Eine Frau hält vor ihrem Gesicht ein Schild mit der Aufschrift "#METOO"

„Aufsteh’n“ gegen sexualisierte Sprache

Fast 3000 Menschen fordern österreichische Chefredakteure gemeinsam dagegen auf, sexuelle Gewalt nicht länger zu beschönigen.

„Sex-Opa“, „Sex-Kindergärnterin“, oder ein Mann, der tausende Kilometer für Sex reist. Was nach schlechten Pornotitel klingt, sind tatsächlich die Schlagzeilen Österreichischer Medien. Schlagzeilen, die, so sieht es zumindest der Wiener Verein #Aufstehn, sexuelle Gewalt verherrlichen. Denn: Sex ist einvernehmlich. Eine Vergewaltigung nicht.

Der 2015 gegründete Verein sammelt darum Unterschriften für einen offenen Brief an die Chefredaktionen österreichischer Medien. Darin werden sie aufgefordert, sexuelle Gewalt nicht zu verharmlosen und eine angemessene Sprache zu verwenden. 2600 Menschen unterzeichneten innerhalb von drei Wochen online den Brief.

Das selbst gesteckte Ziel von 3000 Unterschriften wird also bald erreicht sein. Das stehe allerdings nicht im Vordergrund: „Natürlich setzt jede Unterschrift ein Zeichen, aber primär geht es nicht um die Zahl 3000“, sagt Maria Mayrhofer, die Geschäftsführerin des Vereins und damit der Kopf der Kampagne, „Sondern darum, zu zeigen, dass in der Zivilgesellschaft das Bewusstsein wächst.“

Mehr Berichterstattung, mehr Verharmlosung

Anlass für die Kampagne ist die aktuelle „Metoo-Debatte“: Die internationale Diskussion über sexuelle Übergriffe begann mit Vergewaltigungsvorwürfen gegenüber dem U.S.-amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein. Österreich erreichte sie spätestens, als Partei-Gründer Peter Pilz sexuelle Belästigung vorgeworfen wurde.

Maria Mayrhofer sagt: „Jetzt, in der Metoo-Debatte, wird viel über sexuelle Gewalt und Belästigung gesprochen und mehr darüber berichtet.“ Dann finde, vor allem im Boulevard, auch mehr Verharmlosung statt: „Da wird zum Beispiel sexuelle Belästigung oder Gewalt am Arbeitsplatz als ‚Sex im Job‘ abgetan.“

Collage aus Screenshots von www.heute.at, www.oe24.at, www.krone.at und www.diepresse.com
Collage aus Screenshots von www.heute.at, www.oe24.at, www.krone.at und www.diepresse.com
Übergriffe sind keine Einzelfälle

Im Jahr 2016 wurden österreichweit 655 Fälle sexueller Belästigung angezeigt. Die Dunkelziffer dürfte ein Vielfaches sein: Das Österreichische Institut für Familienforschung befragte für eine Studie über 1000 Frauen zu ihren Erfahrungen. Drei Viertel von ihnen gaben an, dass sie schon einmal sexuell belästigt wurden. Ein Drittel gab an, dass jemand versucht hatte sie zu berühren oder zu küssen, obwohl sie das nicht wollten. Gut sechs Prozent bekamen in unpassenden Situationen, etwa am Arbeitsplatz, belästigende sexuelle Angebote. Werden Übergriffe wie diese sprachlich heruntergespielt, so der Verein #Aufstehn, verhöhne das die Opfer.

Letztes Jahr sah der Presserat das ähnlich: Er entschied, dass der Ausdruck „heißes Date“, den die Zeitung „Österreich“ für den sexuellen Missbrauch eines Neunjährigen durch einen Priester verwendet hatte, eine Verharmlosung sei.

Erhöhte Sensibilität in Redaktionen und bei den Lesern

#Aufstehn will also das Bewusstsein in österreichischen Redaktionen stärken. Schon jetzt hätten sie, so Mayrhofer, einige österreichische Redaktionen mit dem Thema konfrontiert: „Da haben wir positive Rückmeldungen bekommen. Die Kleine Zeitung hat uns versichert, dass intern bereits viel diskutiert und sensibilisiert wird.“ Die Tiroler Tageszeitung veröffentlichte einen Gastkommentar Mayrhofers zu Thema. Bei manchen Boulevardblättern würde das Bewusstsein aber noch fehlen, sagt sie.