»Zeig‘ mir deine Tattoos und ich sag‘ dir, wer du bist«

Die 15. Tattoo Convention Vienna ging zahlreichen Besuchern unter die Haut. Fans tiefgründiger Körperbemalung und Dutzende Stechkünstler sprachen über Schmerz und Körperbemalung an ungewöhnlichen Stellen.

Das Wort „Kunde“ ist im Wortschatz der Tätowiererin Osa Wahn nicht zu finden. „Kunde ist ein Begriff der Konsumgesellschaft. Für mich sind sie Gourmets“, erklärt Wahn. Tinten-Liebhaber also, die wahre Qualität zu schätzen wissen. Generell herrscht auf der Tattoo Convention Vienna ein lockerer Umgangston. Mit den Besuchern ist man schnell per du.  Osa Wahn ist ein bekanntes Gesicht auf der diesjährigen Veranstaltung, die traditionell im Arcotel Wimberger stattfindet. Laut Schätzungen der Veranstalter besuchen im Schnitt 1.400 Personen das Get-together rund um das Thema Körper-Tinte.

Tätowieren mit 12 Jahren

Ihr erstes Tattoo stach Osa Wahn ihrem Vater Waldemar im zarten Alter von zwölf Jahren.  Waldemar Wahn ist ihr großes Vorbild und lehrte sie das Handwerk. „Mit 13 Jahren war ich auf meiner ersten internationalen Tattoo Messe, damals in Berlin. Ich war so ziemlich das einzige Mädchen, das tätowiert hat,“ erinnert sich Osa Wahn. „Das war mein Sieg.“, sagt Wahn heute.

Heute fertigt sie im Jahr  30 bis 40 Kunstwerke an, die sich zumeist über ein ganzes Körperteil erstrecken. Um einen Termin zu bekommen, muss man nicht nur mit bis zu zwei Jahren Wartezeit rechnen, sondern auch Voraussetzungen erfüllen. Dabei geht es um die gute Chemie zwischen Gourmet und Künstler, die für Wahn stimmen sein muss. Sie  ist sehr selektiv.

„Etwa 80% der Leute schicke ich sofort weg, weil mich ihre Ideen nicht interessieren. Ich steche keine 0815-Tattoos. Für mich sind Leute mit 0815-Tattoos oder Leute, die 0815-Tattoos wollen, 0815-Menschen. Ich gehe nach dem Motto: ‚Zeig‘ mir deine Tattoos und ich sag‘ dir, wer du bist.'“

Tätowiert seit sie zwölf Jahre alt ist: Osa Wahn. (c) Larissa Eckhardt

Musik gegen Schmerzen

Zu den sechzig Ausstellern zählt der Künstler Marcus Adamek. In der Szene habe er einen guten Ruf, lässt sein Gourmet Phillip wissen. Seit fünf Stunden lässt er sich von Adamek schwarze Tinte in seine Haut stechen. Phillip wählte als Motiv eine Balletttänzerin, die vor einem Schwan steht. Das Bild soll an Tschaikowskis Schwanensee erinnnern. Die Männer rechnen bis zur Fertigstellung des Designs mit vier weiteren Stunden. Es ist Phillips zehntes Peckerl. Sein Rezept gegen die Schmerzen heißt: Ablenken durch Musikhören.

Unter dem monotonen Surren der Tätowiermaschinen versammeln sich am späten Nachmittag zahlreiche Zuschauer vor der Event-Bühne. Ein Contest startet und Adamek verlässt kurz seinen Stand. Er ist Teil einer dreiköpfigen Jury, die unter allen Teilnehmern das beste Black-&-Grey-Tattoo küren soll. Ihre Blicke prüfen unter anderem Schattensetzung, Anatomie und Symmetrie.

Josef ist einer der Teilnehmer, die sofort auffallen. Er hat sich von  seinem Knie aufwärts bis zum Hüftknochen einen Wikinger stechen lassen. Es ist sein neuntes Tattoo. Für den Wikinger ist er insgesamt neuneinhalb Stunden gesessen.

 

Tattoos, wo sie noch niemand hat

Dass das Tätowieren für Künstler und Kunden bzw. Gourmets  gleichermaßen interessant sein kann, zeigt eine ungewöhnliche Erfahrung aus Wahn’s Berufsleben. In ihrem Stand ist ein großes Foto zu sehen. Einer ihrer Gourmets ließ sich im Vorjahr im gesamten Genital- und Analbereich ein fantasievolles Blumenmuster tätowieren. Wie jemand auf diese Idee kommt? „Er wollte eine Stelle tätowieren lassen, die noch keiner hat.“, sagt Wahn. Und was denkt die Künstlerin darüber, einem Gourmet im Intimbereich zu tätowieren? „Es sind für mich nur Körperteile“, sagt Wahn.

 

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Tattoo Convention Vienna
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