Was ist das für 1 Jugendwort?

Österreich hat gewählt: Das Wort, Unwort und Jugendwort des Jahres 2016. Nur ist letzteres heuer kein Wort, sondern gleich ein ganzer Satz, der für viele 1 Rätsel aufgibt.

Das österreichische Wort des Jahres 2016 heißt „Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung“, das mindestens genau so interessante Jugendwort lautet „Was ist das für 1 life?“, teilte die Forschungsstelle Österreichisches Deutsch der Universität Graz via APA mit. Die Fachjury unter Germanist Rudolf Muhr wählt seit 1999 jährlich aus eingesendeten Vorschlägen aus, was den öffentlichen Diskurs in Österreich im jeweiligen Jahr besonders prägte.

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Auch auch Festivals vertreten: 1 life. (Foto: Jakob Bouchal)
1 Jugendwort

„Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung“ ist ganz eindeutig ein Wort. Soweit, so nachvollziehbar. Was aber ist mit dem Spruch „Was ist das für 1 life?“ gemeint? Und warum wurde er zum Jugendwort des Jahres gewählt?

Money Boy und Twitter

Weite Verbreitung fand der Satz und das Phänomen, den Artikel „ein/eine“ oder einzelne Wortsilben durch 1 (z.B. m1 für „meine“) zu ersetzten, über die sozialen Medien, vor allem über Twitter,  da die zur Verfügung stehende Zeichenanzahl begrenzt ist.

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„Ich lebe nur aus 1 Grund“ – Graffitis spiegeln Jugendkultur wieder. (Foto von der Autorin)

Sehr starken Einfluss hatte dabei der Wiener Cloud Rapper Money Boy. Angeblich fing er mit der Sprachspielerei an, die sich schnell zum Trend entwickelte und im Gegensatz zum Wort des Jahres tatsächlich in Gebrauch ist. Dabei schwingt oft auch eine große Portion Ironie mit. „Von den Jugendlichen wird damit eine gewisse resignative Grundhaltung zum Leben ausgedrückt, das oft als mühsam, stressig und als wenig hoffnungsvoll empfunden wird“, urteilte die Jury.

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Mitlerweile ist der Spruch im Diskurs und im Kapitalismus angekommen. (Screenshot lifethings)

Ähnlicher Ansicht ist auch Amira Ben Saoud, Chefredakteurin von the Gap, Magazin für Glamour und Diskurs. Sie kennt sich mit Jugendkultur uns -sprache bestens aus und weiß: „Im kontrafaktischen Zeitalter, umgeben von Krisen und mit einer völlig unsicheren Zukunft konfrontiert ist ‚1 Life‘ der kleinste  gemeinsame Nenner, der (jungen) Menschen noch geblieben ist. Die Frage danach drückt auf ironische Weise einen sehr ernsten Schauer vor der Gesellschaft aus, changierend zwischen resignierendem Händeringen, schulterzuckendem Aufschrei und belustigtem Nihilismus.“ Ein nicht sehr optimistische Haltung also.

Es gab im Vorfeld 138 Einzelwortnominierungen von Wörtern, die als Jugendwort in Frage kommen würden. Schließlich wurden im letzten Wahlgang 9.240 Stimmen abgegebenen, heißt es in der Presseaussendung des Instituts.

Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung

Die Wahl für dieses außergewöhnlich lange Wort des Jahres, das im täglichen Sprachgebrauch wohl eher wenig eingesetzt wird, begründet die Jury damit, dass das Wort „sowohl inhaltlich, als auch aufgrund seiner Länge ein Sinnbild und ironischer Kommentar für die politischen Ereignisse dieses Jahres ist. 2016 war vom überaus langen Wahlkampf für die Bundespräsidentenwahl, der Anfechtung der Stichwahl, deren Wiederholung und zusätzlich auch noch von der Verschiebung derselben gekennzeichnet.“

Zum Unwort des Jahres wurde übrigens „Öxit“ gewählt, der Spruch des Jahres hat ebenfalls die Wahl zum Thema: „Bundespräsidentenwahl 2016-2019: Ich war dabei!“ lautet er. Zum Un-Spruch wurde „Sie werden sich noch wundern, was alles möglich ist“ des FPÖ-Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer gewählt.

Wahlvorgang

Die Einsendungen werden von der Jury sortiert und dann wieder zur Wahl gestellt. Auf Basis dieses zweiten Votings, bei dem sich 12.500 Menschen beteiligten, und eigener Überlegung bestimmte die Jury die Sieger. Ausgewählt werden Wörter, die wichtig, von besonderer Bedeutung und von besonderer sprachlicher Qualität sind. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Wort einen neutralen, positiven oder negativen Inhalt ausdrückt, so die Jury. Gewählt werden ein Wort/Unwort des Jahres, ein Jugendwort sowie ein Spruch/Unspruch. Heuer war die Beteiligung an der Wahl im ersten und zweiten Wahlgang höher als je zuvor. Das zeige ein großes Interesse an Alltagssprache, so Muhr.

Auffällig ist der Gegensatz zwischen dem „normalen“ Wort des Jahres und dem Jugendwort. Zweiteres wird tatsächlich im alltäglichen Kontext verwendet, ob gesprochen oder geschrieben. Ob jemald ein Österreicher oder eine Österreicherin, ob jung oder alt, das Wort „Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung“ in den Mund genommen hat oder wird, sei dahingestellt.

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