Was Wiener über Lawinen wissen müssen

Immer mehr Wiener erkunden im Winter den bergigen Garten rund um Wien.“ Mit der Anzahl der Tourengeher steigt auch das Risikio von Lawinenunfällen. Weil viele davon zu vermeiden wären, veranstaltet der Alpenverein das Lawinen-Update. Am 9. Jänner informierte Bergführer Michael Larcher im STUDIO 44 über todgeile Dreier, Triebschnee und die richtige Bergrettung.

„Die Zahl der aktiven Wintersportler hat sich vervierfacht“, erklärt Michael Larcher. Der Tiroler Bergführer und Lawinenexperte leitet die Bergsportabteilung des Alpenvereins. Im Zuge des Lawinen-Update spricht er in ganz Österreich über Risiken am Berg und wie diese zu vermeiden wären.

Einige der Besucher nahmen am Boden des Studio 44 Platz. © W.Neumüller, www.alpenverein.wien

Die Lust auf die Berge, sie ist auch in der Hauptstadt zu spüren, wie der Andrang auf das Lawinen-Update zeigt. Ungefähr 300 Menschen aller Altersstufen finden sich im Studio 44 ein, viele sitzen am Boden. „Österreich“, betont Larcher „das ist der bergige Garten rund um Wien.“

Der Star unter den alpinen Gefahren

„Lawinen, die von Skifahrern ausgelöst werden enden meistens tödlich“, erklärt Larcher. Die Zahlen sind rückläufig, aber dennoch erschreckend. 136 Lawinenunfälle gab es in der Wintersportsaison 2016/17 in Österreich, dabei starben 25 Menschen und 40 wurden verletzt. Den gesamten Vortrag über zeigt Larcher Videos von Lawinenunglücken.

„Das ist jetzt nichts für schwache Nerven“

kündigt er das erste an. Man sieht drei Skitourengeher in idyllischer Berglandschaft. Plötzlich zieht sich ein Riss durch die Schneedecke, ein Schneebrett löst sich. Die Menschen sind darunter. „Lawinengefahr kann man oft nicht erkennen“, zitiert der Vortragende den Lawinenforscher Werner Munter. Der Hang sieht immer gleich aus, nämlich weiß.

Der todgeile Dreier

Ein weiteres Video, eine weitere Lawine. „Nordseite, exponiertes Kar, 40 Grad Hangneigung. Oder, wie Werner Munter sagt: ein todgeiler Dreier“, kommentiert Larcher. Kommen alle drei Faktoren zusammen steigt das Unfallrisiko stark an. Mit der Entscheidung, einen 30 Grad steilen Hang zu begehen, senkt man das Risiko auf nur mehr sieben Prozent. Mithilfe (auch digitaler) Karten kann man die Hangneigung einschätzen. Weshalb Larcher insistiert: „Lernt Kartenlesen. Es ist eine Erweiterung des bergsteigerischen Horizonts.“

Der Baumeister der Lawinen

Ein Skitourengeher muss nicht nur Karten sondern auch den Schnee lesen können. Denn Triebschnee, also Schnee, der vom Wind verblasen wurde und sich an einer anderen Stelle wieder abgelegt hat, ist eine der häufigsten Lawinenursachen. Je mehr Gewicht auf einmal einwirkt, desto höher das Risiko.

„Der Schnee ist wie ein gespanntes Leintuch“

verbildlicht Larcher und erklärt: „Meine 65 Kilo wirken punktuell ein. In der Schwachschicht, also der kristallinen Zwischenschicht im Triebschnee entsteht dann ein Riss, und schon geht die Lawine ab.“ Dann fügt er selbstironisch hinzu: „Ihr seid echt höflich, dass ihr bei 65 Kilo nicht gelacht habt.“

Hinter abgewehten Rücken sammelt sich oft Triebschnee © Gerhard Mössmer, Österreichischer Alpenverein

Die richtige Rettung

Die meisten Lawinenopfer sterben den weißen Tod, sie ersticken weil sie ihr eigenes CO2 einatmen. „Bis zu 15 Minuten kann ein Mensch unter dem Schnee überleben“, sagt Larcher. Darum müssen Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS), Schaufel und Sonde für den Ernstfall einsatzbereit sein. Helfer kommen auf die Bühne und stellen sich um Larcher auf. Dieser wählt jedes ihrer LVS-Geräte mithilfe einer App einzeln an. „Erst wenn alle antworten, gehen wir los“, sagt Larcher mit Nachdruck.

Die Wärmedecke liegt griffbereit, um die Gerettete wärmen zu können. ©  W. Neumüller, www.alpenverein.wien

Vier Helfer demonstrieren den Ernstfall,  ein Mitglied der Tourengruppe ist verschüttet. Larcher teilt ein in Sucherin und Schaufler. Nach der Grobsuche, folgt eine Helferin der Entfernungsangabe ihres LVS-Geräts. Das Gerät piepst lange.

„Treffer!“

ruft die Sucherin und die Schaufler eilen heran. „Wir  schaufeln alle falsch“, sagt Larcher. Das Team legt die Verschüttete auf eine Trage, deckt sie zu, die Demonstration des Ernstfalles ist vorbei. Damit es in den Alpen gar nicht erst soweit kommt, fragt Larcher die Besucher „Wer wird das, was er heute gelernt hat bei der nächsten Skitour umsetzen?“ 300 Menschen heben die Hand.


Das gesamte „Lawinen Update“ mit Michael Larcher ist nun auch auf Youtube verfügbar:

Larcher und seine Kollegen haben mit Stop or go eine Strategie entwickelt, die, richtig angewendet, das Unfallrisiko stark senken kann
Die Alpenvereinaktiv-App funktioniert auch ohne Handyempfang. Sie versammelt GPS-Informationen, Hangsteilmesser und eine Notruf-Funktion.

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