Sicht auf die Donau von der Floridsdorfer Brücke aus

Ist die Brigittenau the new black?

Es scheint ein recht schmaler Grat zu sein, zwischen aufstrebendem Viertel – spannend und anziehend für Hipster, Hippies, Bobos, Papas und Gentrifizierungshölle – viel zu hohe Mieten, kaputtsanierte Straßenzüge, überteuerte Cafès, Touristen auf Segways. Ein Bezirk, dem diese Entwicklung schon seit einiger Zeit prophezeit wird, ist die Brigittenau. Ist die kleine Schwester der Leopoldstadt schon am Weg zur Transformation?

dsc_0305

Zumindest was die innere Brigittenau betrifft, die an den 9. und an den 2. Bezirk grenzenden Grätzel, gibt es viele Grundlagen, die dafür sprechen, dass der Gentrifizierungsprozess früher oder später stattfinden wird: Die Lage ist verlockend, einigermaßen zentral und gut erreichbar, S-Bahn sowie vier der fünf Wiener U-Bahn Linien kreuzen den Bezirk, beziehungsweise die unmittelbare Nachbarschaft dessen.

Durch den Augartenpark mit seinem absurden Kontrast von liebevollst gestalteter Gartenanlage und Raketenabwehr-Türmen aus dem zweiten Weltkrieg, den Park entlang des Donaukanals, über den die Innenstadt per gänzlich autofreiem Spaziergang erreichbar ist und die Brücken  zur Donauinsel, dem kilometerlangen kostenlosen Freibad Wiens ist die Brigittenau überdurchschnittlich grün. Das ist sie übrigens auch politisch. Und es lässt sich nicht leugnen, dass hier eifrig saniert, renoviert und ausgebaut wird. Auch die große Brachfläche des Nordwestbahnhofes soll im kommenden Jahrzehnt bebaut werden.

dsc_0005

Wie es sich für jedes ordentliche Wiener Grätzel gehört, gibt es außerdem einen Markt. Dieser ist für Wiener Verhältnisse recht klein und macht manche durch seine hohe Dichte an Fleischhandlungen stutzig. An Samstagen gibt es zusätzlich zu Schweineköpfen und Rinderhufen einen Flohmarkt. Kürzlich war über den Hannovermarkt in einer Wiener Wochenzeitung zu lesen, erwähnt wurde er allerdings nur am Rande: Die Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger, vor wenigen Wochen einen runden Geburtstag feiernd, empfing den Journalisten zum Interview in ihrer Wohnung „gegenüber vom Hannovermarkt, hoch über den Dächern, hieß es. Gar in einem neu ausgebauten Dachboden?

dsc_0318

36

Unter leidenschaftlichen Clubgängern, die nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt in der Grellen Forelle die Nacht durchtanzen, wird der Hannovermarkt als heißer Tip für ein Katerfrühstück gehandelt. Und unter schlacksigen großen Männern ist der Markt zwischen Jägerstraße und Friedensbrücke vor allem wegen der dort beheimateten Kletterhalle bekannt. Und: Es reiht sich Barbiershop an Damenfriseur. Eine hohe Dichte an Friseursalons spricht auch für eine eintretende Gentrifizierung. Doch bei genauerer Betrachtung scheint die Sorge trotzdem vorerst unbegründet. Susi, die vor einigen Monaten aus Berlin in die in der Brigittenau gezogen ist, ist jedenfalls dieser Meinung: „Ein Spaziergang durch das Grätzel fühlt sich anders an, als einer durch Prenzlauberg. Hier ist eher tiefsten Neukölln, vom Feeling her. Aber gerade das mag ich ja.“ sagt sie und nimmt einen weiteren Biss von ihrem Pljeskavica.

dsc_0316

Es gibt sie noch, die Spelunken und die Wettbüros. Die nicht jugendfreien Etablissements. Nach einem Soja Latte sucht man vergeblich, nach minimalistischem Interieur und Freelancern an MacBooks sebenfalls. Es werden eher Lokalschließungen bedauert als Neueröffnungen gehypet.

dsc_0457

Das Shelter, ein charmant abgefucktes Kellerlokal, in dem regelmäßig Bands spielten, ist seit dem Sommer geschlossen. In der Dammstraße hatte ein Paar, eine Grafikerin und ein Elektriker, ein uriges kleines Wirtshaus übernommen. Beim Art’ner gab’s liebevoll zubereitetes Essen, Tatort-Fernseh-Abende, sogar Yoga-Unterricht. Aber nach nur einem Jahr gaben die beiden das Gastwirtdasein wieder auf. Und auch die Bäckerei Prindl, die sich seit vielen Jahren durch durchgehende Öffnungszeiten bei Nachtschwärmern beliebt macht, musste Konkurs anmelden. Durch die nahtlose Übernahme ist den BrigittenauerInnen diese Schließung aber erspart geblieben.

Der zwanzigste Wiener Gemeindebezirk wird wohl vorerst bleiben, was er ist. Ein Bezirk in dem man sich das Wohnen leisten kann, an dem man immer am Sonntag Brot kaufen können wird, aber nie gemütlich im Cafè sitzen. In dem man zwar zu Fuß in den angesagtesten Club der Stadt gehen kann, aber keine Bar finden wird, die einen nicht in ein hartnäckiges Eau de Aschenbecher hüllt. In dem sich Susi mehr Sorgen macht, von wilden Jugendlichen mit dem Moped, als von gaffenden Touristen mit dem Segway niedergemäht zu werden. Und in dem man an sonnigen Tagen im Augarten liegen und nostalgisch werden kann, beim Lesen der Jugendbücher von Christine Nöstlinger.

Schreibe einen Kommentar