Verstecktes sichtbar Machen

Verstecktes sichtbar machen: Obdachloses Wien

Bei Shades-Tours Vienna führen Obdachlose durch die Stadt und zeigen ihr Wien. Während das Wiener Start-Up sein Angebot thematisch erweitert, schaffen es die Guides aus der Obdachlosigkeit.

Seit 2015 regt das von Perrine Schober gegründete Unternehmen  zum Hin- statt Wegschauen an, wenn es um Wien unsichtbarstes Problem geht – Obdachlosigkeit. Zu Wort kommen dabei jene, die aus erster Hand berichten können. (Ehemals) Obdachlose zeigen dieFacetten („Shades“) ihres Wiens, machen sichtbar und klären auf. Anstelle von Sightseeing bekommt man hier soziale Bildung geboten – und eine Begegnung, die unter die Haut geht. . .

Am letzten Einkaufssamstag vor Weihnachten sind die Straßen des 1.Bezirks besonders dicht gedrängt. Geschäftige Menschen mit Sackerln trotzen Regen und Wind um letzte Besorgungen für die Festtage zu erledigen. Norbert, ein etwas älterer, elegant gekleideter Herr, könnte einer von ihnen sein, wie ein Obdachloser sieht er nicht aus. Doch er ist Shades-Tourguide. Offen und mit Schmäh begrüßt er die kleine Truppe, die sich von ihm die Schattenseiten Wiens zeigen lassen will.

Guide Norbert erzählt aus seinem Alltag.
Guide Norbert erzählt aus seinem Alltag. © Christine Mayrhofer

Gruft statt Stephansdom

Obdachlosigkeit ist und bleibt relevant. Allein in Wien leben ca. 1.200 Menschen auf der Straße, mehr als 16.000 sind ohne Obdach. Um das Problem richtig verstehen zu können, gibt es zuerst einmal „Vokabeltraining“, wie Norbert sagt. Was bedeutet denn Obdachlosigkeit im Unterschied zu Wohnungslosigkeit? Wann ist man wohnversorgt? Was versteht man unter harter oder versteckter Obdachlosigkeit?

Norbert klärt nicht nur über Hilfsmaßnahmen verschiedenster Wiener Sozialeinrichtungen wie der Gruft auf, er beleuchtet vor allem die persönliche Seite von Obdachlosigkeit. Seine eigene Geschichte macht das Problem erst greifbar. Er erzählt, wie er sein Unternehmen, seine persönlichen Geldreserven und letztlich auch seine Wohnung verloren hat. Wie er ohne Wohnadresse auch kein Arbeitslosengeld, das ihm eigentlich zugestanden wäre, beziehen konnte. Und wie er sich immer wieder gefragt hat, wie es eigentlich dazu gekommen ist:

„Ich hätte mir das selber nie gedacht, dass mir das einmal passiert.“

Hinschauen, nicht Herzeigen

Voyeurismus wird dabei nicht betrieben, sagt die Gründerin Schober: „ Respekt vor der prekären Lebenssituation der Obdachlosen steht für uns an oberster Stelle . Unsere Touren haben nichts mit dem Vorführen von Betroffenen zu tun!“ Auch Norbert spart auf  seiner Tour Schlafplätzen von Obdachlosen aus. An symbolischen Orten des öffentlichen Raums spricht er mit uns über die Lebenswelten von Betroffenen. Immer wieder lässt er dazwischen an seiner eigenen Geschichte teilhaben und berichtet wie er die täglichen Herausforderungen – Schlafen, Essen, medizinische Versorgung – gemeistert hat. Er erklärt, was es heißt weder Privatsphäre zu haben, noch seine Kleidung waschen zu können.

„Um Hilfe zu bitten ist das Schwierigste am Anfang. Ich habe drei Tage gebraucht um in die Gruft zu gehen und zu sagen, ich hab´ Hunger.“

Öffentliche Plätze werden zum Symbol.
Öffentliche Plätze werden zum Symbol. © Christine Mayrhofer

Social Entrepreneurship – Soziale Bildung als Produkt

Schober versteht Shades Tours dezidiert nicht als sozialen Verein, sondern als marktorientiertes Unternehmen. Ihr Produkt: Soziale Bildung. Verkauft wird es durch Emotionen, denn ein Nachmittag mit Norbert berührt und bleibt im Gedächtnis. Das Geschäftsmodell funktioniert – aus den anfänglichen zwei Guides sind mittlerweile 17 geworden, über 18.00 Menschen haben in den letzten drei Jahren an Shades-Aktivitäten teilgenommen und das Produktportfolio wird beständig ergänzt und erweitert. Neben Touren zum Thema Obdachlosigkeit und Flucht wird gerade ein drittes thematisches Konzept erarbeitet – „Sucht und Drogen“. Besondere Angebote gibt es für Unternehmen und Schulen und Touristen können Führungen auf Englisch buchen.

Als sogenanntes Social Business wird nicht nur Geld, sondern vor allem gesellschaftlicher Mehrwert erwirtschaftet, sogenannter „social impact“. Davon profitieren alle: Teilnehmerinnen erweitern ihre Perspektive und bekommen mit einer ungewohnte Seite Wiens zu Gesicht. Die Guides schaffen es im Idealfall aus der Wohnungslosigkeit und zurück auf den Arbeitsmarkt. Auch Norbert wird im Frühjahr 2019 wieder eine Wohnung beziehen: „Da freust dich wie ein Nackerter über ein G’wand!“ berichtet er von seinem Erfolg.

Beitragsbild: Christine Mayrhofer