Studenten in der Nachtschicht

Es ist mal wieder Semesterende, es steht mindestens eine große Prüfung und eine Bachelorarbeit an und du kannst dich einfach nicht aufraffen? Dann raus aus dem tristen WG-Zimmer und ab zur Nachtschicht auf der Uni-Bib, denn bei dieser Veranstaltung bringt sogar der größte Aufschieber was auf Papier.

Es ist 22:30 Uhr und die Gänge vor der Bibliothek der Uni Wien sind gestopft voll. Zu einer Zeit, wo normalerweise nur noch der Portier seine letzten Runden drehen darf, trifft man plötzlich auf Massen von Studenten, die diskutieren, Pause machen und büffeln. Sie kommen alle aus der Hauptbibliothek, in der ein großes Menschengewusel herrscht, während das restliche Uni-Gebäude schon schläft. Es ist Nachtschicht in der „Uni-Bib“, was bedeutet, dass der der große Lesesaal bereits seit Stunden gesteckt voll mit motivierten Studis ist.

Das Ziel des Nachtschicht-Events, das dieses Jahr vom 19. auf den 20.  Jänner stattfand, ist es, den Studierenden die Möglichkeit zu geben, eine Nacht lang gemeinsam durchzumachen. Zu diesem Zwecke eröffnete die Universitätsbibliothek bis sechs Uhr früh ihre Lesesäle. Und das Konzept geht auf: Schreibblockaden und Angst vor großen Prüfungen werden in dieser Nacht endlich überwunden, denn man motiviert sich gegenseitig und  das kollektive Ziel ist klar auf Produktivität gesetzt.

Hatice und Tuba, 35 und 26 studieren Politikwissenschaft und Wirtschaft, sie wollen bis zwölf oder eins durchhalten. Hatice lernt für Europäisches Recht und Tuba für Historische Grundlagen. „Zuhause kann ich mich schwer konzentrieren, es gibt Ablenkung: Fernsehen und Essen, hier in der Bibliothek ist es besser.“  Sie kommen ursprünglich aus Istanbul und lernen seit zwei Jahren Deutsch. Deswegen sind die Prüfungen oft schwieriger für sie. „Bei mir ist es schon der dritte Antritt“, sagt Hatice.

Hatice und Tuba (Mitte und Rechts) bestanden auf ein Selfie mit der Autorin.

Hatice und Tuba nehmen dieses Semester zusammen mit etwa 750 Studierenden an der Nachtschicht teil. Zehn Prozent der Schreibenden und Lernenden halten tatsächlich bis zum Schluss durch.

„Es ist eine ganz einzigartige Lernatmosphäre während der Nachtschicht. Die Studierenden motivieren sich gegenseitig“, sagt Pamela Stückler, die Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der Bibliothek. Die Nachtschicht wird dieses Semester zum 12. Mal von ihr und ihrem Team organisiert. „In den vergangen Jahren sind ein oder zweimal Leute mit Schnaps aufgetaucht, die haben geglaubt, wir machen hier Party. Aber das haben wir gleich abgedreht. Die Studenten wollen hier ernsthaft was weiter bringen.“ Dreimal während der Nacht wird sogar Pausensport angeboten, um die müden Knochen ein bisschen auszuschütteln.

Mag. Pamela Stückler in ihrem geliebten Lesesaal.

Unterstützt werden die Schreibenden durch das einzigartige Angebot, das während der Nachtschicht in der UB geboten wird: Ein ganzes Team von Bibliothekaren und Schreibmentoren steht bereit, um ihnen jede Frage zum wissenschaftlichen Arbeiten zu beantworten. Sogar spezielle Workshops und Beratung, wie Plagiatsfälle zu vermeiden sind, gibt es. „Vor allem schätzen die Studierenden aber das gratis Buffet“, so Pamela.

Die Schlange vor dem Buffet reicht über den ganzen Gang.
Die Schlange vor dem Buffet reicht über den ganzen Gang.

Für das Team der UB ist die Nachtschicht mittlerweile zum Fixprogramm des Eventkalenders geworden. Seinen Anfang nahm das Event in den kleinen Fachbereichbibliotheken, seit dem Wintersemester des letzten Jahres findet die Nachtschicht im großen Stile in der Hauptbibliothek statt. „Letztes Jahr war der große Lesesaal in kürzester Zeit voll besetzt mit Studenten und wir mussten den Portier bitten, ob er uns noch zwei Hörsäle aufsperren kann, weil wir sonst die ganzen Leute nicht untergebracht hätten.“

Auch der Hörsaal 21 wird zum lernen genutzt. Schreibmentoren stehen für Fragen bereit.
Auch der Hörsaal 21 wird zum Lernen genutzt. Schreibmentoren stehen für Fragen bereit.

Mittlerweile sind standardmäßig zwei Hörsäle für die Lernenden geöffnet. Die Mitarbeiter teilen sich auf alle Säle auf, um den Studierenden optimale Unterstützung beim Recherchieren und Schreiben zu geben. Seit zwei Jahren ist auch das Center for Teaching and Learning der Universität Wien mit dabei. Die professionellen Schreibmentoren stehen Studierenden mit Schreibblockaden zur Seite. „Schreibprobleme tauchen auf allen Ebenen immer wieder auf“, erklärt Brigitte Römmer-Nossek vom CTL. „Beim Schreiben handelt es sich eigentlich um einen Entwicklungsprozess. Es kann mehrere Jahre dauern bis jemand lernt, wirklich gut wissenschaftlich zu schreiben.“

Daniela Beuren von der GeWissS, die im Nachtschicht Vortrags-Programm mit einem Gender Vortrag vertreten ist, bestätigt das. „Der häufigste Fehler ist, dass die Leute immer sofort überarbeiten wollen. Man schreibt den ersten Satz und möchte ihn gleich perfekt machen. Dann kommt der zweite Satz, der perfekt sein muss. Und so kommt man meistens nicht sehr weit.“

„Einfach mal raushauen und dann erst überarbeiten, ist ein guter erster Tipp“, so Brigitte Römmer-Nossek.

Der Infopoint ist die erste Anlaufstelle für Studierende während der Nachtschicht.

Das Team der UB ist die ganze Nacht dabei, um zu beraten und zu organisieren. „Um zwei ist meistens der große Ansturm vorbei, da wird man auch schon mal müde. Aber es ist ein Projekt, wo für uns viel Herzblut drinnen steckt.“

Die Studenten sind dankbar für die Aktion und kommen jedes Semester in großen Scharen. „Wir haben schon ganze Diplomarbeiten in dieser Nacht Korrektur gelesen“, verrät uns Pamela.

Die nächste Nachtschicht der UB findet am Ende des Sommersemesters 2017 statt. Nähere Infos gibts auf der Facebook Seite der Unibibliothek.

 

Ein Gedanke zu „Studenten in der Nachtschicht“

Schreibe einen Kommentar