Ein Maulwurf unter Wien

Das anspruchsvollste U-Bahn-Projekt seit Jahrzehnten steht in den Startlöchern. Die Linie U2 wird ausgebaut und eine Neue, die U5, kommt dazu. Um dieses Vorhaben zu verwirklichen braucht es nicht nur aufwendige Vorarbeiten und detaillierte Planungen, sondern auch einen 90 Tonnen schweren Maulwurf.

Wie Maulwürfe aussehen ist jedem bekannt: klein wie eine Handfläche mit flauschig schwarzem Fell, schaufelartigen Pfoten und einer rosa Schnauze. Obwohl man sie nicht gerne im eigenen Garten hat, leisten sie doch einen wichtigen Beitrag für das Erdreich. Ähnlich verhält es sich auch mit einem Maulwurf, der sich bald unter der Stadt Wien durchgraben wird. Einige maßgebliche Unterschiede gibt es: Er ist fast 100 Meter lang, hat einen Durchmesser von rund sieben Metern und wiegt bis zu 90 Tonnen. Pfoten hat er keine. Seine „Schnauze“ ist kreisrund und mit Schäl- sowie Schneidmessern ausgestattet.  Diese Tunnelbohrmaschine, die nach dem Säugetier benannt wurde, soll sich unterirdisch von der geplanten U2-Station Matzleinsdorfer Platz bis zum Augustinplatz im siebten Bezirk durchgraben. Der Streckenabschnitt eignet sich besonders gut für den Einsatz der Maschine: die Bodenverhältnisse und der gleichmäßige Tunnelquerschnitt machen es möglich.

Ein Alleskönner

Dieser Maulwurf gräbt nicht nur, er entsorgt und baut gleichzeitig. Das, was durch die Messer in kreisender Bewegung losgelöst wird, fällt in den Innenraum der Maschine auf ein Förderband. Steine, Schutt und Erde werden dadurch weiter transportiert und kommen schließlich über einen Schacht an die Oberfläche. Das verschafft im Tunnel Platz und hilft auch bei der Entsorgung des Materials. Der so genannte „Aushub“ wird nämlich nicht in der Innenstadt nach oben befördert, sondern gelangt erst beim Matzleinsdorfer Platz wieder ans Licht. Bei rund 140.000 Kubikmetern Erdreich lassen sich dadurch ca. 20.000 LKW-Fahrten für den Abtransport vermeiden.

Doch nicht nur entsorgen kann er, der Maulwurf: Während sich die Tunnelbohrmaschine nach vorne gräbt kleidet sie gleichzeitig die Tunnelwände mit vorgefertigten Stahlbetonsegmenten aus. Nur die Geschwindigkeit ist im Gegensatz zu seinem Namensverwandten erheblich geringer. Gräbt sich das Säugetier mit ungefähr vier km/h durch den Garten, schafft die Maschine lediglich 0,0005 km/h. Damit werden im Durchschnitt zwölf Meter in 24 Stunden geschafft.

(c) Natalie Ferch
Stahlbetonsegmente im Inneren der Tunnelbohrmaschine (Modell)

Einsturzgefahr? Nicht mit genügend Vorbereitung

In einer Tiefe von über 30 Metern soll jetzt gegraben, gebohrt, verlegt und ausgekleidet werden. Vor allem in der Innenstadt befinden sich Gebäude, die mehrere hundert Jahre alt sind. Sicherheit spielt dabei eine große Rolle um Gebäudeschäden oder, im schlimmsten Fall, Einstürze zu vermeiden. „Schon seit Ende 2015 haben wir deshalb begonnen die Fundamente von Häusern entlang der neuen Strecke zu untersuchen. Es wurden dabei Gutachten über alle Gebäude, die im Einflussbereich der Tunnel liegen, erstellt.“ sagt Pressesprecherin Johanna Griesmayer von den Wiener Linien. In einem zweiten Schritt werden, wenn notwendig, diese Fundamente verbessert. Die Kosten dafür fließen in das Baubudget ein und betragen für die erste Ausbaustufe des Linienkreuzes rund eine Mrd. Euro.

(c) Natalie Ferch
Ausstellungsstück im Infocenter der Wiener Linien

Information gegen Irritation

Jeder dritte Fahrgast ist im Areal 13A, 43, 6, U3 und U6 unterwegs. Bei 2,6 Millionen Öffinutzern pro Tag bedeutet das volle Fahrzeuge. „Wir verzeichnen stark steigende Fahrgastzahlen jedes Jahr und wir haben Linien im innerstädtischen Bereich, die bereits ihre Kapazitätsgrenzen erreicht haben.“ so Griesmayer. Der Bau der U5 und der Ausbau der U2 sind daher notwendig und bleiben auch nicht folgenlos: Stationen sind gesperrt, große Baustellen werden eröffnet und Teile des öffentlichen Verkehrs müssen umgeleitet werden. Damit sich Öffinutzer sowie Anrainerinnen und Anrainer nicht vor den Kopf gestoßen fühlen, setzten die Wiener Linien auf Transparenz im Bauvorgang und ständige Information. Nicht nur auf der offiziellen Webseite und einem Unternehmensblog, sondern auch über eine eigens eingerichtete Ombudsstelle kann alles über Sperren, Umleitungen und Co. in Erfahrung gebracht werden. Ergänzend dazu gibt es in der Station Volkstheater ein interaktives Informationscenter mit vielen Ausstellungsstücken zum Thema.

Titelbild: Natalie Ferch