Ein Vogel als Vorbild für die Inklusion

Die Nachtigall (auf Englisch: Nightingale) singt nur, wenn sie sich wohlfühlt. Die Pädagogische Hochschule Wien und die Wiener Kinderfreunde haben sich diese Verhaltensweise zum Vorbild genommen. Sie wollen SchülerInnen mit Behinderung zum „Singen“ verhelfen. Die Lebenshilfe Österreich hat die Verantwortlichen prämiert.

Der Inklusionspreis wird jährlich von der Lebenshilfe Österreich verliehen. Ausgezeichnet werden Projekte die Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Eines der Siegerprojekte 2017 ist das Mentoringprogramm „Nightingale inklusiv“. StudentInnen der Pädagogischen Hochschule (PH) Wien begleiten dabei SchülerInnen mit Behinderung, einmal pro Woche. Das ausgezeichnete Projekt entstand durch die Zusammenarbeit der PH Wien und den Wiener Kinderfreunden. Ziel von Nightingale inklusiv ist es Inklusion vorzuleben und gegenseitiges Verständnis zwischen den StudentInnen und ihren Schützlingen zu schaffen.

Für das Projektteam von Nightingale inklusiv ist der Gewinn des Inklusionspreises eine Bestärkung das Programm fortzuführen, wie Projektkoordinatorin Veera Lindholm erklärt. „Das Nightingale inklusiv Projekt ist das einzige, das mit SchülerInnen mit Behinderung arbeitet. Durch den Inklusionspreis wird hoffentlich der Bekanntheitsgrad des Projektes gesteigert und vielleicht auch an anderen Einrichtungen angeboten“, hofft Lindholm.

Projekt im Studium inkludiert

Lindholm ist in der Abteilung Sonderbetreuung der Wiener Kinderfreunde tätig und koordiniert Nightingale inklusiv. Dabei kooperieren die Wiener Kinderfreunde mit der PH Wien. Das Projekt ist im Lehrplan verankert und kann als zweisemestriges Wahlpflichtfach oder als Seminar belegt werden. Es steht den StudentInnen somit frei, ob sie daran teilnehmen wollen. Lindholm präzisiert: „Das Projekt läuft im Rahmen ihrer Schulpraxis ab und sie können dann Stunden für das Projekt verwenden (…) und die Studenten werden dafür benotet.“

StudentInnen und SchülerInnen profitieren

Projektteilnehmer Christopher Buchta absolviert an der PH Wien die Lehramtsstudien Englisch und Musik. Er betreut seit einem Semester den 12-jährigen Schüler Adrito, der eine Entwicklungsverzögerung hat. Das bedeutet, dass Adritos Aussehen und seine kognitiven Fähigkeiten nicht seinem Alter entsprechen. Bei ihren Treffen holt Christopher seinen Schützling von zu Hause ab und verbringt Zeit mit ihm: „Wir gehen sehr viel spazieren und Ball spielen, das taugt ihm extrem.“ Für die Freizeitgestaltung ist Christopher selbst verantwortlich. Besonders zu Beginn des Projekts ist das eine große Herausforderung: „Es ist viel Learning by doing, man wird ins kalte Wasser geschmissen und entdeckt sich dann mehr oder weniger gegenseitig.“

Christopher (l.) und Adrito (r.), (Bild: Christopher Buchta)

Den anfänglichen Schwierigkeiten zum Trotz haben Christopher und Adrito mittlerweile viel erlebt: Im Advent haben sie, unter anderem, Kekse gebacken und den Christkindlmarkt besucht. Die beiden profitieren dabei gegenseitig voneinander: „Für Kinder ist es oft schwer in der sozialen Umwelt zu interagieren. Selbstständigkeit ist dabei ein großes Thema, gerade das versuche ich mit Adrito zu trainieren.“ Christopher hingegen nimmt für den Beruf als Lehrer wichtige Erfahrungen mit: „Ich finde es ist sehr hilfreich, gerade wenn es um die Geduld geht, besonders für den Schulalltag. Du wirst toleranter und kannst abschätzen wo du Grenzen setzen musst und solltest.“

Herausforderungen des Projekts

Das Verhältnis zwischen Christopher und Adrito zeigt, wie Nightingale inklusiv für beide Seiten bereichernd sein kann. Doch ganz ohne Probleme läuft das Projekt nicht ab, wie Lindholm hinzufügt: „Oft sind es die Studierenden ohne Erfahrung mit Behinderten, die Berührungsängste zu Beginn des Projekts haben“. Zudem ist die Teilnahme sehr zeitintensiv, weshalb Christopher es auch nicht allen seiner StudienkollegInnen weiterempfehlen würde. Er betont, dass eine intensive Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Schützling notwendig sei, damit das Mentoringprogramm auch Sinn mache.

Links:

Titelbild: Ritchy Pobaschnig

Fiktives Veröffentlichungsdatum: 02.12.2017

Schreibe einen Kommentar