Zwischen kreativer Freiheit und Gesetzen

Wohnhäuser, Spielplätze, Straßenführung und öffentliche Gebäude. Sie prägen das Bild einer Stadt. Doch welchen Einfluss nehmen die Gesetze und Normen auf die Architektur und die Stadtentwicklung? Die Ausstellung „Form folgt Paragraph“ im Architekturzentrum Wien gibt einen Einblick.

Die weißen Ordnerwände ziehen sich durch den gesamten Ausstellungsraum und führen die Besucher von Station zu Station. Sie dienen aber nicht nur zur Gestaltung des Raumes, sondern sollen ein Abbild des Architekturschaffens von heute sein. Denn Brauchte man früher noch für ein Bauprojekt 30 bis 40 Ordner, sind jetzt 80 bis 90 Ordner nötig. Auch die Bauordnung von Wien zeigt seit 1829 eine enorme Zunahme von Gesetzen, Vorschriften und Normen. Neben all der Kritik haben Normen auch positive Aspekte, zum Beispiel im Bezug auf die Sicherheit der Menschen. Trotzdem ist der Entstehungsprozess von Gesetzen und Normen kritisch zu hinterfragen.

Die Entwicklung der Wiener Bauordnung von 1829 bis 2016. © Ines Wunder
Plattform für Diskussionen

Die typischen Merkmale von Wiener Gebäuden sind ebenfalls ein Indiz für die Gesetze, die ein Architekt oder Stadtplaner einhalten muss. Die Fallbeispiele aus Wien zeigen deutlich, dass die Normen und Richtlinien das Erscheinungsbild von Gebäuden und Freiräumen einer Stadt stärker beeinflussen, als wir vermuten würden. „Was heißt das für Architektur und Stadtplanung? Und wie können wir das vielleicht auch ändern? Denn schlussendlich macht eine Gesellschaft ihre Gesetze selbst“, sagt Angelika Fitz, Direktorin des Architekturzentrums.

Kulturell geprägte Gesetze

Schutz von Menschenleben, Brandschutz, Schutz vor Diskriminierung und die Distanz zum Nachbarn. Darauf legen wir als österreichische Gesellschaft Wert und die Architektur manifestiert diese Bedürfnisse in gebauter Form. Doch jedes Land hat andere Vorschriften. Allein in Europa gibt es deutliche Unterschiede, die viel mit der Kultur, Gesellschaft und den historischen Gegebenheiten des jeweiligen Landes zu tun haben. Brandschutzordnungen sind von Land zu Land unterschiedlich. Auch die Lärmschutzbestimmungen auf Spielplätzen sind in Deutschland anders, als in Österreich. Um diese Unterschiede auch erlebbar zu machen, wurde in der Mitte des Ausstellungsraumes ein Treppenparkour aufgebaut, der sieben Treppen aus sieben verschiedenen Ländern vergleicht.

 

Der Treppenparkour bestehend aus sieben verschiedenen Treppen von sieben verschiedenen Ländern. © Ines Wunder
Der Umgang mit dem Gesetz

All diese Richtlinien, Gesetze und Normen schränken nicht nur Architekten und Stadtplaner ein, sondern auch die Bürger. Eine Reihe von internationalen Beispielen zeigen, wie Gesetze umgegangen werden und wie aktivistische Projekte auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam machen.

Ziel dieser Ausstellung ist ein „Blick hinter die Fassaden“ zu geben, um zu verstehen warum ein Gebäude so aussieht, wie es aussieht. Martina Frühwirth, Kuratorin des Architekturzentrums, beschreibt ihren Anspruch an die Ausstellung so, „wenn die Besucher nach der Ausstellung wieder raus gehen in den Stadtraum, sollen sie die Gebäude und die Stadt künftig mit anderen Augen sehen. Weil sie auf einmal wissen, was sie sehen“.

Architekturzentrum Wien – Ausstellungshalle 2
Museumsplatz 1
1070 Wien

Ausstellung: „Form folgt Paragraph“

Do 23.11.2017 – Mi 04.04.2018
Täglich 10:00-19:00

Eintrittspreise
Tickets: € 9 / ermäßigt € 7

Tipp:
StudentInnen: Mittwoch gratis Ausstellungseintritt von 17:00–19:00 Uhr

Titelbild: © Ines Wunder