Kurt Klagsbrunn: „Der mit dem anderen Blick“

Der jüdisch-österreichische Fotograf Kurt Klagsbrunn gilt als einer der bedeutendsten Gesellschaftsfotografen Brasiliens. Zu seinen Fotoobjekten zählten prominente Persönlichkeiten wie beispielsweise Evita Perón und Orson Welles. Anlässlich seines 100. Geburtstages präsentiert das Jüdische Museum Wien die Ausstellung „Das Auge Brasiliens. Kurt Klagsbrunn und zeigt persönliche Dokumente sowie eine Auswahl seiner Werke aus dem brasilianischen Exil.

Die Ausstellung zeigt einen Nachlass des jüdischen Fotografen Kurt Klagsbrunn, den sein Neffe Victor Klagsbrunn dem Jüdischen Museum Wien schenkte. Dieser enthält unter anderem persönliche Fotos, alte Familiendokumente, Briefe, Notizen, Schülerausweise sowie Stücke die an die Flucht nach Brasilien erinnern. Auch die ersten Skizzenbücher des Fotografens sowie ausgewähltes Bildmaterial aus dem Exil befinden sich darunter.

Von Floridsdorf nach Rio de Janeiro

Kurt Klagsbrunn mit Belichtungsmesser © Victor Hugo Klagsbrunn

Kurt Klagsbrunn ein gebürtiger Österreicher mit jüdischen Wurzeln, zählte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den wichtigsten Fotografen Brasiliens. Geboren 1918 in Wien lebte er mit seiner gut situierten Familie in Floridsdorf. Nach der Schule wollten sein Bruder und er Arzt werden. Im Alter von zwanzig Jahren musste der damalige Medizinstudent und seine Familie vor den Nationalsozialisten aus Österreich fliehen und gelangten über Portugal nach Brasilien. Im südamerikanischen Exil war er gezwungen sich neu zu orientieren, da sein bisheriger Studienerfolg nicht anerkannt wurde. So kam es, dass er sein Jugendhobby zum Beruf machte und als Autodidakt eine erfolgreiche Karriere als selbständiger Berufsfotograf begann.

Durch seine Beteiligung an antifaschistischen studentischen Organisationen knüpfte er zahlreiche Kontakte zu linken Politikern, dokumentierte deren Engagement und verschaffte sich Zugang zur High Society, Rio de Janeiros. Ob im Opernhaus, im Jockey Club oder auf eleganten Partys, Klagsbrunn hatte große Persönlichkeiten wie den Außenminister Juan Bramuglia, die First Lady Argentiniens Evita Perón , oder den amerikanische Filmregisseur Orson Welles, vor der Kameralinse. 1941 eröffnete er sein erstes Fotostudio. Er arbeitet für die Magazine „Time“, „Life“ sowie für die brasilianische Illustrierte „O Cruzeiro“ und wurde als Werbe-, Industrie- und Mode- sowie Lifestyle-Fotograf bekannt.

Von Rio de Janeiro wieder zurück nach Wien 

Uli Jürgens im Familienarchiv der Klagsbrunns © Uli Jürgens

Die Wissenschaftsjournalistin Uli Jürgens, die die Verbindung zwischen Wien und Victor Klagsbrunn in Brasilien herstellte und auch maßgeblich an der Archivierung des Nachlasses beteiligt war weiß, dass dieser seine Begabung für die Fotografie schon aus Österreich mitbrachte:

„Er hat diesen Blick von außen gehabt! Und sein Talent, für die Fotografie hat er schon aus Österreich mitgebracht – das zeigen bereits die ersten Fotografien aus seiner Jugend.“

Uli Jürgens im Familienarchiv der Klagsbrunns © Uli Jürgens

Jürgens, die sich intensiv mit den Themen Flucht und Exil zur Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt, befasst sich seit knapp vier Jahren mit der Familiengeschichte der Klagsbrunns.  Bekannt wurde die jüdische Familie durch den Schriftsteller Erich Hackl der über deren Schicksal in seinem Buch „Drei tränenlose Geschichten“ schrieb und einen ersten Kontakt ermöglichte. Zusammen mit Victor Klagsbrunn, führte Jürgens eine erste Sichtung des Nachlasses im Archiv in Brasilien durch. Durch ihre Hände gingen mehr als 1500 Objekte, viele tausende Negative und Fotografien. Sie dokumentierte ihre Arbeit akribisch, fotografierte und beschriftete jedes einzelne Stück das seinen Weg aus dem Sommerhaus in Rio de Janeiro wieder zurück nach Wien zur Restauration fanden.

„Der andere Blick“

Evita Perón im Gespräch mit Osvaldo Aranha, Petröpolis, 1947 © Victor Hugo Klagsbrunn

Klagsbrunn gilt als einer der bedeutendsten Chronisten Brasiliens. Er verstand es mit seinem „anderen Blick“, und seinem emotionalen Abstand, Momente perfekt einzufangen und festzuhalten. Ob auf Partys der High Society Rio de Janeiros oder auf den Straßen Brasiliens, Klagsbrunn war immer auf der Suche nach dem anderen Blickwinkel, weiß Uli Jürgens.

„Er suchte stets den anderen Blickwinkel, er spielte mit Licht und Schatten. Anders als die meisten in Brasilien lebenden Ausländer, die damals in ihrer Blase gelebt haben schaute er einfach anders hin – er schaute genau hin.“ Uli Jürgens

Junger Arbeiter in der Kaffeepause, Minas Gerais, 1947 © Victor Hugo Klagsbrunn

Seine Schwarzweiß-Aufnahmen zeichnen die Atmosphäre des Landes mit einem neuen, differenzierten Blick durch die geschulten Augen eines europäischen Einwanderers. Klagsbrunn, so Andrea Winklbauer die Kuratorin der Ausstellung, entwickelte in Brasilien eine Art bildschaffendes Sehen, das es ihm ermöglichte, seine Motive wie beispielsweise einen jungen Arbeiter, der in seiner Pause entspannt einen Kaffee trinkt, oder eine attraktive Frau auf einer Party, in prägnante Kompositionen zu gießen.

„Österreich hat einen Mediziner verloren und Brasilien einen Fotografen gewonnen“

Kurt Klagsbrunn © Victor Hugo Klagsbrunn

Aus Erzählungen war er ein sehr zurückhaltender Mensch dem es mit Hilfe seiner Kameralinse gelang, einen sehr intensiven Kontakt zu seinen Objekten, den Protagonisten herzustellen. Diese Nähe schien seiner Familie verwehrt, auf diese wirkte er eher kühl und distanziert. Offenbar war er eine schwierige Person, die eine gewisse Distanz benötigte, um eine Nähe zu erzeugen, so die Wissenschaftsjournalistin. Sein Neffe Victor Klagsbrunn, der seinen Onkel bis zu seinem Tod pflegte, beschrieb ihn als einen egoistischen, argwöhnischen und gefühlskalten Menschen.

„Österreich hat einen Mediziner verloren und Brasilien einen Fotografen gewonnen“, hieß es über Kurt Klagsbrunn in einer brasilianischen Zeitung. Dieser dokumentierte über vier Jahrzehnte, wie kaum ein anderer Fotograf seiner Zeit, die Entwicklung Brasiliens, begleitete die Entstehung der neuen Hauptstadt Brasilia und hielt vor allem das Wachstum der Küstenmetropole Rio de Janeiro in seinen Fotografien fest.

Die Ausstellung „Das Auge Brasiliens. Kurt Klagsbrunn.“, ist noch bis 19. Mai 2019 im Jüdischen Museum Wien zu sehen und steht stellvertretend für das Schicksal tausender Wiener JüdInnen. 

 

Weiterführende Links:
Jüdisches Museum
http://www.jmw.at/de/exhibitions/das-auge-brasiliens-kurt-klagsbrunn
Uli Jürgens
https://www.ulijuergens.at/