Leinwand-Fokus: Menschenrechte

Zum neunten Mal fand This Human World statt – zum ersten Mal unter einer neuen Leitung.

Es waren über Hundert Dokumentar- und Spielfilme die am diesjährigen This Human World Festival in Wien gezeigt wurden. Unter der neuen Leitung von Djamila Grandits und Julia Sternthal rückte das Filmfestival von 1. bis 11. Dezember zum neunten Mal Menschentrechte und daran anschließende aktuelle Debatten in den Mittelpunkt.

Ich glaube, Film und Kunst können es schaffen, Menschen, aus ihrer Komfortzone zu locken. – Julia Sternthal

Dass die Leitung der Veranstaltung gewechselt hat, lässt sich auch an der Wahl des diesjährigen Eröffnungsfilms erkennen. Houses without Doors von Avo Kaprealian ist ein Home-Movie, das die Stimmung auf den Straßen Aleppos in Syrien einfängt – und eine Abwechslung zu den abgenutzten Medienbildern in der Berichterstattung über den syrischen Bürgerkrieg darstellt.

houses-without-doors-%e2%88%8f-this-human-world
Szene aus dem Eröffnungsfilm Houses Without Doors, Quelle: This Human World 2016

Stimmungs-Killer Syrien

Verwebt wird der billig produzierte Film – es stand keine bessere Kamera zur Verfügung – mit Archivmaterial vom armenischen Völkermord sowie Szenen aus dem Western El Topo von Alejandro Jodorowsky.

„Mutig“, schreibt Andrey Arnold in der Presse, über die Entscheidung, diesen  experimentellen und durchaus auch sperrigen Film im Rahmen der Eröffnung zu zeigen. Die Kraft, die aus der eindringlichen Privatperspektive in Houses without Doors ausgehen, machte sich auch auf der anschließenden Feier breit.

„Ich denke, dass alle recht mitgenommen waren vom Film“, sagt eine Teilnehmerin über die Eröffnungs-Party. Die Stimmung sei lange nicht so ausgelassen gewesen wie im letzten Jahr als die Feier bis vier Uhr morgens dauerte.

the-fits-%e2%88%8f-this-human-world
Szene aus The Fits, Quelle: This Human World 2016

Ein Perspektivenwechsel

Es sei diese Kraft, die das Kino zum idealen Ort macht, das Publikum fÜr eine Vielfalt von Realitäten zu sensibilisieren, erklärt die Festivalleitung. „Ein kritischer Blick auf gesellschaftliche, politische und kulturelle Entwicklungen gibt die Möglichkeit, diese zu reflektieren, zu hinterfragen, zu verhandeln“, so Djamila Grandits im Programmheft.

Das Ignorieren der Menschenwurde war ein Kernthema am diesjährigen Festival. Systematische Menschenrechtsverletzungen durch Polizei und Militär, dem Umgang mit Erinnerung und Verdrängung, Trauma und Konflikt, Grenzüberwindungen, Arbeitswelten und –Realitäten,  Zukunftsperspektiven sowie Migration und Flucht.

Migration und Flucht bestimmen seit Mitte 2015 auch die politischen und medialen Agenden in Österreich. Andernorts – in Italien zum Beispiel – muss sich die Gesellschaft  schon lange damit auseinandersetzen. Von österreichischer Seite wurden immer wieder Bedenken geäußert, dass  der Fluchtweg nach dem Schließen der Balkanroute und dem Wirksamwerden des Türkei-Abkommens von der Ägäis wieder stärker über den Brenner führt.

Szene aus dem Dokumentarfilm Brennero, Quelle: This Human World 2016

Brenner: Leben an der Grenze

Das Leben an ebendieser Grenze dokumentiert der Film Brennero. Dieser symbolische Grenzort an der italienisch-österreichischen Grenze, erweist sich für die meisten aus Italien nach Norden reisenden Flüchtlinge als Endstation.

Brenner – das ist ein Ort der Durchreise, an dem sich geschichtlich und politisch viel abspielt hat. Und doch scheint die Zeit still zu stehen. Auf die Frage, ob man denn den Ort nicht weniger depressiv hätte darstellen können, antworteten die beiden Produzenten Julia Gutweniger und Florian Kofler: „Das haben wir versucht, das ist dabei raus gekommen.“

Das Festivalprogramm konzentrierte sich auf insgesamt neun Themenschwerpunkte. So beleuchtete etwa die Film-Reihe bodies* die Hoheit über die eigene Körperlichkeit. Die Themen Pubertät und Genderidentität treffen im US-amerikanische Coming-of-age Film The Fits aufeinander.

do-not-resist-%e2%88%8f-this-human-world
Szene aus Do not resist, Quelle: This Human World 2016

Aufklärung ist Arbeit

Die Reihe institutions setzte sich filmisch mit dem Aufeinandertreffen von System und Individuum und daraus resultierenden Menschenrechtsverletzungen auseinander. Einen tiefen Einblick in die Entwicklung der Militarisierung der US-amerikanischen Polizei gab der Dokumentarfilm Do not resist.

Mit seinen neun Schwerpunkten, einer Jugendschiene und einem Wettbewerbsprogramm, das sich heuer unter anderem auch dem Animations- und Experimentalfilm widmet, gab sich das Festival dieses Jahr thematisch gewohnt breit gefächert.

„Ich glaube, Film und Kunst können es schaffen, Menschen, aus ihrer Komfortzone zu locken und sie durch audiovisuelle Mittel tief berühren. Film hat nach wie vor eine enorme Macht, wenn es darum geht, Informationen zu verbreiten und Aufklärungsarbeit zu leisten“, meint Julia Sternthal.

 

 

Schreibe einen Kommentar