Freud’sche Freuden

Wien traut sich endlich und holt im Rahmen des ersten Porn Film Festivals den Porno als filmisches Genre aus den dunklen Ecken hervor. Unter dem Motto What is porn? werden vom  01. bis 04. März 2018 die Grenzen zwischen Kunst und Pornografie verwischt und die Öffentlichkeit zu einem Diskurs in unbefangenem Rahmen eingeladen.

Porn Film Festival. Wer da jetzt an Klischeepornos à la Pornhub und Youporn denkt, der irrt. Der Grundgedanke des erstmals stattfindenden Porn Film Festivals Vienna ist vielmehr ein vielfältiges Wahrnehmen von pornografischen Filmen zu schaffen und existierende Normen in diesem Genre sozialkritisch zu hinterfragen. Unterschiedliche Locations wie das Schikaneder, das Filmcasino, das Erotikkino Fortuna, der Sex-Positiv-Verein Schwelle7 oder der SM-Verein Libertine bieten Raum dafür.

Spielfilm „Sex Cowboys“ © Adriano Giotti
Aus dem Privaten in die Öffentlichkeit

Pornografie ist längst keine Subkultur mehr, sondern ein Massenmedium. Demnach bedarf es laut der Festivalleitung einer kritischen Auseinandersetzung über Konsum und Umgang mit Pornografie. „Wir wollen öffentlich und bewusst über Pornos und Sex reden, weil uns Themen wie Body-Positivity und Sex-Positivity sehr wichtig sind. Es ist an der Zeit, dass man sich der Pornografie nicht mehr hinter verschlossenen Türen zuwendet, sondern, dass wir in einem sicheren, öffentlichen Rahmen über das gesellschaftliche Phänomen Pornografie reflektieren und uns austauschen können.“ Festivaldirektor Yavuz Kurtulmus und sein Team sehen ihre Aufgabe darin, Darstellungen authentischer Sexualität, marginalisierte Körpernormen sowie sexuelle Vorlieben und sexuelle Orientierungen sichtbar zu machen.

What is porn?

Die  Ausgangsfrage des diesjährigen Festivals, was Porno eigentlich ist, ist eine große. Im Laufe des viertägigen Festivals sollen im aktiven Austausch von Publikum mit internationalen Filmschaffenden und ExpertInnen Antworten darauf diskutiert und gesammelt werden. „Wir wollen das Bild von Pornos ändern. Weg von der Heteronormativität und Penetrationsfixiertheit der Mainstream-Pornoindustrie. Wir wollen zeigen, wo sich das Genre Porno hinentwickelt hat“, sagt der Festivaldirektor. „Es gibt Pornos, bei denen man nicht einmal Geschlechtsteile sieht, wo sich zwei Hände berühren und minutenlang miteinander spielen. Auch das ist Porno.“  

Wenn Kunst, Sexualität und Kino sich zusammentun

„Unsere Filme sind sehr künstlerisch und haben einen anderen Ansatz, als den üblichen, für den männlichen Blick gedrehten Porno. Einen Schwerpunkt bildet zum Beispiel FempornPornos von Frauen für Frauen. Da sind Handlungsrahmen, eine Geschichte und Emotionen gegeben, Intimität. Da ist der Fokus auf die Frau und nicht auf den Mann gesetzt.“ Durch eine breitgefächerte Programmauswahl werden im Rahmen des Filmfestivals Grenzen ausgelotet und Vielfalt präsentiert. Pornofilme fernab des Internetangebots.

In diesem Sinne wird der Spielfilm Pieles als Eröffnungsfilm gezeigt. Der spanische Regisseur Eduardo Casanova  schafft in einer bewusst artifiziellen und  in lila getauchten Traumwelt Raum für gesellschaftliche und sexuelle Aussenseiter. Denn die Körper der ProtagonistInnen entsprechen nicht dem gängigen Schönheitsverständnis. Die Menschen leben mit ihrer Andersartigkeit im Versteckten. Dabei meiden sie die Konfrontation mit der restlichen Welt. Der Film feierte letztes Jahr auf der Berlinale Premiere. In Wien ist Pieles als Festivalauftakt am  01. März um 20:00 im Schikander Kino zu sehen.

Eröffnungsfilm „Pieles“ © Eduardo Casanova
Was Wien erwarten darf

Mit insgesamt 40 Veranstaltungen verspricht das Festival Tiefgang und einen offenen, vielfältigen Zugang zum Thema Pornografie. Ab dem 19. Februar ist das komplette Festivalprogramm online abrufbar. Screenings werden internationale Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme zeigen. Die diskursive Ebene liefert ein großteils kostenloses Rahmenprogramm bestehend aus Q&As mit Filmschaffenden, Workshops wie How to make a porn und Podiumsdiskussionen etwa zum Thema Pornosucht. Auch wird es eine erotische Rätselrallye durch Wien geben, war doch Wien um die Jahrhundertwende ein Epizentrum der Sexualwissenschaften und der Erotikfilme. Wie bereit und offen heutzutage Wien für ein Porn Film Festival ist, wird sich zeigen. Spannend wird’s auf jeden Fall.

 

©Porn Film Festival Vienna

 

Porn Film Festival Vienna 
01.03.2018 - 04.03.2018
pornfilmfestivalvienna.at

Crowdfunding-Kampange des Festivals
indiegogo.com/projects/1-porn-film-festival-vienna-art

Titelbild: Olivia Wimmer

 

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