Folder mit Aufschrift "Dialektik der Befreiung", rot-gelbe Schrift

Widerstand aus Feder und Papier

Das Festival „Literatur im Herbst“ fand 2017 unter dem Motto Dialektik der Befreiung im Wiener Theater Odeon statt. Internationale AutorInnen von Ilija Trojanow bis Colson Whitehead gaben sich kämpferisch.

Warteschlange nach Lesung zum Signieren
Colson Whitehead beim Signieren seines Buches „Underground Railroad“. © Miriam Hübl

Blitzschnell bildet sich nach der Lesung eine Schlange vor Colson Whiteheads Tisch. Eine Signierung ins Buch, ein Gespräch, ein Selfie – die Wunschliste an Whitehead ist lang. Der Autor erhielt 2017 den Pulitzer Preis  für seinen Roman Underground RailroadKein Wunder also, dass er den Stargast des letzten Festivalabends darstellte.

Sein Buch Underground Railroad, das übrigens auch auf Barack Obamas Leseliste steht, erzählt von einer Fluchtroute durch halb Nordamerika, die Sklavinnen und Sklaven aus den Plantagen des Südens in den freien Norden brachte. Die Geschichte erzählt von Macht und Gewalt, aber auch von Hoffnung, Mut und Widerstand.

Was kann Kunst?

Diese großen Themen ziehen sich durch alle Veranstaltungen des Festivals. Ilija Trojanow, seit kurzem Heinrich-Böll Preisträger, war Teil des diesjährigen Kuratoren-Teams. Im Interview betont er die gesellschaftliche Aufgabe künstlerischer Arbeit: „Was in Medien oder in Geschichtsbüchern fehlt, was von staatlicher Seite oder vonseiten der Konzerne nicht zur Sprache kommt. Perspektiven, die nicht hörbar sind, Stimmen, die nicht vorkommen eine Plattform zu geben. Das kann Literatur.“

„Stimmen, die nicht vorkommen, eine Plattform zu geben. Das kann Literatur“- Ilija Trojanow

Auch Trojanows jüngstes Buch Nach der Flucht knüpft an aktuelle gesellschaftliche Fragen an. Der autobiographische Essay erzählt über die Auswirkungen von Flucht, als eine Erfahrung, die Menschen ihr Leben lang begleitet. Der Autor war selbst als Kind mit seiner Familie aus dem sozialistischen Bulgarien geflohen. Anstatt sein eigenes Buch vorzustellen, führte er jedoch gekonnt durch den Abend.

Drei SchriftstellerInnen posieren für ein Foto
Die AutorInnen Colson Whitehead, Ilija Trojanow und Nora Bossong bei der Literatur im Herbst 2017. © Miriam Hübl

Revolution und Liebe

Ein weiteres Highlight des Festivals war Nora Bossongs 36,9°. In ihrem Roman lässt sie die historische Figur Antonio Gramsci neben einem zeitgenössischen Protagonisten stehen. Gramsci kämpft in ihrer Geschichte hinter Gittern mit der Frage, ob seine innige Liebe zu Julia Schuch mit seinen revolutionären Ansprüchen vereinbar ist. Der Zweite Protagonist –Wissenschaftler, Gramsci-Experte und Antipathie-Träger– kämpft im zweiten Erzählstrang um seine Karriere sowie sein gesellschaftliches Ansehen.

Im Gespräch mit Trojanow beeindruckte die Autorin Nora Bossong mit ihrem fundierten Verständnis der gramscianischen Herrschaftstheorie.  Präzise stellte sie  Bezüge von ihrem Roman  zur Gegenwart her, wie etwa die Vereinnahmung der Person Antonio Gramscis durch die Neue Rechte.

Das Zeitalter des Zorns 

Eine außereuropäische Perspektive lieferte schließlich Pankaj Mishra mit Das Zeitalter des Zorns. Der indische Autor beschreibt hier die zunehmende Fragmentierung der Welt und die schwindende Erklärungskraft europäischer Weltbilder.

Gängige Antworten auf die Schnelllebigkeit und Unübersichtlichkeit der modernen Welt sei oft Wut, Gewalt und Chauvinismus. Die Fixierung auf die Verbindung von Islam und Terror oder auch der überraschende Wahlsieg Donald Trumps werden in dem 416-seitigen Sachbuch klug und mit großer Kenntnis sowohl europäischer als auch asiatischer Philosophiegeschichte behandelt.

Bilinguale Lesung aus Underground Railroad auf der Literatur im Herbst 2017. © Miriam Hübl

Literatur ohne Bücher

Dass Literatur nicht nur Lesen bedeutet, hat die Literatur im Herbst 2017 wieder einmal so überzeugend wie ungezwungen beweisen können. Die Debattenformate reichten von Werkstattgesprächen, hin zu Kanzelreden mit Gästen wie Milo Rau (Das Kongotribunal) oder Isabell Lorey (Die Regierung der Prekären).

Selbst Filmvorführungen (I am not your Negro) und szenische Lesungen (Saló- oder die 120 Tage von Sodom) waren Teil des Programmes. Als am letzten Festivalabend die Rückmeldung das Organisationsteam erreichte, man hätte dieses Jahr die Musik vermisst, ließ sich der Generalsekretär der Alten Schmiede, Walter Famler, spontan zu einer Blues-Einlage auf seiner Mundharmonika hinreißen. Ein stimmiges Festival– auf ganzer Linie.

Das Festival "Literatur im Herbst" wird vom Kunstverein Alte Schmiede organisiert. 

Mehr Informationen und die Videoaufzeichnung des Programmes finden Sie unter www.alte-schmiede.at

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