Ah, i darf scho Salzwossa schlucken?

Im neuen Theaterstück „das Fremdenzimmer“, das am 25.Jänner uraufgeführt wurde, lädt Peter Turrini das Publikum in den Mikrokosmos eine Paares ein, das sich nichts mehr zu sagen hat. Bis Samir, ein syrischer Flüchtling, in ihrer Wohnung steht. Mit überspitzten Dialogen treibt er die Zuseher im Theater in der Josefstadt an den Rande des Erträglichen.

Turrini weiß, wie der klassisch österreichische, sudernde (Un)gustl ausschaut. In Herbert Föttingers Regie, der das Stück etwas ummodelte, betritt dieser in Form von Protagonist Gustl die Bühne. Gemeinsam leben er und seine Partnerin Herta einsam in ihrer dunklen Wohnung. Nur, wenn man sich etwas rausstreckt aus dem Fenster, kriegt man ein paar wärmende Sonnenstrahlen ab. Das Paar lernte sich im Pratergasthaus kennen. Der Gustl wollte die Herta nur lange anschauen. Nichts mehr. Sie wurden ein Paar und Gustl überredete Herta bei sich einzuziehen. „Nur unter einer Bedingung“, konterte Herta. „Das hintere Kabinett muss immer frei bleiben. Da darf nichts rumliegen. Es muss jederzeit beziehbar sein, wie ein Fremdenzimmer in einer Pension.“

Ein leeres Zimmer als Sehnsuchtsort

Dieses Fremdenzimmer, wie Turrini auch sein Stück nannte, ist der Ort, der für Hertas verschwundenen Sohn freibleiben soll. Jedoch ist dieses Zimmer mehr als das. Es repräsentiert die Leere, die sich in ihr Leben eingeschlichen hat. Diese Leere muss wieder gefüllt werden. Und dies passiert eines Nachmittags in Form von Sahir, der bei ihnen Zuflucht sucht. Was dieses Ereignis in der nicht ganz so heilen Welt von Gustl und Herta auslöst, weiß Turrini auf pointierte Art zu veranschaulichen. Xenophobie, Paranoia und brachiale Ignoranz prasseln auf den jungen Syrer ein. „Ihr überschwemmts uns mit euren Krankheiten und dann sterben wir aus“, schreit der Gustl. Das Wohnzimmer verwandelt sich zum Schlachtfeld und Samir mutiert allmählich zum Objekt ihres Machtkampfes. „Es ist nicht nur deine Wohnung, er bleibt!“

Gustl und die Zustellpflicht:“Die Namen sind immer undeutlicher geworden.“ (C) Herbert Neubauer/Josefstadt

Die Tragik nimmt seinen Lauf. Gustl und Herta haben sich nichts mehr zu sagen und Samir kann nichts sagen und nicht nur, weil er kein Deutsch spricht. Denn seine Befindlichkeit wird mit keiner Silbe hinterfragt. Viel zu sehr sind die beiden Protagonisten mit sich selbst beschäftigt. Gustl, der stramme und dennoch geknickte Altsozi, der von der Post in Frühpension geschickt wurde und Herta, die begnadete Balladenträllerin, die täglich gegen ihren tiefsitzenden Schmerz kämpft. Die Szenenwechsel in Form von grellen Whiteouts tun dabei genauso weh wie die beklemmenden Monologe der beiden.


„Es ist so schön, dass ich mit dir reden kann“

Samir sitzt schweigsam neben ihnen, während sie über ihr Leben lamentieren. Der groteske Höhepunkt erreicht das Stück beim Blutdruckmessen. Während Gustls Werte kaum schlechter sein könnten, spuckt das Gerät bei Samir die Bestwerte raus. Vom Gerät in seiner Haltung bestätigt, überkommt es Gustl: „Das ist der Untergang! Dia kumman total fit von unten auffa!“

Dieser Ton verfliegt erst, als Samir seine Geschichte erzählt. Wie er aus Syrien geflüchtet ist und er fast im Mittelmeer ertrunken ist. Er greift nach einem Glas Wasser und schüttet Salz rein. Er möchte sie spüren lassen, wie sich das anfühlt. Beide trinken und spucken es natürlich sofort wieder aus. Etwas vor den ignoranten Kopf gestoßen, möchte Gustl Samir die österreichische Kultur näherbringen. Er reicht seinem Jüngling ein Bier und schreit euphorisch, nachdem er es runterschluckt: „Bravo Samir! Volle Integration!“ Sie schieben den Beduselten ins Fremdenzimmer und sagen leise: „Den gebma nimma her.“

Gemeinsam heben die drei Bruchpiloten ab (C) Elisa Tomaselli

Das Spiegelbild einer paranoid gewordenen Gesellschaft

Wie nahe Ignoranz und Annäherung beieinanderliegen, zeigt dieses humoristische Stück Turrinis, das an vielen Stellen die Zehennägel zusammenrollen lässt. Geflüchtete als Projektionsflächen für eigene Emotionen, Enttäuschungen und Wut. Vor allem Wut auf sich selber. Auch als kalte und zynische Abrechnung mit dem inhärenten Egoismus des Menschen kann man das Stück sehen. Für das Paar wird Samir mit der Zeit der Lückenfüller, den sie dringend in ihrem Alltag brauchen. Auch wenn beim gemeinsamen Salzwassertrinken eine Prise Sozialromantik auftaucht, wird diese gleich wieder weggeschwemmt. Von Altruismus keine Rede. Als sich die Caritas meldet, schreien sie nur entrüstet: „Er braucht ka aufschiebende Wirkung, er hat jetzt uns!“ So hebt das Paar mit Samir, umzingelt von Beamten, vom minimalistisch gehaltenen Bühnenbild in ihrem Fantasieflieger ab. Ein vermeintlich gutes Ende mit bitterem Beigeschmack.

Theater in der Josefstadt
Josefstädter Straße 26
1080 Wien
nächste Termine:
7.,14.,15.,28. Februar
1.,2.,5.,6.,24.,25. März