Zwischen Matsch und Muse

Maler, Filmemacher, Schauspieler, Komponist, Alleskönner. Seit 24. November zeigt das Filmcasino in Wien die Dokumentation „David Lynch – The Art Life“. Das Porträt führt durch die Kindheit und Jugend des Künstlers. Gedreht wurde der Film in Lynchs Studio in Los Angeles. Er selbst widmet diesen Film seiner vierjährigen Tochter Lula. 

David Lynch und seine Tochter Lula in „The Art Life“, Quelle: verleih.polyfilm.at

Ein vom Alter gezeichneter Mann mit vollem, weißem Haar sitzt auf einem weißen Stuhl. Sein Blick ist von der Kamera abgewandt. Er zieht an der Zigarette in seiner linken Hand und atmet dabei tief ein. Der ausgestoßene Rauch gleitet durch das Bild. Dumpfe, sich wiederholende Gong-Klänge durchbrechen die Stille. Ein Ölgemälde wird gezeigt. Es trägt den Titel: „Do you want to know what I really think?“ Die Erinnerungsreise des mysteriösen Allround-Künstlers David Lynch beginnt.

Kindheit im amerikanischen Südstaaten-Kitsch

Heute, mit 71 Jahren, beschreibt Lynch seine Kindheit als eine Zeit voller Liebe, Freude und Glückseligkeit. Archivbilder die den jungen Lynch mit Freunden und Geschwister spielend und lachend zeigen, übertragen diese Gefühle auch visuell an die Zuseher. Seine Mutter erkannte bereits damals, das künstlerische Talent von David und motiviert ihn stets seinen eigenen Weg zu gehen. Im Laufe der Erzählungen verhärtet sich allerdings die familiäre Idylle und die bedingungslose Liebe der Eltern zu ihrem Sohn beginnt zu bröckeln.

Jugend mit elterlichem Erwartungsdruck

Als Jugendlicher lernt David den Künstler Bushnell Keeler kennen. Dieser zeigt ihm, dass Kunst nicht nur Leidenschaft, sondern auch Beruf sein kann.

David Lynchs Gemälde „The man was shot“, Quelle: verleih.polyfilm.at

„Du trinkst den ganzen Tag Kaffee, rauchst und malst. Vielleicht kommen auch mal Mädchen vorbei.“ – David Lynch

So stellt sich der junge Lynch seine Zukunft als Künstler vor.
Doch seine Leidenschaft für die Malerei reißt ihn aus dem Paradies des elterlichen Rückszugsortes. Besonders eindrucksvoll ist seine Schilderung von einem Streit mit seinem Vater. Grund dafür ist, dass sich der junge David nicht an die abendliche Ausgangssperre seines Vaters halten will. Lieber verbringt er die Nächte im Atelier um zu malen. Der Vater droht ihm, falls David sich ihm widersetzen sollte, sei er „nicht länger ein Mitglied dieser Familie.“ Hier bricht Lynch mit den schwärmerischen Erzählungen aus seiner Vergangenheit und beschreibt eine tiefe Zerrissenheit, die sich durch sein Leben zieht:

„Ich hatte drei Leben: Meine Freunde, meine Familie, mein Atelier.“ – David Lynch

Der Schmerz seiner Persönlichkeitsspaltung wird durch wiederkehrende Einblendung seiner Werke illustriert. Gewalt, Zerstörung, Blut. Themen die ihn und sein Schaffen während seiner Zeit als Schüler an der Kunsthochschule begleiten. Damals entdeckt er den Film als künstlerischen Kanal für sich.

Der junge David Lynch während Dreharbeiten zu „Eraserhead“ , Quelle: verleih.polyfilm.at

Das Unerwähnte der Geschichte

Obwohl der Film mit Fotografien und Metaphern gefüttert ist, die zum Nachdenken anregen, kratzt das Porträt an der Oberfläche des Künstlers. Die Dokumentation beschränkt sich inhaltlich auf die Zeit zwischen Kindheit und dem ersten kommerziellen Erfolg, dem Film „Eraserhead“ aus dem Jahr 1977. In diesem Film geht es um einen Vater der sein deformiertes Baby tötet. Noch heute beschreibt Lynch die Zeit in der er den Film produzierte als seine „glücklichste Erfahrung im Filmgeschäft“. Ausgespart werden seine Höhen und Tiefen in den folgenden Jahrzehnten die die Filme „Blue Velvet“, „Wild at Heart“ oder „Mulholland Drive“ begleiteten. Auch seine erfolgreiche Fernsehserie „Twin Peaks“ bleibt unerwähnt.

David Lynch im Atelier, Quelle: verleih.polyfilm.at

Ein Portait für Lynch-Liebhaber

Für fortgeschrittene Lynch-Kenner bietet sich allerdings Interpretationsraum. Geschichten wie die Erzählung von der nackten Riesenfrau, deren Gesicht Blut verschmiert war erinnern an Laura Palmer aus „Twin Peaks“. Die Beschreibung seiner Zeit in Philadelphia deutet den Ursprung seiner extremen Darstellungsformen von „Gut“ und „Böse“ an. Ende der 1960er war die Stadt von Straßenkämpfen und den Rassenkrawalle geprägt. Damals erlebte er zum ersten Mal die „dunkle“ Seite der Menschen und der Gesellschaft.
Unerfahrene Zuseher können Lynch hingegen lediglich dabei beobachten, wie er 90 Minuten lang Farben matscht, raucht, bastelt, seine Tochter auf den Schoß nimmt, noch mehr raucht, denkt und weiter raucht.

„Ich fand die Doku echt toll. Man bekommt interessante Einblicke in sein Leben und viele der Ereignisse, die er beschreibt, erklären viel über sein Werk.“ – ein Kinobesucher

Der Meister des Geschichtenerzählens

Der Film entspricht der Lyn’schen Ästhetik. Durch die Kombination aus „samtiger“ Erzählstimme, „sonnigen“ Archivmaterial, Detailaufnahmen von Insekten und Gemälde-Ausschnitten und persönlichen Geschichten entsteht Intimität. Indem Lynch viel erzählt und wenig preisgibt, manifestiert dieses Porträt seine künstlerische Genialität. Er regt die Fantasie der Zuseher an und lässt sie damit alleine.

„Das Filmcasino zeigt immer wieder außergewöhnliche Dokus und wir sind Lynch-Fans. Also zwei Gründe den Film zu zeigen.“ – Gerald Knell, Filmcasino

Das Filmcasino ist mehr als ein Kino

Bis Mitte Dezember ist die Dokumentation noch im Filmcasino zu sehen.  Seit seiner Wiedereröffnung im Jahr 1989 gibt es neben regulären Kinovorstellungen besondere Vorführungen. Dazu zählt unter anderem die Architekturfilm-Reihe am Sonntag Nachmittag, „ArchFilm Matinée“. Diese Veranstaltungsreihe findet im Sommer- und Wintersemester monatlich statt.  Es werden Dokumentar- und Essay-Filme über Architektur gezeigt, die teilweise von Diskussionsrunden prominenter Architekten und Filmemachern ergänzt werden. Durch sein abwechslungsreiches Angebot, dass sich speziellen Sparten wie Avantgarde oder Werkschauen selten gezeigter Filmemacher widmet, bereichert das Filmcasino die wiener Kinolandschaft. Im Jänner gibt es zwei weitere Highlights. Am 19. Jänner findet ein Special Screening von „Super Dark Times“  statt und am 24. Jänner wird die Dokumentation „Grace Jones: Bloodlight and Bami“ gezeigt.

Weitere Termine: 
Samstag, 23.12.2017 | 16:15 Uhr
Montag, 25.12.2017 | 14:30 Uhr 
im Filmcasino, Margaretenstraße 78, 1050 Wien 
Hier geht es zum aktuellen Programm des Kinos. Weitere Infos und Termine zum Film gibt es auch auf der Facebook-Seite.

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