Das Bühnenbild im Akademietheater

„An ihrer Sprache sollt ihr sie erkennen“

Wien, 31. Januar 2019. Vier Schauspielerinnen trugen im Burgtheater Reden von acht europäischen Politikern vor. Das Projekt heißt „Alles kann passieren“, ein Zitat von Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán. Denn die Ansprachen haben eines gemeinsam – sie stammen von politisch rechten Staatsmännern. Die Idee dazu hatten Falter-Chefredakteur Florian Klenk und Schriftsteller Doron Rabinovici. Das Stück war nach zwei Stunden ausverkauft.

Eine dunkle Bühne, darauf ein langer schwarzer Tisch, schwarze Sessel, vier Mikrofone, vier Gläser Wasser, dahinter eine leere Leinwand: Das ist das Bühnenbild von „Alles kann passieren“. Vier Schauspielerinnen aus dem Ensemble des Burgtheaters – Andrea Clausen, Sabine Haupt, Stefanie Dvorak und Petra Morzé – sitzen auf den Sesseln, vor ihnen Schnellhefter. Diese enthalten die Reden acht europäischer Politiker.

Rechte Reden

Den Anfang macht Matteo Salvini, Italiens Innenminister. Er gehört zur Lega Nord, einer Partei, die Nationalismus und Rechtspopulismus vertritt. Seine Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg im April 2017 wird ruhig und besonnen vorgetragen, die Stimme der Schauspielerin ist neutral und unaufgeregt. Nichts bleibt mehr übrig von Salvinis harscher Aussprache, seiner erhobenen Stimme.

Vier Frauen sprechen zu lassen war eine bewusste Entscheidung. „Es handelt sich um eine Form der Verfremdung“, erklärt Doron Rabinovici. Der Schriftsteller und Historiker hat die ausgewählten Vorträge zu einem zirka 50 Seiten langen Skript zusammengefügt. „Es sind Reden, die für Männer geschrieben worden sind. Es hat eine Aussage, dass es vier Frauen sind, die das lesen, das wirkt in der Inszenierung dann verfremdend.“

Andrea Clausen, Sabine Haupt, Petra Morzé und Stefanie Dvorak bei der Lesung im Akademietheater
Andrea Clausen, Sabine Haupt, Petra Morzé und Stefanie Dvorak bei der Lesung im Akademietheater, (c) Reinhard Werner

Florian Klenk, Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung Falter und Ideengeber des Projekts, erklärt die Auswahl von vier Frauen damit, dass das Publikum sich auf den Text konzentrieren soll. „Es war wichtig, dass nicht ein Schauspieler die Reden nachspielt und den Kickl [Herbert Kickl, österreichischer Innenminister, Anm.] imitiert.“

Und warum hat es keine rechte Politikerin in die Runde geschafft? „Wir haben Staatschefs und Minister ausgewählt,“ so Klenk. „Es gibt keine rechtspopulistischen Frauen in Regierungsämtern. Frauen sind nicht so oft in Machtpositionen wie Männer, aus verschiedenen Gründen.“

Im Vorfeld wurden ausführliche Recherchen betrieben, um Reden, Interviews und auch Tweets zu finden, die für das Stück verwendet werden konnten. Einer der Beteiligten war Francesco Collini, ehemaliger Journalismus-Student an der FHWien der WKW. „Im Konkreten habe ich mich mit Salvini-Reden der letzten Jahre auseinandergesetzt und einige der heftigsten rausgesucht,“ erklärt er. „Als italienischer Muttersprachler kann man selbstverständlich besser einschätzen, was für ein internationales Publikum relevant ist und was eher nicht.“ Bei vielen Texten mussten Übersetzungen recherchiert werden, da sie nur in den jeweiligen Landessprachen verfügbar waren, also Ungarisch, Italienisch, Tschechisch und Polnisch.

Ausverkaufte Theatersäle

Auch drei österreichische Politiker kommen in dem Stück zu Wort: Innenminister Herbert Kickl, Vizekanzler Heinz-Christian Strache und Verkehrsminister Norbert Hofer. Über tausend Menschen waren ins Burgtheater gekommen, um für eine Stunde zu hören, was diese drei Männer und ihre europäischen Amtskollegen zu sagen haben. Es war nicht die erste Aufführung dieser Art.  Das Stück hatte seine Weltpremiere am 21. November 2018 im wesentlich kleineren Akademietheater. Schon damals war es ausverkauft.

„Es sind nicht nur politische Mitstreiter dort, sondern auch Leute, die sich anschauen, ob das eine Form ist, mit der man einen Kommentar zu dem machen kann, was um uns passiert,“ so Rabinovici. Die Zahlen sprechen für sich: So eine Form des Kommentars findet ein Publikum.

Das Stück selbst dauert eine knappe Stunde. Die vier Schauspielerinnen lesen die Reden vor, ab und zu werden auf der Leinwand Zitate eingeblendet, unter anderem von der Philosophin Hannah Arendt und dem Schriftsteller Erich Kästner. Zitiert wird, zum Beispiel, Kästners „Über das Verbrennen von Büchern“ (1958): „Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben. Es ist eine Angelegenheit des Terminkalenders. Nicht des Heroismus“.

Rechte Reaktionen

Die acht Politiker, deren Reden aufgeführt werden, haben bis jetzt nicht auf „Alles kann passieren“ reagiert. „Dass es keine Reaktionen gibt, wundert mich nicht,“ sagt Klenk. „Ich habe auch keine erwartet. Es wäre schon gut, wenn sich die Politiker dazu äußern würden.“

„Sie mögen es nicht, aber sie wissen, dass, wenn sie reinblasen, es noch weiter aufgemotzt wird,“ sagt Rabinovici. Vielleicht wären die Reaktionen anders, wenn die Reden nicht im Rahmen eines Theaterstücks präsentiert würden. Im Gegensatz zu Klenk findet Rabinovici aber auch, dass es nicht darum gehe, die Reaktionen der Rechten zu verstärken. Das sei nicht der Punkt des Projekts.

Doron Rabinovici und Florian Klenk bei der Aufführung im Akademietheater
Doron Rabinovici und Florian Klenk bei der Aufführung im Akademietheater, (c) Reinhard Werner

Am Ende des Stücks treten die Schauspielerinnen aus ihren Rollen heraus. Sie stehen auf und richten ein paar letzte, mahnende Worte an das Publikum. Es wird dann noch einmal verdeutlicht, was Klenk, Rabinovici und das Burgtheater mit der Aufführung bezwecken wollten: „Hier ging es darum, das Unerhörte zu benennen und klardeutsch vorzutragen.“

Im März sind weitere Vorstellungen geplant.

Titelfoto: (c) Reinhard Werner

Weitere Informationen:

Livestream zur Aufführung im Akademietheater (bis 10.2 verfügbar)

Text zum Stück

Das Stück auf der Website des Burgtheaters