„Joy“: Der ewige Kreis der Unterdrückung

Am 18. Jänner kommt mit “Joy” ein bereits mehrfach preisgekrönter Independent-Movie in die heimischen Kinos, der das Spannungsfeld zwischen Migration, Menschenhandel und Prostitution in Wien durchleuchtet. 

„Joy“ erzählt die Geschichte einer jungen Nigerianerin, auf deren Name der Filmtitel beruht. Dabei wirkt der Name im Kontext der Geschichte zynisch und deplatziert. Joy arbeitet als Prostituierte in Wien. Sie will so viel Geld zu verdienen, sodass sie sich von ihrer Zuhälterin freikaufen kann, die ihr wiederum die Überfahrt nach Europa finanziert hat. Obwohl in vereinzelten Momenten immer wieder ein Funken Hoffnung aufkommt, sind ihre Chancen, sich aus den Fängen der Schlepper zu befreien, aussichtslos. Der Film erzählt unmissverständlich: Joys Schicksal ist die Konsequenz eines skrupellosen Menschenhandelssystems.

Junge Afrikanerinnen in den Fängen eines Prostitutionsringes (© by FREIBEUTERFILM)

Joy’s Geschichte als reales Problem

Der Film basiert auf wahren Begebenheiten und behandelt ein globales Problem.  Über zehntausend nigerianische Frauen arbeiten als Prostituierte in Europa. Sie sind Opfer in einer komplexen Negativspirale: Schlepper versprechen afrikanischen Frauen vielseitige Arbeitsmöglichkeiten und ein damit verbundenes besseres Leben in Europa. Doch die Frauen werden zwangsprostituiert und müssen ihr verdientes Geld an die Schlepper weitergeben, um ihre Schulden für die Überfahrt zu begleichen.

Dabei ist beachtenswert, dass die nigerianischen Prostitutionsringe fast ausschließlich von Ex-Sexarbeiterinnen geführt werden, die in der Vergangenheit Opfer des selben Systems waren. Auf bedrückende Art und Weise zeigt „Joy“ wie ehemals unterdrückte Frauen andere Frauen ausbeuten und somit den hierarchischen Teufelskreis aufrechterhalten. Die Grenzen zwischen Täter und Opfer wirken oftmals verschwommen.

Ein Neuankömmling während der Fleischbeschau bei den Zuhälterinnen  (© by FREIBEUTERFILM)

Laiendarstellerinnen sorgen für eine authentische Inszenierung

Genau so verschwimmen die Grenzen in der Machart des Films. Das Drama wirkt über weite Strecken wie eine Dokumentation. Inszeniertes erscheint echt. So verzichtet der Film sehr oft auf künstliches Licht und filmt einige Szenen mit der Handkamera, um Authentizität zu schaffen. Außerdem besteht das Drehbuch nicht aus vorgefertigten Dialogen, sondern lediglich aus Anweisungen, wohin sich eine bestimmte Szene bewegen soll. Vieles ist improvisiert. Dabei verzichtet die Regisseurin auf ausgebildete Schauspielerinnen. Die Charaktere werden von nigerianischen Laiendarstellerinnen gespielt. Die meisten standen zum ersten Mal vor der Kamera.

Joy und ihre Kollegin beim Einkauf von Perücken (© by FREIBEUTERFILM)

Frauen als Täterinnen und Opfer

Regisseurin und Drehbuchautorin Sudabeh Mortezai hat diese künstlerischen Mittel bewusst ausgewählt. Ihr großes Ziel ist es, einen authentischen Einblick in das Leben, der von Menschenhandel betroffenen Frauen, zu gewährleisten. In einer Presseaussendung erklärt die Filmemacherin, wie sie zu dem Stoff ihrer Geschichte gekommen ist. Jedes Mal wenn sich Mortezai mit dem Thema Sexarbeit befasst, stellt sie sich die Frage: „Wo sind die Männer, die diese Frauen ausbeuten?“ Sie war schockiert, als sie erfuhr, dass hinter dem nigerianischen Prostitutionsring, ehemalige Prostituierte stecken. Diese Beklommenheit war der Auslöser für Mortezai, das Drehbuch zu verfassen. Dabei war von zentralem Interesse, die zwischenmenschliche Beziehung zwischen Opfern und Täterinnen einzufangen.

Regisseurin Sudabeh Mortezai (© by MAGDALENA BLASZCZUK)

Internationaler Erfolg

Es das zweite Werk der iranisch-österreichisch-stämmigen Filmemacherin und ihr größter Erfolg. „Joy“ war bereits Ende November im Zuge der Viennale in Österreich zu sehen, wo er mit dem Wiener Filmpreis ausgezeichnet wurde. Auch bei anderen internationalen Festivals nahm der Film erfolgreich teil. So gewann „Joy“ den Hauptpreis beim London Film Festival. Außerdem gewann er bei den Filmfestspielen in Venedig, dem Filmfestival Marrakesch und dem Chicago International Film Festival bedeutende Preise.

Folgende Wiener Kinos listen „Joy“ bereits in ihrer Programmvorschau:

CineCenter, 1. Bezirk
Votiv Kino, 9. Bezirk
Cineplexx Österreich (Auswahl der Kinos noch offen)