Welcome to Sodom: „Es hat sich ein bisschen wie Verrat angefühlt“

Die Doku „Welcome to Sodom“ blickt hinter die Kulissen von Europas größter Müllhalde in Afrika. Der Film erzählt die Geschichte der Menschen, die versuchen, von dem zu leben, was wir wegwerfen. Mittendrin ist auch der Langenloiser Christian Kermer. Er zeichnet für Schnitt und Kamera verantwortlich. Leben in Wien hat mit ihm über seine Erfahrungen während der Dreharbeiten gesprochen.

Zwei Monate verbrachte  Christian Kermer auf der Elektro-Mülldeponie Agbogbloshie  in der ghanaischen Hauptstadt Accra, um dort die Doku „Welcome to Sodom“ zu drehen. Der Wahl-Wiener studierte zunächst Informationsdesign in Graz und MultiMedia Art in Salzburg. Der Film von Florian Weigensamer und Christian Krönes ist Kermers erste Arbeit als Kameramann bei einem großen Dokumentarfilm. Kermer bezeichnet den Ort als Kehrseite unserer modernen Wohlstandsgesellschaft: „Der Boden ist schwarz und verbrannt. Was vor einiger Zeit noch Natur war, ist jetzt leblos. Man geht über die Müllhalde und sieht die Auswirkungen unserer Naivität und Rücksichtslosigkeit“, sagt der 32-Jährige.

Der Langenloiser Christian Kermer studierte Informationsdesign in Graz und MultiMedia Art in Salzburg. Foto: Blackbox Film

„Die Menschen in Sodom leben von unserem Müll“

„Wo wir einen apokalyptischen Ort sehen, sehen sie einen Ort, der gleichzeitig Zuhause und Hoffnung bedeutet.“ – Christian Kermer

Die Lebensgrundlage der Menschen in Agbogbloshie ist das Verbrennen und Zerschlagen des europäischen und amerikanischen Elektroschrotts, um an die Edelmetalle zu kommen. Durch diese nicht fachgerechte Entsorgung würden auch schädliche Stoffe freigesetzt, die nicht nur Erde, Wasser und Luft verschmutzen, sondern auch für Menschen, Tiere und Pflanzen schädlich seien, so Kermer und erklärt: „Für die Menschen ist die Arbeit auf der Müllhalde ihre letzte Möglichkeit Geld zu verdienen. Wo wir einen apokalyptischen Ort sehen, sehen sie einen Ort, der gleichzeitig Zuhause und Hoffnung bedeutet.“

Die Arbeitsbedingungen für die Menschen in Agbogbloshie sind verheerend. Der Film „Welcome to Sodom“ blickt hinter die Kulissen von Europas größter Mülldeponie, mitten in Afrika. Foto: Blackbox Film

Früher eine grüne Lagune, heute ein giftiger Ort

Die rund 6.000 Einwohner von Agbogbloshie nennen ihre Heimat „Sodom“. Laut einer Erzählung des Alten Testaments zerstörte Gott die antike Stadt durch einen Regen aus Feuer und Schwefel, weil ihre Bewohner der Sünde verfielen. Vor nicht allzu langer Zeit war die Lagune noch ein grünes Vogelschutzgebiet. „Heute ist es nicht nur eine der größten Elektro-Mülldeponien, sondern auch einer der giftigsten Orte der Welt“, so der Wahl-Wiener.

Zurück bleibt ein lähmendes Gefühl der Hilflosigkeit

Seine Eindrücke während der Dreharbeiten in Ghana beschreibt der Kameramann als lähmend, weil man so viel sehe und wahrnehme, was auf der Welt falsch laufe. „Es hat sich ein bisschen wie Verrat angefühlt, den Menschen dort nicht so helfen zu können, wie man gerne möchte und nach zwei Monaten wieder nach Hause zu fliegen.“ Eine Mutter sei etwa auf sie zugekommen und habe versucht, dem Filmteam ihr Kind nach Europa mitzugeben. „Auf so etwas ist man nicht vorbereitet“, sagt der gebürtige Langenloiser.

Mensch und Tier leben in Agbogbloshie Seite an Seite zwischen Bergen aus europäischem Elektroschrott. Sodom sei ein „apokalyptischer Ort“. Foto: Blackbox Film

„Unsere Aufgabe ist es, zum Nachdenken anzuregen“

Als Dokumentarfilmer habe er eine wichtige Aufgabe sagt Kermer und ergänzt: „Wir wollen relevante Themen in die Mitte der Gesellschaft tragen, Aufmerksamkeit schaffen und im besten Fall zum Nachdenken anregen“. Sodom werde es noch länger geben. So lange Profit Priorität habe, könne es auch keine soziale Gerechtigkeit geben. Die Menschen müssten erfahren, zu welchem Preis elektronische Geräte, Nahrung oder Kleidung hergestellt werden. „Welcome to Sodom läuft derzeit österreichweit in den Kinos. Das Stadtkino Wien zeigt den Film noch bis zum 13. Januar 2019.

Die Menschen in Agbogbloshie versuchen neben den Elektromüllbergen einem geregelten Tagesablauf nachzugehen. Foto: Blackbox Film