„Modest Fashion“: Muslimisch und modisch

Wer denkt, dass Modebewusstsein und Glaube nicht zusammenpassen, der irrt sich. „Modest Fashion“ heißt das Konzept. Es steht für dezente und bedeckte Kleidung und richtet sich zwar vor allem an muslimische, aber auch an jüdisch- und christlich-orthodoxe Frauen. Auch in Wien macht sich dieser Trend in den letzten Jahren bemerkbar.

Muslim Money

Muslimischen Frauen, die sich ihrer Religion entsprechend kleiden, wird oft jede Form von Individualismus abgesprochen. Dass Muslime weltweit jährlich Hunderte Milliarden Euro in Kleidung investieren, wissen nur die Wenigsten—Tendenz steigend. Die steigende Anzahl von MuslimInnen in Wien, ob bereits hier geboren oder in den letzten Jahren zugezogen, ist für diese Branche eine Goldgrube. Vor allem VertreterInnen der „Generation Y“, die als Digital Natives, besonders konsumorientiert und auch modebewusst gelten, zählen zu den wichtigsten AnhängerInnen dieses Trends. Social Media vereinfacht vielen Hijabis (d.h Frauen die ein Kopftuch tragen) das Leben. Auf Plattformen wie YouTube, Pinterest oder Instagram finden Interessierte sogenannte Hijab-Tutorials, also Anleitungen, wie man sich das Kopftuch binden kann und wie sich eine Hijabi dementsprechend schminken kann oder auch Outfits, die sie sich abschauen können.

Ödes Sortiment in Wien

Obwohl es immer mehr muslimische Fashionistas gibt, gibt es nur wenige Händler für muslimische Mode in Wien. Die Geschäfte in Wien werden größtenteils von ÖsterreicherInnen mit türkischem Migrationshintergrund betrieben und verkaufen hauptsächlich türkische Importware, die oft nicht den aktuellen Modetrends entspricht.

Für das Kopftuch, Symbol der islamischen Kleiderordnung, gibt es Fachgeschäfte in Wien—vor allem im 10. und 16. Bezirk— die die Tücher und ihre Accessoires, wie etwa Stecknadeln oder Stirnbänder in den diversesten Stoffen, Farben, Muster und Preisklassen anbieten. Ein großes Angebot ist wichtig, denn modeaffine Muslimas stimmen die Farbe ihres Kopftuchs mit ihrem Outfit und Anlässe ab. Aber auch herkömmliche Schals, die man in den üblichen Modegeschäften findet, eignen sich dafür. Doch das geringe Angebot in Wien an „Modest Fashion“, bietet auch neue Möglichkeiten für kreative Köpfe.

Not macht unternehmerisch

Die 24-jährige aufstrebende Modedesignerin Imen Bousnina —selbst Hijabi— möchte ein eigenes Label aufbauen. Die Nachfrage ist österreichweit groß, weil es keines in Österreich für „Modest Fashion“ gibt, das diese Kleidung anbietet, im Gegensatz zu Länder wie Deutschland und Großbritannien, wo aber eine größere muslimische Community lebt. Wien gilt modisch für die Designerin als zurückhaltend, nicht auffällig und ist lieber schlicht und gemütlich unterwegs, verglichen zu beispielsweise Berlin oder London, wo die Leute einen originelleren Stil haben.

Okzident trifft Orient

Die österreichische Modeszene kommt aber langsam in Schwung, zur Freude vieler Muslimas. Modelabels wie Weekday, Monki oder COS, die hippe Kleidung anbieten, kann man nun auch in Wien finden. Der aktuelle Oversize-Trend kommt da auch ganz gelegen. Die islamischen Kleidervorschriften besagen, dass die Kleidung weit und lang geschnitten sein soll. Auch wenn die angesagten Farben möglicherweise zu auffällig sind und mit der Bescheidenheit, die die islamische Kleiderordnung vorschreibt im Konflikt steht, so kann man das in Kombination mit einer dezenteren Farbe wie z.B schwarz oder braun kaschieren. Internationale Modeketten wie Zara, Mango oder Dolce & Gabbana, die auch in der Bundeshauptstadt vertreten sind, haben den Boom der muslimischen Mode erkannt und Kollektionen herausgebracht, die speziell für Muslimas entworfen wurden oder die den Kleidervorschriften konform geschnitten sind. Obwohl die Unternehmen einiges zu bieten haben, findet Bousnina, dass es auch ein Label geben sollte, das auf die österreichische Gesellschaft und ihre Vorstellungen abgestimmt ist, gerade weil viele ÖsterreicherInnen den islamischen Kleidungsstil ablehnen.

Mode, die die Gesellschaft spaltet

Der Modeschöpferin mit tunesischen Wurzeln geht es auch darum Vorurteile abzubauen. Als Studentin ist sie auf Skepsis gestoßen. Modeaffinität und Glauben seien nicht miteinander vereinbar. Ihrer Meinung nach liegt es daran, dass oft nur Frauen mit Kopftuch wahrgenommen werden, die keine höhere Position in der sozialen Hierarchie erreichen konnten, wie etwa Reinigungskräfte oder Küchenhilfen. Jene, die es gesellschaftlich nach oben geschafft haben, werden oft ausgeblendet.

Auch die Stigmatisierung und Diskriminierung, die Bousnina etwa bei Bewerbungsgesprächen erlebt hat, hat sie ermutigt ein eigenes Projekt zu starten, um zu beweisen, dass kopftuchtragende Frauen auch etwas können.

Austria goes „Modest Fashion“

Inspiration hat sie vergangenen Monat auch auf der Dubai Modest Fashion Week gefunden, ein Event wo zahlreiche „Modest Fashion“-DesignerInnen, -Models und -Influencer aus aller Welt zusammenkommen, ihre Kreationen präsentieren und sich austauschen. Zum ersten Mal war auch Österreich bei dieser Veranstaltung vertreten. Mit der Fotografin Asma Aiad und dem Videograf Caglar Mucan ist Imen Bousnina nach Dubai gereist, um ihre speziell für den Anlass entworfene Kollektion zu präsentieren.

Teile der Kollektion von Imen Bousnina
(c) Asma Aiad
(c) Asma Aiad

Integration durch Mode

Frauen, die sich nach der islamischen Kleidervorschrift kleiden, konnten in den letzten Jahren viel selbstbewusster werden und trauen sich auch mehr, weil es nun Kleidung gibt, die modisch angesagt ist und mit ihrer Konfession vereinbar ist. Und, sie sind nicht mehr aus dem Wiener Straßenbild wegzudenken. Auf die Meinungen, Muslime würden sich nicht genug in die österreichische Gesellschaft integrieren hat die Designerin eine Antwort: Mode. Man kann Mode als Integrationselement ansehen, indem man aktuelle, im „Westen“ entworfene Kleidung trägt und sich an der Gesellschaft anpasst, ohne auf das persönliche Glaubensbekenntnis verzichten zu müssen.

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