariat sind nur Schnuppertage, in denen junge Menschen ein Gefühl für Arbeitsabläufe bekommen sollen. Es bestehen weder Arbeitspflicht noch Anspruch auf Bezahlung“, erklärt Veronika Kronberger. Das Familienministerium hilft mit Praktika-Checklisten für PraktikantInnen, Eltern, Schulen und Unternehmen aus. „Wir wollen, dass der junge Mensch nicht unwissend rangeht und mit den Unternehmen diskutieren kann“, sagt Karmasin.

Top-Unternehmen und schwarze Schafe

Aber auch Vorzeigebtriebe werden mit der Studie „place to perform“ präsentiert: Als Top-Unternehmen für PraktikantInnen zeichnete uniforce heuer beispielsweise die Firmen Fritz Egger GmbH & Co. OG, die KTM AG, die EVN AG, die KPMG Austria GmbH und die Ernst & Young ServicegmbH & Co OG Steuerberatungsgesellschaft aus.

Die Gewerkschaft ist über die schwarzen Schafe informiert. „Viel zu oft werden PraktikantInnen von Unternehmern als gratis Arbeitskräfte ausgebeutet“, so Veronika Kronberger. „Viele nehmen die geringe Bezahlung in Kauf, weil es ohne Praktikum inzwischen leider fast unmöglich ist, überhaupt eine Fix-Anstellung zu bekommen. Wer aber normal arbeitet und nicht ausgebildet wird, muss nach Kollektivvertrag bezahlt werden.“

Infos:
uniforce Consulting GmbH
Watchlist-Praktikum
Praktika-Checklisten des BM für Familie und Jugend
Arbeiterkammer

Wenig Winterzauber, viel studentische Armut

Hinter den Ständen des „Wintermarktes“ verkaufen zum Großteil Studierende von Kunstunis ihre Einzelstücke. Sie zählen zur ärmsten Gruppe der Studierenden an den öffentlichen Universitäten. Mit dem Verkauf hoffen viele sich ihr Einkommen aufzubessern. Der Markt der Akademie der Bildenden Künste fand heuer vom 18. bis 20. Dezember zum fünften Mal im Semper Depot statt.

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Ein Herbst auf der Flucht

Den Herbst über hat das Kollektiv „Lost“ Refugees auf ihrem Weg durch Europa begleitet und ihre persönlichen Geschichten aufgeschrieben. In der Galerie Herr Leutner präsentieren sie am 17. Dezember ihr Buch, das abseits schneller Schlagzeilen von Flucht, Krieg und Verfolgung erzählt.

all © Lost:The Story of Refugees

Es ist eine lange Reise mit vielen Stops. Sie führt in eine aufgelassene Asfinag-Halle in Salzburg, an den Grenzzaun Ungarns, zum ersten EU-Flüchtlingshotspot auf Lesbos. Das Fotoreportagenbuch „Lost: The Story of Refugees“ dokumentiert einen Herbst auf der Flucht. Hinter dem Projekt steht ein Kollektiv aus fünf jungen Freiberuflern: Die Journalistin Franziska Tschinderle, die Fotografen Martin Valentin Fuchs und François Weinert, der Organisator und Übersetzer Simon Hellmeyer und der Grafiker Maximilian Schnürer. Gemeinsam sind sie zwischen August und November über die Länder des Balkans bis nach Lesbos gereist, um Flüchtlinge auf einem Teil ihres Weges entlang der Balkanroute zu begleiten.

Das Team von "Lost"
Das Team von „Lost“ (Martin Valentin Fuchs, Simon Hellmeyer, Franziska Tschinderle    Maximilian Schnürer, Francois Weinert)


Reportagen und Portraits

In schwarz-weiß Fotostrecken, Reportagen und Portraits geben sie ihre Eindrücke der Reise auf 160 Seiten wieder. So erzählt „Lost“ von einer Nacht in einem Maisfeld vor den Toren Europas, dem Begräbnis eines Familienvaters in einem Olivenhain auf Lesbos, stellt Rem aus Syrien oder Basir aus Afghanistan vor.

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Berichterstattung jenseits schneller Schlagzeilen

Es sind die persönlichen Lebensgeschichten einzelner Flüchtlinge, anhand derer das Buch die strukturellen Rahmenbedingungen von Flucht begreifbar macht. „Unser Ziel war es, einzelne Protagonisten aus der Masse herauszulösen und politische und strukturelle Missstände mit individuellen Erlebnissen und detailreichen Beschreibungen zu erklären“, sagt Franziska Tschinderle. Dafür habe man sich viel Zeit genommen und mit Flüchtlingen vor, während und nach ihrer Flucht gesprochen.

Guter Zweck
Finanziert hat das Team von „Lost“ das Buchprojekt durch Spenden von Privatpersonen und Medienkooperationen, unter anderem mit dem Nachrichtenmagazin Profil. Daran verdienen wollen sie nicht. Alle Erlöse aus dem Verkauf des Buches fließen in Integrationsprojekte der Caritas, die von „Lost“ für die Leserinnen dokumentiert werden sollen.

Wanderausstellung
Im Rahmen einer Wanderausstellung durch Österreich und Süddeutschland sind ausgewählte Reportagefotos und Portraits auch in Galerien zu sehen.
Bis 21.01. hält die Ausstellung in der Galerie Herr Leutner in der Westbahnstraße. Weitere Ausstellungen im Laufe des Jahres 2016 sind in Bayern, Linz, Villach, Innsbruck, Vorarlberg und Salzburg geplant.

Zu kaufen gibt es das Buch ab 18.12. in der Buchhandlung Walther König, der Kunsthalle Wien, der Buchhandlung Phil und der Galerie Herr Leutner. Oder online unter refugeeslost.com