Stadt der Frauen, Belvedere

Belvedere: „Wien war auch eine Stadt der Frauen“

Frauen durften bis 1920 weder die Kunstakademie besuchen, noch Mitglied in Künstlervereinigungen werden. Was sie malen und wo sie ausstellen durften, war von der Gesellschaft reglementiert. Die Ausstellung „Stadt der Frauen“ zeigt, dass es trotz der erschwerten Umstände in der Wiener Moderne zahlreiche erfolgreiche Künstlerinnen gab, die mittlerweile in Vergessenheit geraten sind. Bis 19.5. ist die Schau im Belvedere zu sehen.

Klimt und Schiele kennt jeder. Die Künstlerin Broncia Koller-Pinell hingegen wurde noch in den 80er Jahren als malende Hausfrau bezeichnet. Dabei war sie in regem Austausch mit Gustav Klimt und beteiligte sich an Ausstellungen des Wiener Künstlerhauses. Ihre Werke führen durch die Ausstellung wie ein roter Faden, war sie doch an den meisten dieser Kunstströmungen beteiligt:  Stimmungsimpressionismus, Secessionismus, Kinetismus, Expressionismus und Neue Sachlichkeit. Koller-Pinell war wie viele ihrer Kolleginnen jüdischer Abstammung. In den 30er Jahren wurden diese durch das NS-Regime ins Exil gezwungen oder im Konzentrationslager ermordet. Die Präsenz von Frauen in der Kunst endet also 1938. Erst jetzt werden die Künstlerinnen langsam wiederentdeckt. Im Unteren Belvedere können Besucherinnen und Besucher die Werke von 60 Malerinnen und Grafikerinnen entdecken.

Selbstdarstellung und Körperbilder

Hexe, Belvedere
Ausstellungsansicht „Stadt der Frauen“, Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien.

Die Ausstellung beginnt mit einem Skandalwerk, der Hexe von Teresa Feodorowna Ries. Diese Skulptur machte die Künstlerin schlagartig berühmt. Räumliches Vorstellungsvermögen und plastisches Denken waren schließlich nur Männern vorbehalten. Außerdem handelt es sich bei der Hexe nicht um eine verführerische, anmutige Darstellung. „Künstlerinnen haben Stereotype von Frauen als Sexobjekt und Schönheitsideale in ihren Frauenportraits bewusst unterwandert“, sagt Kunsthistorikerin Elena Shapira. Sie ist auf moderne Kunst und Design spezialisiert und beschäftigt sich mit der Geschichte von emigrierten Künstlerinnen und Künstlern.

Dass Frauen bewusst nicht als Sexobjekt dargestellt werden, ist auch in den Aktdarstellungen von Helene von Taussig und Broncia Koller-Pinell sichtbar. Die Körper sind nicht geschönt und der Blick der Frauen nicht lasziv zum Betrachter gerichtet. „Durch die Reklamation von ihren Körpern haben Künstlerinnen zu einem neuen kritischen öffentlichen Diskurs über Frauenemanzipation beigetragen“, so Elena Shapira. Die Aktmalerei war Frauen lange Zeit verwehrt, nur die Blumen- und Landschaftsmalerei wurde anerkannt.

Tina Blau war die erfolgreichste Landschaftsmalerin ihrer Zeit. Doch auch sie bekam zu Beginn ihrer Karriere Kritik zu spüren. Das monumentale Werk Frühling im Prater wurde von der Hängekommission des Wiener Künstlerhauses zuerst abgelehnt – wegen zu großer Helligkeit. Obwohl sie auch international ausstellte und als Erste an den Staat verkaufte, lehnte sie es immer ab, Frauenvereinigungen beizutreten.

Vom Erfolg zum Widerstand

Bereits um die Jahrhundertwende gründeten Künstlerinnen, darunter auch Teresa Feodorowna Ries, die Gruppe der Acht Künstlerinnen. Es handelte sich dabei um eine Ausstellungsgemeinschaft, die der Kunsthändler Gustav Pisko guthieß. Er stellte der Gruppe seinen Kunstsalon zur Verfügung, der zu den wichtigsten des Fin de Siècle zählte. Aus dieser Gruppe kristallisierte sich 1910 die Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs (VBKÖ) heraus. Die frühe Lobbyarbeit zahlte sich aus – bereits 1908 sorgte Klimt für eine 30-Prozent-Frauenquote bei der Kunstschau in der Secession.

Stephanie Hollenstein, Bildnis eines Soldaten, möglicherweise Selbstporträt. Foto: Galerie Stephanie Hollenstein, zur Verfügung gestellt auf Wikimedia Commons.

Trotz der innovativen Arbeit war die VBKÖ einigen zu konservativ. 1926 gründete die Künstlerin Fanny Harlfinger die als linksliberal bezeichnete Abspaltung Wiener Frauenkunst. Gründungsmitglied war auch Stephanie Hollenstein, deren Biografie fast gänzlich aus Widersprüchen besteht. Aufgrund ihrer Kriegsbegeisterung verkleidete sie sich im Ersten Weltkrieg als Mann und leistete ihren Dienst, bis die Tarnung aufflog. In dieser Zeit fertigte sie Skizzen und Aquarelle von verwundeten Soldaten, Lazaretten und Kriegsschauplätzen an, die im letzten Raum der Ausstellung zu sehen sind. Bereits früh begeisterte sich Hollenstein für die nationalsozialistische Partei, der sie 1938 offiziell beitrat. Ihr expressionistischer Malstil und ihre Homosexualität passen nicht dazu. Ihre Karriere konnte sie in dieser Zeit allerdings vorantreiben: 1939 wurde sie Präsidentin der nun arisierten Frauenvereinigung.

Neben den Werken von Stephanie Hollenstein hängen die zur gleichen Zeit entstandenen Werke von Trude Waehner, die schon früh vor dem Nationalsozialismus warnte. Antifaschistischer Widerstand war ebenfalls ein großes Thema in der politischen Kunst von Friedl Dicker-Brandeis. „Künstlerinnen haben direkt die Gefahr der faschistischen Bedrohung in ihren Arbeiten behandelt, wie etwa Friedl Dicker-Brandeis in den kommunistischen Agitationsplakaten (1932) oder in Das Verhör (1934)“, sagt Shapira. Das Verhör spiegelt Dicker-Brandeis eigene Erfahrungen wider. Sie wurde früh als Mitglied der KPÖ verhaftet, arbeitete dann im Prager Untergrund und wurde 1944 in Auschwitz ermordet.

Die Kunst wurde männlich

Künstlerinnen, die emigrierten, konnten nach dem Zweiten Weltkrieg nur mehr selten Fuß fassen. „Es gibt ja einige Frauen, die durchaus erfolgreich waren. Es ist eher die tradierte Kunstgeschichte, die Frauen marginalisiert hat“, sagt Kuratorin Sabine Fellner. Die Kunsthistorikerin ist als freie Kuratorin tätig und hat bereits 2016/17 im Jüdischen Museum eine Schau über jüdische Künstlerinnen bis 1938 gestaltet.

Für die bewusste Entscheidung, nur Frauen auszustellen, wurde sie bislang nicht kritisiert. „Die Aufklärungsarbeit liegt so auf der Hand, dass allen klar ist, dass es im Moment gerechtfertigt ist, den Fokus nur auf Frauen zu legen.“ Fellner hofft darauf, dass Künstlerinnen in Zukunft gleichwertig neben Künstlern gezeigt werden. Das äußert sich auch im provokanten Titel der Ausstellung. „Mir war wichtig, einfach klar zu machen, dass hier in dieser Stadt Frauen genauso verantwortlich für die Geschichte sind wie Männer. Wien war eben auch eine Stadt der Frauen, nicht nur eine Stadt der Männer“, so Fellner. Ein neuer feministischer Diskurs ist ausschlaggebend, um die vergessenen Künstlerinnen wieder ins Bewusstsein zu rufen. Kunstinteressierte können diese nun erstmals im Belvedere kennenlernen.


Öffnungszeiten Unteres Belvedere:

Täglich 10 bis 18 Uhr
Freitag 10 bis 21 Uhr

Ermäßigter Eintrittspreis von 11 € für Studierende!
Weitere Informationen auf der Website

Tipp: Sonderprogramm am Weltfrauentag 8. März
Führungen & Vorträge bei freiem Eintritt für alle Besucherinnen

Literatur-Empfehlung:

  • „Künstlerinnen in Österreich 1897-1938. Malerei. Plastik. Architektur“ von Sabine Plakolm-Forsthuber
  • Ausstellungskatalog „Stadt der Frauen. Künstlerinnen in Wien von 1900 bis 1938“
  • „Die Malerin Helene Funke“ von Sigrid Bucher

Beitragsbild: Helene Funke, Träume, 1913 | Foto: Johannes Stoll © Belvedere, Wien.