Möbel bewegen Erinnerung

Wer schon immer einmal wissen wollte, wie der Begründer der modernen Psychoanalyse zu wohnen pflegte, dem sei die Ausstellung „Freud´s Dining Room . Möbel bewegen Erinnerung“ im österreichischen Museum für Volkskunde ans Herz gelegt. Entlang von handwerklichen Unikaten wird hier die Geschichte der Familie Freud illustriert. Von Möbelstücken als stummen Zeitzeugen.

Die schlechte Nachricht vorweg: Wer darauf hoffte, die berühmte Couch der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung  aus nächster Nähe zu betrachten, wird leider enttäuscht. Das Objekt war über fünfzig Jahre hinweg fester Bestandteil der Freudschen Praxis „Berggasse 19“.  Heutzutage ist die Couch,  zentrales Element tausender Therapiestunden und Kultobjekt zugleich,  im Freud Museum in London ausgestellt.

Selbiges Museum, welches zu Lebzeiten der Familie Freud auch deren letzten Wohnort darstellte, beherbergt weiterhin fünf Möbelstücke ländlich-alpiner Herkunft. Nach dem auferlegten Anschluss Österreichs durch die Nationalsozialisten im Jahr 1938 entschloss sich die Familie, nach England zu emigrieren. Deren Anwesen am Hochrothberg in Niederösterreich diente als Wochenendhaus und beherbergte den Großteil der familiären Besitztümer. Als US-Amerkanerin gelang es der Arbeits- und Lebenspartnerin von Anna Freud, Dorothy Tiffany Burlingham, jene Möbelstücke der Familie außer Landes zu bringen, welche heute im Volkskundemuseum bestaunt werden können.

Freud bei seiner Siesta. In einem Bildband, welchen Anna ihrem Vater zu Weihnachten schenkte. © C. Jürgensen
Freud bei seiner Siesta. Der Eintrag war Teil eines Bildbands, welchen Anna ihrem Vater zu Weihnachten schenkte. © C. Jürgensen

Möbelstücke als Zeitkapsel unserer Vergangenheit

Die Kuratorin Birgit Kohler wirft in ihrer Ausstellung die Frage auf, inwieweit Möbelstücke Teile unseres Selbst beinhalten und welchen Wert wir ihnen beimessen. Welche Bedeutung kommt Einrichtungsgegenständen in Zeiten des „Billy“ Regals zu? Können sie Teil unserer Geschichte sein, eine Zeitkapsel unserer Vergangenheit?

Die Bedeutung von (Einrichtungs-)Gegenständen verändert sich in gleichem Maße, wie sich Erinnerungen oder Lebenspraxen ändern. Im Leben der Familie Freud, gekennzeichnet durch eine Vergangenheit der Vertreibung und des Verlusts, waren sie konkrete Träger von Erinnerungen an ein geliebtes, aber verloren gegangen Leben.

Kleiderkasten, entstanden anno 1835. © C. Jürgensen
Kleiderkasten, entstanden anno 1835. © C. Jürgensen

Die Zeigepraxis von Substituten 

Die Tatsache, dass es sich bei allen ausgestellten Stücken um Substitute der Originale handelt, untermalt die Botschaft der Ausstellung. Der damals unfreiwillige Transport des Mobiliars ins Exil nach England sollte durch einen Rücktransport nach Wien nicht jäh wiederholt werden: Die Abstraktionen in der Schausammlung des Volkskundemuseums übertragen die Möbel auch an den Ort, an dem sie sich einst befanden, nach Österreich.

Das ausgestellte Mobiliar setzt sich größtenteils aus Truhen und Schränken zusammen. Sie zeichnen sich allesamt durch eine farbenfrohen, durch Ornamente verzierten Stil aus, welches das damalige Interesse an der sogenannten Volkskunst widerspiegelte. Personalisierungen, etwa in Form von Widmungen, machten viele Exemplare zu Einzelstücken, welche meist anlässlich eines drastischen Wandels im Leben der Beschenkten überreicht wurden – etwa bei Verlobung, Hochzeit oder Geburt eines Kindes.

Freuds Dining Room, aufgenommen nach Anna Freuds Tod 1982. © C. Jürgensen
Freuds Dining Room, aufgenommen nach Anna Freuds Tod 1982. © C. Jürgensen

Der Ausstellung „Freuds Dining Room“ gelingt es, die Geschichte einer bedeutenden Familie entlang einer Symbiose von Möbelausstellung und Familienportrait aufzuarbeiten. Auszüge aus persönlichen Briefen und historische Bildaufnahmen aus dem Familienarchiv lassen die Vergangenheit der Freuds wiederaufleben.  Man muss weder Innenarchitekt noch Student der Psychologie sein, um an dieser Ausstellung Gefallen zu finden. Bis zum 31. Mai 2016 hat man in der Laudongasse 15-19 noch Gelegenheit dazu.

Der Hinterhof des Volkskundemuseums lädt zum Verweilen ein. © C. Jürgensen
Der Hinterhof des Volkskundemuseums lädt zum Verweilen ein. © C. Jürgensen