Masculinarium - Bild mit den drei Schauspielern

„Das Schönste ist der Körper einer nackten Frau im Kerzenlicht!“

Das Stück „Masculinarium“ der Theatergruppe des XYZ-Vereins sorgt für Ungläubigkeit und Scham in der Männerwelt. Der Grund für die Irritation über ihre eigene Darstellung liegt an ihrem Verhalten gegenüber Frauen. Dass dieses nicht nur Bewunderung ausdrückt, wird in diesem Bühnenspiel sehr deutlich. Die Aufführung der polnischen Regisseurin Magdalena Marszalkowska wurde im Herbst 2017 im Wiener Ateliertheater im 7. Bezirk präsentiert.

Peinliche Berührung. Die Blicke im Publikum gehen zu Boden, als kurz vor Ende des Stückes eine authentische Tonaufnahme von Gewalt in der Ehe abgespielt wird. Gewalt, ausgeübt von einem Mann gegenüber seiner Ehefrau. In Polen schlug diese Aufzeichnung vergangenes Jahr hohe Wellen, war es doch niemand geringerer als ein Politiker der führenden PiS-Partei, der seine Frau misshandelte. Trotz bereits zuvor oftmals sichtbarer Blutergüsse verschaffte ihr erst dieses Video Gehör. Mit einem Witz konnte einer der Hauptdarsteller diesen Moment, der scheinbar nicht enden wollte, beenden. Die Reaktionen im Publikum nach Ende der Aufführung reichten von Begeisterung bis hin zu Ungläubigkeit und Fassungslosigkeit.

Die drei Schauspieler stoßen mit 3 Stamperln an
Die drei Schauspieler stoßen auf Tom´s Junggesellenabschied an. ©Thomas Salamonski

Das Leben der Männer

Das Stück wurde von drei polnischsprachigen Männern gespielt, Schauspielerinnen waren keine beteiligt. Tom, einer dieser Männer, überbrachte zu Beginn die frohe Botschaft, dass er seine Geliebte bald heiraten werde. Sein guter Kumpel Jerry wollte dies gebührend mit ihm feiern und organisierte sogleich einen Junggesellenabschied. Der dritte Protagonist war der Student. Dieser zog zu Jerry und nahm eine nicht unwesentliche Rolle ein. Er war es, der immer wieder von seiner Freundin erzählte, die Probleme habe und Hilfe brauche.

Im ständigen Wechsel äußern sich die drei Schauspieler einerseits schlecht und herabwürdigend über Frauen, um andererseits große Bewunderung für sie auszudrücken. „Das schönste ist der Körper einer nackten Frau im Kerzenlicht“, ist der Satz, der wohl am häufigsten zu hören ist an diesem Abend.

Über weite Strecken der Geschichte ist nicht zu erahnen, wohin diese führen wird. Die polnischen Schauspieler spielen humorvoll und ehrlich. Oft können Aspekte des eigenen Lebens im Dialog auf der Bühne erkannt werden. Diese ist klein und mit spärlichen Requisiten besetzt. Es befinden sich ein Rucksack, eine Tennistasche, zwei Laptops, 12 Bierkisten und jede Menge Pizzakartons auf dem Podium. Genau das, was man(n) zum Leben braucht, könnte man meinen.

Student schlichtet Streit zwischen Tom und Jerry
Immer wieder kommt es zu Konflikten, meist steht wie hier der junge Student zwischen den Fronten. ©Thomas Salamonski

Die Stimmung kippt

Im zweiten Teil der Darbietung überschlagen sich die Ereignisse. Die fröhliche und ausgelassene Feierstimmung ist spätestens am Tag nach dem Junggesellenabschied vorbei, als Tom heulend zurück zu seinen Freunden in die Wohnung kommt. Seine Frau hat ihn verlassen. Die Hochzeit ist geplatzt. Doch selbst dann schwankt die Stimmung auf der Schaubühne zwischen Tragödie und Komödie. Spätestens nach dem Gewaltakt an der Freundin des Studenten und dem Abspielen des O-Tons ist es auch damit vorbei gewesen.

Die Problematik einer männlichen Dominanz in der Gesellschaft ist eine Große. Speziell im EU-Land Polen gibt es nach wie vor ein massives Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau. Die polnische Regisseurin und Gründerin des XYZ-Vereins Magdalena Marszalkowska „will der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten“. Auch Jung-Schauspieler Jakub Piwowarczyk kann bestätigen, dass die polnische Bevölkerung nicht mit der Realität klarkommt. Treffend ist der Vergleich, den die Schauspieler auf der Bühne diskutieren. „Es heißt immer, Frauen, die sich aufreizend und hübsch kleiden, tragen eine Schuld an ihrer Vergewaltigung. Warum sind dann nicht auch Männer, die sich extravagant und teuer kleiden an einem möglichen Überfall selbst schuld?“

Magdalena Marszalkowska bedankt sich mit ihrem Team beim Publikum.
Magdalena Marszalkowska (in der Mitte) bedankt sich mit ihrem Team beim Publikum. ©Thomas Salamonski

Betroffenheit, Beschämung, Brückenbildung

Marszalkowska berichtet, dass das Theaterstück sehr viel Kontroverse erzeugt hat. Es seien schon Leute während der Vorstellung aufgestanden und gegangen. Ob aus Wut auf das Aufzeigen der sensiblen Thematik oder emotionaler Betroffenheit durch das Erleben ähnlicher Erfahrungen ist oft nicht ersichtlich. Sicher ist für sie, dass speziell Männer überhaupt nicht damit umgehen können, wie sie von ihr dargestellt werden.

Gespielt wurde übrigens auf Polnisch. Damit jedoch nicht nur polnischsprachige ZuseherInnen in den Genuss der Darbietungen der Wiener Theatergruppe kommen, läuft ein deutscher Untertitel über der Bühne mit. Dieser wird angeführt seit der XYZ-Verein Förderungen der Grünen erhält, denn die Ziele des Vereins sind die Bildung sprachlicher und kultureller Brücken, ebenso wie die kulturelle und gesellschaftliche Vielfalt der Wiener Gesellschaft widerzuspiegeln.

Ateliertheater von der Straße betrachtet

Ateliertheater im Inneren mit Blick von hinten Richtung Bühne
Das Ateliertheater: Von außen und mit Blick von den hinteren Reihen auf die Bühne. ©Ateliertheater

„Purer Wahnsinn“ für die Theaterwelt

Schauplatz der Aufführung war eine der außergewöhnlichsten Kleinbühnen Wiens, das Ateliertheater. Seit 1960 trägt es diesen Namen, doch erst im Jahr 1999 konnte es sich dauerhaft in der Burggasse 71 niederlassen. Momentan erlebt es einen Aufschwung, wurde es doch 2016 neu übernommen. Es soll ein Raum zum Experimentieren für junge KünstlerInnen sein, ein lebendiger Ort des Schaffens, der mehr als nur ein Theater sein soll. So ehrenwert diese Vorhaben auch sind, so schwierig ist die Finanzierung des offenen Begegnungsraums. Die künstlerische Leiterin Aleksandra Andrejewna erzählt, dass der „pure Wahnsinn ihr Antrieb zur Erhaltung und Führung des Theaters ist“.

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