Wiener Video Rekorder: Forscher zeigen 500 alte Privatfilme online

Die Österreichische Mediathek hat private Videofilme von Wienern gesammelt und digitalisiert. Bei dem Projekt „Wiener Video Rekorder“ sind 3.000 Stunden Material zusammengekommen, vor allem aus den 1980er- und 90er-Jahren. Die Öffentlichkeit kann jetzt darauf zugreifen, 500 Clips sind auch online abrufbar.

Praterfest, Demo auf der Ringstraße oder private Hochzeitsfeier: Die Österreichische Mediathek des Technischen Museums hat über 3.000 Videokassetten von Wiener Privatpersonen gesammelt, teils restauriert und die Aufnahmen digitalisiert. Dabei sind über 3.000 Stunden an Videomaterial mit Szenen aus dem Alltag zusammengekommen, die im Archiv der Österreichischen Mediathek in Wien ab jetzt von jedem angesehen werden können. Rund 500 Clips sind zusätzlich auch online abrufbar.

Das Projekt heißt „Wiener Video Rekorder“. Die Idee dahinter war, Aufnahmen aus dem Alltagsleben für die Öffentlichkeit und die wissenschaftliche Forschung zu archivieren und so dauerhaft zu bewahren, sagte Projektleiterin Gabriele Fröschl bei der Präsentation am 24. Februar. Private Dokumente der Wiener Alltagskultur und des Stadtlebens sollten damit vor der Vergessenheit gerettet werden. Denn bestimmte Themen würden in der öffentlichen Erinnerung zu kurz kommen: „Privatsammlungen finden nur schwer den Weg in öffentliche Archive.“

Rund 500 Clips sind auf der Website des Wiener Video Rekorders online. Bild: Österreichische Mediathek

Privates aus der VHS-Blütezeit

Der Großteil der eingesendeten Amateurfilme stammt aus den 1980er- und 90er-Jahren, der Blütezeit der VHS-Videos. Die damals neue Möglichkeit, mehrere Stunden zu filmen, hatte auch den Charakter der Aufnahmen beeinflusst. „Wenn ich nur kurze Filme aufnehmen kann, überlege ich mir genauer, was ich filme. Es wird gestraffter dokumentiert. Bei VHS-Aufnahmen hingegen wird oft draufgehalten“, sagt Fröschl im Gespräch mit studentenleben.jour.at. Die längeren Videoaufnahmen würden auch einen Blick auf vermeintliche Nebensächlichkeiten erlauben.

Szenen aus dem Alltag mit Familie und Freunden sind am häufigsten unter den Einsendungen zu sehen.  Feste, Reisen und Freizeitaktivitäten wurden auch sehr oft gefilmt. Als Beispiele wurden bei der Projektpräsentation ein aufsührlicher Schwenk über eine angerichtete Hochzeitstafel und Umgebungsaufnahmen aus Hietzing 1997 gezeigt. „Solche Dokumente erlauben Einblicke in das frühere Stadtbild und den Öffentlichen Raum“, erklärte Fröschl.

Vor dem Verfall gerettet

Drei Jahre lang ist das Projekt gelaufen, rund zwei Jahre davon haben die Leiterin und ihr Team Videos gesammelt. Spender gab es genug. „Hätten wir noch weiter gesammelt, hätten wir auch noch mehr Einsendungen bekommen. Wir mussten das aber in bewältigbaren Ausmaßen halten. Wichtig war, nur so viel zu sammeln, wie wir auch digitalisieren können“, sagte Fröschl.

Viele der privaten Einsender stellten ihre Videos deshalb zur Verfügung, weil die Mediathek ihnen jeweils eine digitale Kopie gegeben hat. Die eingesendeten Videos waren teilweise beschädigt und mussten vor der Digitalisierung restauriert werden. So konnten viele Besitzer ihre Filme vor dem Verfall retten.

Über 3.000 Videokassetten von Wienern wurden in der Österreichischen Mediathek digitalisiert. Viele davon wurden so vor dem Verfall gerettet. Foto: Österreichische Mediathek/Gerhard Sedlaczek

Ob es „typische“ Einsender gegeben hat? Nein, sagt Fröschl. „Da waren alle dabei; jung, alt, Frauen, Männer.“ Von zugewanderten Wienern hätten sie allerdings kaum Material bekommen. Es sei schwierig, Privataufnahmen von eher geschlossenen Gruppen zu erhalten. Außredem sei der Digitalisierungsgrad im migrantischen Milieu bereits weiter fortgeschritten, da Zuwanderer diese Technologie oft für die Kommunikation mit ihren Heimatländern einsetzten.

International einzigartig

Finanziert wurde der Wiener Video Rekorder mit einer Förderung vom Wiener Wissenschafts- und Technologiefonds (WWTF) in der Höhe von 237.000 Euro. Es sei ein international einzigartiges Sammlungsprojekt, sagt Fröschl. „Wir haben bei unseren Recherchen nichts Ähnliches gefunden.“

Auch Gabriele Luna-Kratky, Direktorin des Technischen Museums, betonte bei der Präsentation die Bedeutung des Wiener Video Rekorders: „Mit dem Projekt wurde ein Gedächtnisspeicher privater Erinnerung angelegt, der unser Bild des ausgehenden 20. Jahrhunderts für die Forschungstätigkeit des 21. Jahrhunderts verfügbar macht und bewahrt.“

Bei der Projektpräsentation „Wiener Video Rekorder“. Im Bild v.l.n.r.: Gabriele Fröschl, Leiterin Österreichische Mediathek, Michael Stampfer, GF Wiener Wissenschafts- Forschungs- und Technologiefonds und Gabriele Luna-Kratky, Direktorin Technisches Museum. Foto: Technisches Museum Wien/APA-Fotoservice/Hörmandinger

Das Urheberrecht an den digitalisierten Videos bleibt bei den Urhebern, also jenen, die gefilmt haben. Will jemand eines der Videos oder einen Teil daraus verwenden, muss das über die Österreichische Mediathek mit den Urhebern geklärt werden.

 

Link: Wiener Video Rekorder

Österreichische Mediathek

Marchettischlössl (1. Stock mit Lift)
Gumpendorfer Straße 95, 1060 Wien
Tel.: +43 1 597 36 69-20

Öffnungszeiten: Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag: 12 – 18 Uhr. Freitag: 10 – 15 Uhr

Zu den Öffnungszeiten können vor Ort auch jene Videos gesichtet werden, die nicht online sind. Weitere Infos findest du hier.

Titelbild: Österreichische Mediathek/Stephan Grundei

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