So hat das Internet auf das Wort des Jahres reagiert

Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) kürte das Wort „postfaktisch“ zum Wort des Jahres 2016. Die Reaktionen des Internets ließen nicht lange auf sich warten, und zeigen die Ironie des Wortes klar und deutlich auf. Die Kommentare auf Social Media lassen genau jene emotionale, realitätsferne Stimmung spüren, aus der der Ausdruck „postfaktisch“ erst entspringen konnte.  Der Grundtenor: Wer sind die da oben, dass sie uns sagen wollen, was postfaktisch ist, und was nicht?

Tweet zum Wort des Jahres: "Postfaktisch ist, wenn Russland bis hin zur Kriegstreiberei verteufelt, aber mit den wahren Teufeln gekuschelt wird."
Quelle: Twitter

Postfaktisch und stolz drauf

Faktenorientierung sei ohnehin sinnlos geworden, so die Stimmen im Netz, denn man bekäme von den verlogenen Medien und Politikern nur mehr Halbwahrheiten aufgetischt. Das Wort des Jahres sei ein weiterer Versuch vom System, den Bürgern ihre Intelligenz abzusprechen und Meinungen, die vom Mainstream abweichen, zu diskreditieren.

Facebook-Kommentar zum Wort des Jahres
Quelle: Facebook

Postfaktisch sei  nichts weiter als eine Floskel der Eliten, die nicht damit umgehen könnten, dass sie nicht länger das Informationsmonopol innehaben. Diese Kommentare erscheinen jedoch trotzdem unter den Meldungen von etablierten Mainstream-Medien – selbst die skeptischsten Nutzer scheinen diese also noch zu verfolgen, wenn auch nur, um die Postings zu kritisieren.

Kommentar zum Wort des Jahres auf Facebook
Quelle: Facebook

Das Wort wirkt auf manche Nutzer außerdem wie ein fadenscheiniger Erklärungsversuch für den überraschenden Ausgang verschiedener Wahlen weltweit, von Trump bis Brexit. Einer dermaßen breiten Masse an Wählern mangelnde Rationalität und das Abwenden von Tatsachen vorzuwerfen, sei vereinfachend und abwertend.

Twitter-Kommentar zum Wort des Jahres
Quelle: Twitter

Woher das Wort des Jahres wirklich kommt

Was mit dem allgegenwärtigen „postfaktisch“ nun wirklich genau gemeint ist, erklärt Sprachwissenschaftler und Vorstandsmitglied der GfdS, Jochen A. Bär. „Das Kunstwort postfaktisch verweist darauf, dass es heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht. Immer größere Bevölkerungsschichten sind in ihrem Widerwillen gegen »die da oben« bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen zu akzeptieren. Nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der »gefühlten Wahrheit« führt zum Erfolg.“

In der Jury, die das Wort des Jahres wählt, sind der Hauptvorstand der Gesellschaft für deutsche Sprache sowie wissenschaftliche Mitarbeiter. Das Wort des Jahres wird nicht etwa danach gewählt, wie häufig es benutzt wurde, sondern danach, wie wichtig und präsent es in diesem Jahr war. So soll der Zeitgeist des Jahres eingefangen werden. Weitere Wörter, die es in die Top 10 des Jahres 2016 geschafft haben, sind etwa Brexit, Trump-Effekt und Gruselclown.

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