Zeitungen braucht das Volk

Die Sonderausstellung “Presse und Proletariat – Sozialdemokratische Zeitungen im Roten Wien” im Karl-Marx-Hof zeigt die Geschichte des sozialdemokratischen Zeitungswesens zwischen 1848 und 1934. Einige der damaligen Debatten sind heute noch brisant.

Dort, wo früher die Bewohnerinnen und Bewohner des Karl-Marx-Hofs geduscht und gebadet haben, wird heute die Geschichte des „Roten Wiens“ erzählt. Ein grundlegendes Merkmal jener Jahre war mit Sicherheit die Entwicklung der sozialdemokratischen Presse. Mit der Sonderausstellung „Presse und Proletariat“ zeigt der Waschsalon, wie das Pressewesen zu einem konstituierenden Element der österreichischen Sozialdemokratie wurde.

Einige Vorgänger der Arbeiter-Zeitung. (© Markus Sibrawa / Waschsalon)

Die Arbeiter-Zeitung

Der Funke für die Entstehung der Zeitungen in Österreich war das „Preßgesetz“ von 1848. Erste Druckwerke, die sich mit den Problemen der Arbeiterschaft befassten, waren zum Beispiel Der Proletarier oder Der Ohnehose – mit klarer Anspielung auf die Französische Revolution. Das erste sozialdemokratische Parteiblatt kam 1889, als Parteichef Victor Adler die Arbeiter-Zeitung gründete. Ihre Aufgabe: der „Kampf gegen die Ausbeuterklasse und ihre Organe“, aber vor allem gegen den „Unverstand der Massen“, wie Adler schrieb. Wer lesen konnte, begann tatsächlich, die neue Zeitung zu lesen. In der ersten Republik blühte das Parteiblatt unter der Leitung von Friedrich Austerlitz und Oscar Pollack. Bis 1930 hatte es eine Auflage von 130.000 Exemplaren erreicht. Das Bedürfnis nach Bildung als emanzipatorisches Mittel war groß. Das Lesen wurde zu einer der wichtigsten Beschäftigungen der Arbeiterschaft.

„Herz, Hirn, Zentralnervensystem der gesamten Bewegung“. Die Arbeiter-Zeitung gewann schnell an Bedeutung. (© Markus Sibrawa / Waschsalon)

Die Frauenpresse

Doch die Arbeiter-Zeitung war nicht die einzige Zeitung, die in Verbindung mit den Sozialdemokraten stand. Trotz großer Bildungsdefizite und kulturellen Barrieren beschloss man, dass auch Frauen erreicht werden sollten. So kam die Arbeiterinnen-Zeitung zustande. Ihr Ziel war, so viele Frauen wie möglich zu mobilisieren. Unter dem Namen Die Frau erreichte das Blatt 1924 eine Auflage von 140.000 Kopien. Weil dieses aber hauptsächlich über parteiinterne Angelegenheiten berichtete, wurde Die Unzufriedene gegründet. Das Motto der Agitationszeitung:

„In der Unzufriedenheit liegt der Fortschritt der Menschheit!“

Auch die Frauenpresse spielte eine wichtige Rolle in den Jahren des „Roten Wiens“. (© Markus Sibrawa / Waschsalon)

Enorme Vielfalt

Neben diesen Zeitungen erschienen viele andere Druckwerke. Mit dem satirischen Magazin Glühlichter wollte man das Proletariat durch Ironie und Karikatur mobilisieren. Auf einer Illustration, die den Titel „Proletarier-Sport“ trägt, sind zum Beispiel Frauen und Männer bei der Arbeit zu sehen. Die kämpferische Zeitschrift Kuckuck wurde zum modernsten Magazin des Landes, mit Berichten über Mode, Kultur und weit entfernte Länder. Es entstand auch eine ganze Reihe an Publikationen, die wir heute „Special-Interest-Magazines“ nennen würden. Dazu gehörten unter anderem die der Naturfreunde, oder der Arbeiter-Radfahrer. Das oberste Gebot blieb jedoch durchgehend die Bildung. Insbesondere die Bildungsarbeit bot Unterstützung in der elementaren bis zur fortgeschrittenen Bildung. Diese Funktion war wesentlich für die Entstehung eines sozialistischen Bewusstseins quer durch die verschiedenen Untergruppen des Proletariats. Eine Übersicht von 1930 über die damalige Parteipresse bestätigte die Existenz von 127 Blätter, was für diese Zeit eine riesige Zahl darstellte.

Einige Ausgaben des „Kuckucks“. (© Markus Sibrawa / Waschsalon)

Sozialistischer Boulevard

Womit man womöglich nicht rechnet, ist die Existenz einer Art Boulevardpresse bereits in der Zeit des Roten Wiens. Weil die Arbeiter-Zeitung eine Sprache verwendete, die nicht allgemein zugänglich war, wurden Zeitungen in einfacher Sprache wie die Volkstribüne, Das Volk, und Das Kleine Blatt gegründet – freilich nicht ohne intellektueller Auseinandersetzungen. Aufgrund ihrer Einfachheit wurden solche Blätter teilweise viermal so oft gelesen wie das eigentliche Parteiorgan. Obwohl die Parteielite diese Blätter ständig kritisierte, konnten sie den Einfluss der bürgerlichen Presse stark begrenzen. Wer sich heute im linken Milieu bewegt, wird sicher den Vorschlag mancher Genossinnen und Genossen nach einem linken Boulevard gehört haben. Die Debatte gab es bereits vor fast 100 Jahren.

Die Sonderausstellung „Presse und Proletariat“ kann neben der Dauerausstellung noch bis zum 8. April 2018 besucht werden. Der Preiszuschlag beträgt 2 Euro pro Person.

„Presse und Proletariat - Sozialdemokratische Zeitungen im Roten Wien“ 

bis 08.04.2018

Waschsalon im Karl-Marx-Hof
Halteraugasse 7
1190 Wien

Öffnungszeiten:
Donnerstag:  13 – 18 Uhr
Sonntag:  12 – 16 Uhr

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