Folder mit Aufschrift "Dialektik der Befreiung", rot-gelbe Schrift

Widerstand aus Feder und Papier

Das Festival „Literatur im Herbst“ fand von 24.-26. November 2017 unter dem Motto Dialektik der Befreiung im Theater Odeon in Wien statt. Heimische und internationale AutorInnen von Ilija Trojanow bis Colson Whitehead gaben sich kämpferisch.

Warteschlange nach Lesung zum Signieren
Colson Whitehead beim Signieren seines Buches „Underground Railroad“. © Miriam Hübl

Blitzschnell bildet sich nach der Lesung eine Schlange zu Colson Whiteheads Tisch. Eine Signierung ins Buch, ein kurzes Gespräch, ein Selfie – die Wunschliste an Whitehead ist lang. Kein Wunder, denn der Autor des Buches Underground Railroad, für das er 2017 den Pulitzer Preis erhielt, ist so etwas wie der Stargast dieses letzten Festivalabends.

Sein Roman, der übrigens auch auf Barack Obamas Leseliste steht, erzählt von einer Fluchtroute durch halb Nordamerika, die Sklavinnen und Sklaven aus den Plantagen des Südens in den freien Norden brachte. Die Geschichte erzählt von Macht und Gewalt, aber auch von Hoffnung, Mut und Widerstand.

Was kann Kunst?

Diese großen Themen ziehen sich durch alle Veranstaltungen der Literatur im Herbst. Ilija Trojanow, seit vergangenen Freitag Heinrich-Böll Preisträger, war Teil des diesjährigen Kuratoren Teams. Im Leben in Wien-Interview betont er die gesellschaftliche Aufgabe künstlerischer Arbeit: „Was in Medien oder in Geschichtsbüchern fehlt, was von staatlicher Seite oder vonseiten der Konzerne nicht zur Sprache kommt. Perspektiven, die nicht hörbar sind, Stimmen, die nicht vorkommen eine Plattform zu geben. Das kann Literatur.“

„Stimmen, die nicht vorkommen, eine Plattform zu geben. Das kann Literatur“- Ilija Trojanow

Auch Trojanows jüngstes Buch Nach der Flucht knüpft an aktuelle gesellschaftliche Fragen an. Der autobiographische Essay erzählt über die Auswirkungen von Flucht, als einer Erfahrung, die Menschen ihr Leben lang begleitet. Trojanow war selbst als Kind mit seiner Familie aus dem sozialistischen Bulgarien geflohen. Anstatt sein eigenes Buch vorzustellen, führte Trojanow jedoch merklich belesen und interessiert durch den Abend.

Drei SchriftstellerInnen posieren für ein Foto
Die AutorInnen Colson Whitehead, Ilija Trojanow und Nora Bessong bei der Literatur im Herbst 2017. © Miriam Hübl

Revolution und Liebe

Ein weiteres Highlight der Literatur im Herbst 2017 war Nora Bessongs 36,9°. In ihrem Roman lässt sie die historische Figur Antonio Gramsci neben einem zeitgenössischen Protagonisten stehen. Gramsci kämpft dort im Gefängnis mit der Frage, ob seine innige Liebe zu Julia Schuch mit seinen revolutionären Ansprüchen vereinbar ist. Der Zweite, Gramsci-Experte und Wissenschaftler, kämpft um seine Karriere und sein gesellschaftliches Ansehen.  Im Gespräch mit Trojanow beeindruckte die junge Schriftstellerin Bessong mit ihrem fundierten Verständnis der gramscianischen Herrschaftstheorie und schaffte wiederum interessante Bezüge zur Gegenwart, wie etwa die Vereinnahmung Gramscis durch die Neue Rechte.

Das Zeitalter des Zorns 

Eine außereuropäische Perspektive lieferte schließlich der indische Autor Pankaj Mishra mit Das Zeitalter des Zorns. Mishra beschreibt hier die zunehmende Fragmentierung der Welt und die schwindende Erklärungskraft europäischer Weltbilder. Die Antwort auf die Schnelllebigkeit und Unübersichtlichkeit der modernen Welt ist oft Wut, Gewalt und Chauvinismus. Die Fixierung auf die Verbindung von Islam und Terror oder auch der überraschende Wahlsieg Donald Trumps werden in dem 416-seitigen Sachbuch originell und klug behandelt.

Bilinguale Lesung auf der Literatur im Herbst 2017. © Miriam Hübl

Literatur ohne Bücher

Dass Literatur nicht nur Lesen bedeutet, hat die Literatur im Herbst 2017 wieder einmal so überzeugend wie ungezwungen beweisen können. Die Debattenformate reichten von Werkstattgesprächen, hin zu Kanzelreden mit illustren Gästen wie Milo Rau (Das Kongotribunal) oder Isabell Lorey (Die Regierung der Prekären). Die Filmvorführungen (I am not your Negro) und szenischen Lesungen (Saló- oder die 120 Tage von Sodom) sorgten für ein dynamisches Rahmenprogramm. Als Sonntagabend das Feedback das Organisationsteam erreichte, man hätte dieses Jahr die Musik vermisst, ließ sich der Generalsekretär der Alten Schmiede, Walter Famler, spontan zu einer Blues-Einlage auf seiner Mundharmonika hinreißen. Ein überzeugendes Festival, auf ganzer Linie.

Das Festival "Literatur im Herbst" wird vom Kunstverein Alte Schmiede organisiert. 

Mehr Informationen und Links zu Aufzeichnung des Festivals unter www.alte-schmiede.at

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