Mit Schwamm und Scheuermilch gegen das Vergessen

Zum ersten Mal hat der Verein „Steine der Erinnerung“ zu einer Gedenk-Putz-Aktion im Alsergrund aufgerufen. Die Steine erhielten während der Gedenktage der Novemberpogrome eine Reinigung, um der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken und ein Zeichen gegen Antisemitismus  zu setzen.

Eine bunte Mischung aus jungen und älteren Freiwillige hat sich am Samstagmittag im Arne-Carlsson-Park im 9. Bezirk zusammengefunden, um die Steine der Erinnerung zu putzen. Diese Steine sind den Jüdinnen und Juden gedacht, die während des Nationalsozialismus deportiert oder ermordet wurden. Sie sind fast überall in Wien zu finden. Veranstaltet hat die Gedenk-Putz-Aktion eine Wohngemeinschaft aus Alsergrund.  Initiator Tobias Klein erzählt: „Wir sind auf den Verein mit der Idee zugegangen und sie waren sofort begeistert.“ Dafür haben Tobias und seine Kollegen alles vorbereitet. Lagepläne für die Steine im 9. Bezirk, genügend Schwämme, Scheuermilch und Wasser.

Rund 20 Freiwillige haben sich zum Putzen zusammengefunden (Foto: Thorben Pollerhof)

Dahlia Hindler, ein Mitglied des Vereins, ist an diesem Tag auch gekommen, um einige einleitende Worte zu sagen: „Unser Ziel ist es, den jüdischen Menschen wieder einen Platz dort zu geben, wo ihr Mittelpunkt war.“ Allein im Alsergrund soll der Bevölkerungsanteil der Juden vor den Pogromen bei rund 30 Prozent gelegen haben. Deswegen gibt es auch im 9. Bezirk ganze 72 Stationen, an denen Steine der Erinnerungen angebracht sind.

Die Aktion soll nicht nur der Opfer der Novemberpogrome gedenken (Foto: Thorben Pollerhof)
Putzen gegen aktuellen Antisemitismus

Jeder Teilnehmer bekommt drei Steine zugeteilt, um die er sich zu kümmern hat. Der Lageplan zeigt, wo die Reise hingeht. Dort angekommen, beginnt die Arbeit. Scheuermilch auf die Gedenksteine und losgeputzt – bis die Steine wieder ihren ursprünglichen Glanz haben. Passanten, die an den Fleißigen vorbeischlendern, begrüßen die Aktion: „Ich finde es schön, dass sich Leute finden, die sich darum kümmern. Das ist wichtig“, sagt eine ältere Dame.

Die Ergebnisse können sich wirklich sehen lassen (Foto: Thorben Pollerhof)

Die WG und der Verein haben sich für diese Aktion ein besonderes Datum ausgesucht. Denn am 9. und 10. November 1938 gab es auch in Wien vom nationalsozialistischen Regime organisierte gewaltsame Übergriffe auf Jüdinnen und Juden. Die sogenannten Novemberpogrome forderten viele Tote und Verletzte, zerstörte Läden und brennende Synagogen. Doch nicht nur der Opfer der Novemberpogrome soll mit dieser Aktion 80 Jahre später gedacht werden. Auch gegen aktuellen Antisemitismus spricht sich nicht nur der Verein, sondern besonders auch die kleine WG aus. In deutschen Großstädten gibt es diese Tradition schon länger, auch hier ist das meist das Gedenken an die Novemberpogrome der Anlass.

„Es sind doch mehr gekommen, als ich gedacht habe“, sagt Klein, nachdem Dahlia Hindler ihre Einleitungsworte beendet hat. Der Verein hat die Aktion über ihre Internetseite, den Mail-Verteiler und Twitter beworben. Und der 9. Bezirk soll erst der Anfang sein. Überall in der Stadt Wien sind Steine der Erinnerung verteilt, an insgesamt 430 Adressen. Eine neue Politur könnten sie alle gebrauchen. Gegen das Vergessen.

 

Links:
Steine der Erinnerung

Datenbank der Steine in Wien