Wenn Mädchen Flossen wachsen

Einmal im Monat verwandelt sich die Therme Wien in ein Paradies für Meerjungfrauen-Fans. Ein spezieller Workshop gibt großen und kleinen Mädchen die Chance einmal selbst die Schwanzflosse anzulegen. Das sogenannte Mermaiding verbindet Spiel und Sport, hat aber auch einen ernsten Hintergrund.

Text: Andrea Vyslozil

Wenn man sie am falschen Fuß erwischt, kann die friedlichste Meerjungfrau binnen Sekunden zur renitenten Sirene werden. „Ich will die blaue Flosse“, ruft Katharina. „Nein, ich will die blaue Flosse“, entgegnet Simone. Bevor die Situation zu eskalieren droht, holt Trainerin Sabrina Scheuer weitere Meerjungfrauenkostüme hervor: Polyesterschläuche mit eingenähter Monofin in grün, pink und orange. „Die will ich“, quietscht Katharina und stützt sich auf die pinke Flosse. Schauplatz der Beinahe-Auseinandersetzung zwischen den Teenagern ist die Therme Oberlaa. An jeweils einem Sonntag pro Monat findet hier der Flossenschimmer-Workshop der Austrian Mermaids statt.

Quelle: Austrian Mermaids

Rund 15 Mädchen und junge Frauen haben sich zusammengefunden um ihren Traum vom Unterwassermärchen wahr werden zu lassen. Bevor das kollektive Planschen beginnt, gibt es eine theoretische Einweisung an Land. Auf Yogamatten versammeln sich die Teilnehmerinnen zum Sitzkreis. „Was genau ist eine Meerjungfrau?“, fragt Chef-Nixe Scheuer in die Runde. Ein zierliches Mädchen um die 20 meldet sich zu Wort: „Ein mystisches Wesen, halb Mensch, halb Fisch.“ Fische nutzten eine seitliche Schlängelbewegung der Schwanzflosse, Seejungfrauen hingegen schwömmen eher horizontal wellenförmig, gibt Scheuer zu bedenken. Genau wie Wale, Delfine, Robben und andere Meeressäugetiere. Auf wissenschaftliche Exaktheit legen die Austrian Mermaids Wert. Wir lernen: Meermenschen zählen nicht zur Gattung der Fische.

Der Sexappeal von Walrössern

Nach ein paar Trockenübungen zum vertikalen Hüftschwung – „der ganze Körper ist eine Welle“ – geht es endlich Richtung Wasser. Jetzt müssen es die angehenden Mermaid-Schwimmerinnen allerdings erst einmal schaffen ihre Flossen anzulegen. Das Fußstück mit dem Gummiriemen ist schnell angelegt, dann folgt der Kampf mit dem Polyesterschlauch. Alle liegen rücklings am Boden, Hinterteil in der Höhe wird der Stoff Stück für Stück über die Hüften gezogen. Meerjungfräulichen Sexappeal sucht man hier vergebens. Viel eher erinnert die Szene an die gestrandeten Walrösser aus einer Universum-Dokumentation. Nach erfolgreicher Aufgabe der Beinfreiheit robben die Teilnehmerinnen zum Beckenrand.

Quelle: Austrian Mermaids

Wer je in seinem Leben versucht hat im Delfinstil zu schwimmen, weiß, dass die Anweisung „der ganze Körper ist eine Welle“ theoretisch deutlich klarer ist als praktisch umsetzbar. „Achtet darauf eure Füße zu bewegen und nicht die Knie abzuwinkeln“, rät Scheuer. Wer die Knie abknickt, belustigt zwar die übrige Gruppe, bleibt ansonsten aber auf der Stelle. Entsprechend groß ist die Nervosität vor dem ersten Versuch. Dann geht es los: Luft anhalten, Arme ausstrecken, Bauch anspannen, Füße paddeln. Es ist zugegebenermaßen eine ungewohnte Bewegung. Doch nach den ersten vorsichtigen Flossenschlägen fühlt sie sich richtig an. Elegant gleiten die Neo-Meerjungfrauen durchs Wasser.

Traumjob Meeresaktivistin

Was machen Meerjungfrauen eigentlich beruflich? „Meerjungfrauen sind nicht nur Entertainer und Strandmodels. Ihr wichtigster Job ist es, sich als Botschafterinnen des Ozeans für den Schutz des Meeres stark zu machen“, erklärt Scheuer. Verschmutzung, Überfischung und Klimawandel bedrohen das Ökosystem. Das schadet nicht nur der Natur sondern langfristig auch den Menschen. Denn die im Meer lebenden Algen dienen als wichtige CO2-Speicher und Sauerstofflieferanten. „Gut zwei Drittel des weltweit freigesetzten Sauerstoffs kommt von Algen“, erklärt Scheuer.

Die Mermaid-Schülerinnen üben unterdessen Purzelbäume im Wasser. Ohne Fischschwanz ein Kinderspiel, mit eine kleine Herausforderung. Auch beim versuchten Kopfstand wird schnell klar: die Flosse hat ein ganz schönes Gewicht. Nun machen auch die im Trockenen erklärten Atemübungen Sinn. Die ungewohnte Bewegung Unterwasser ist doch ziemlich anstrengend und kostet entsprechend Puste. Das alles tut der Begeisterung der Kursteilnehmerinnen aber keinen Abbruch. Fast ein bisschen enttäuscht wirken sie, als Scheuer sie nach einer knappen Stunde aus dem Becken holt. Simone befreit sich aus ihrem blauen Fischschwanz. Ihre Wangen sind rot von der Anstrengung, sie strahlt übers ganze Gesicht: „Schön war das!“ Sie und ihre Freundin Katharina wollen auf jeden Fall wiederkommen.

Informationen zu Kursen und Workshops der Austrian Mermaids gibt es hier.

Die Autorin als Meerjungfrau. Quelle: Privat

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