Die Kranken, die Toten und die Irren

Masken mit Narben und eitrigen Pocken im Gesicht, blutüberströmte Körper, aufgerissene Wunden und verkrüppelte Gelenke: an Halloween sind der Kreativität im Hinblick auf grauenhafte Kostüme keine Grenzen gesetzt. Dabei sind viele der Verkleidungen nicht der Fantasiewelt entsprungen sondern der Realität entnommen. Und es gibt einen Ort, an dem man sie besichtigen kann.

„Wir haben hier echte Präparate von Menschen ausgestellt. Das ist halt schon was andres als im Anatomiebuch“, erzählt Medizinstudent Thomas Glassner, der zwei Mal pro Woche im Narrenturm Führungen gibt. 50.000 Präparate befinden sich hinter den Mauern des Narrenturms, darunter form- und farbgetreue Nachbildungen kranker Körperstellen sowie Moulagen von Fehlbildungen, Föten, Geschwülsten, Wucherungen oder deformierten Organen.

Die Ausstellung ist dabei keineswegs nur für „Nichtmediziner“ interessant, denn sie stellt etwas zur Schau, das noch immer stark tabuisiert wird. „Immerhin betrachtet man die ganze Zeit Leichenteile“,  so Glassner. Genau das würde der Sammlung aber gleichzeitig den hohen naturwissenschaftlichen Wert verleihen.  „Wir haben hier humanes Gewebe aus mehr als zwei Jahrhunderten und damit genetisches Material zur Verfügung, das es sonst nirgendwo gibt. Forscher und Studenten können beispielsweise herausfinden, wie die Krebszelle eines Schilddrüsentumors zur Zeit Napoleons ausgesehen hat“, erzählt Museumsdirektorin Beatrix Patzak über die einzigartige Biobank.

„Hydrocephalus Rachitis“ oder besser bekannt als Wasserkopf. Quelle: Kurt Kracher, NHM Wien

Bemerkenswert ist nicht nur die Sammlung selbst, schon die Gebäudeform an sich ist speziell. Der Narrenturm steht seit 233 Jahren am Universitäts-Campus des Allgemeinen Krankenhauses und hebt sich durch seine „Guglhupf“-Form von den anderen Gebäuden ab. Erbaut wurde er 1784 auf persönliche Anordnung des Kaisers Joseph II und diente ursprünglich als Irrenanstalt für Geisteskranke. Der Rundbau besteht aus fünf Stöcken mit jeweils 28 Räumen pro Etage, in die in einer Vollmondnacht im April 1784 rund 140 Patienten einzogen.

Der Narrenturm befindet sich am Gelände des alten AKH und erinnert von außen an einen „Guglhupf“. Quelle: NHM

Der Betrieb als psychiatrische Klinik wurde bis 1869 aufrechterhalten. Danach stand der Turm lange Zeit leer. Seit 1971 befindet sich darin das pathologisch-anatomische Bundesmuseum. Durch eine Verordnung im Jahr 1811 wurden alle Ärzte, Mediziner und Heilpraktiker verpflichtet, auf „merkwürdige Stücke der Natur“ an ihren Patienten zu achten, diese zu dokumentieren und davon Präparate anzufertigen. Durch die Einlagerung in Weingeist sind diese über 200 Jahre hinweg erhalten geblieben und heute im Museum zu begutachten.

Zwei der in Weingeist eingelegten Exponate. Quelle: Kurt Kracher, NHM Wien

Der Narrenturm ist weltweit als einziges Museum dieser Art auch für Laien zugänglich. Führungen finden mittwochs, donnerstags und samstags statt und werden von Medizinstudenten wie Thomas Glassner oder promovierten Jungärzten durchgeführt. Diese gehen auf verschiedene Präparationstechniken sowie medizinische Verfahren ein, die bei einem Rundgang zu sehen sind und verweisen fachkundig auf Vorbeugemaßnahmen zu speziellen Krankheiten.

Beim Anblick der Ausstellungsstücke kann es schon mal vorkommen, dass dem ein oder anderen Besucher übel wird, meint Glassner. „Erst vor zwei Wochen ist mir eine ältere Dame umgekippt, als sie sich eine Gehirnhälfte angesehen hat.“

Wachsmoulagen von verschiedenen Erkrankungen wie Tuberkulose oder Syphilis. Quelle: anatomybox.com

Mehr Informationen:

Spitalgasse 2, 1090 Wien – 01 52177606, www.nhm-wien.ac.at

Führungen: Mittwoch 10-18 Uhr/Donnerstag 10-13 Uhr/Samstag 10-13 Uhr (Führungsbeginn: während der Öffnungszeiten jeweils zur vollen Stunde)

Eintritt öffentliche Sammlung: 2€, Präparate mit Führung: 4€

Quelle Titelbild: Naturhistorisches Museum

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