Fahrenheit 11/9 – „Wie zur Hölle konnte das passieren?“

Es läuft gut für Hillary Clinton. Sie hat tolle Umfrage-Werte. Niemand rechnet damit, dass ein Irrer wie Trump den wichtigsten Job dieses Planeten bekommen könnte. Dann sind die Stimmen  ausgezählt. Schock, Tränen und Verzweiflung bei den Demokraten. Trump gewinnt die Wahl zum US-Präsidenten. Der Filmemacher und Oscar-Gewinner Michael Moore fragt: „How the fuck did this happen?“

Mit dieser Frage endet das Intro seiner neuesten Dokumentation Fahrenheit 11/9. Im weiteren Filmverlauf verliert Moore den Präsidenten etwas aus dem Fokus, beschäftigt sich mit seiner eigenen Vergangenheit und landet, wie auch bei seinen anderen Filmen in seiner Heimatstadt Flint, Michigan. Exemplarisch steht Flint für alles, was in den USA schief läuft. Das Trinkwasser in Flint ist verseucht, die Behörden versuchen die Krise zu vertuschen. Tausende leiden unter Bleivergiftung. Moore macht den örtlichen republikanischen Gouverneur und dessen Profitgier persönlich dafür verantwortlich, kritisiert in weiterer Folge aber auch die Demokraten und wirft ihnen vor, durch Selbstgefälligkeit und interne Fehlentscheidungen den Weg für Donald Trump geebnet zu haben.

Der Trailer zeigt, welchen Ton der Film vorgibt – Polyfilm via Youtube

Nicht so cool: Clinton

Eine dramaturgische Kehrtwendung macht Fahrenheit 11/9 auch gegenüber Hillary Clinton. Während zu Beginn des Films noch Frauen in die Kamera jubeln, dass sie endlich eine Frau zur Präsidentin wählen dürfen, macht Moore später unmissverständlich klar, dass seiner Meinung nach Bernie Sanders der Mann des Volkes gewesen wäre. Mit Geschlechterrollen hat das aber nichts zu tun, sondern mit festgefahrenen Partei-Strukturen und Fördergeldern. Hoffnung sieht Moore in engagierten Politikerinnen wie Alexandria Ocasio-Cortez. Mit ihr geht er von Haus zu Haus und filmt sie beim Händeschütteln. Es sind volksnahe Menschen wie sie, die Moore an der Macht sehen will. Es ist das Volk, das in die Initiative gehen soll, etwa wie die tausenden Lehrerinnen und Lehrer, die sich mit Streiks bessere Löhne erkämpften oder die jungen Menschen, die mit dem March for our Lives schärfere Waffengesetze erkämpfen wollen. Gerade diese Teenagerinnen und Teenager, die ihre Proteste selbst über Social Media organisiert haben und Waffenlobbyisten unerschrocken entgegentreten, sind es, welche die Horror-Dystopie Fahrenheit 11/9 schließlich hoffnungsvoll enden lassen.

Einst scherzte Trump: „Hoffentlich macht er nie einen Film über mich!“ Szenenbild von Polyfilm

Michael Moore ist umstritten. Beweis dafür sind nicht nur die unterschiedlich ausfallenden Kritiken zu seinem neuen Werk, sondern auch die Art, wie er Filme macht. Moore erzählt Geschichten und auch wenn er nicht direkt lügt, tendiert er zu äußerst einseitiger Berichterstattung und plumper Symbolik. In Fahrenheit 11/9 etwa, wenn er mit Handschellen loszieht, um den Gouverneur zu verhaften und dessen Stellvertreter Leitungswasser aus Flint anbietet, das dieser nicht trinken will. Die Szene hat große Wirkungskraft. Bei genauerer Überlegung kann man es aber wohl selbst dem schlimmsten Republikaner kaum verübeln, nicht aus einem Glas zu trinken, das ihm von irgendjemandem überreicht wird und bei dem nicht klar ist, was der Inhalt ist.

Eine Bühne für die nächste Generation

Investigativer Journalismus kann – so lernt man im Studium – entweder objektiv oder aktivistisch sein. Nun sei dahin gestellt, ob Moores Arbeit als investigativer Journalismus zählt, zweifellos ist er jedoch Aktivist. Es ist kein Zufall, dass sein Film in den USA vor den Midterm-Elections erschienen ist. Moore wollte mit seinem Werk wachrütteln, erschüttern, Politik machen. Das gelingt ihm, indem er seine Version des zerstörten amerikanischen Traums zeigt. Es ist erschütternd, wenn ein US-Veteran in die Kamera sagt, dass um die Ecke Kinder leben, denen es dreckiger geht, als jenen, die er in Afghanistan und im Irak gesehen hat.

Stehlen diese Kids Moore die Show? Nein, er bietet ihnen die verdiente Bühne! – Szenenbild von Polyfilm

Es ist nicht weiter überraschend, dass Moore auch mit seinem neuesten Film auf Kritik stößt. In der Presse schreibt etwa Karl Gaulhofer: „Was Trump für den Rest der Welt bedeutet, ist Moore keinen Halbsatz wert. Auch er sieht nur Amerika.“ Der Kritiker bemängelt – zu recht – weiter, dass der Film wirr zwischen zu vielen Themen herumspringt und endet seine Kritik mit einem Lob für die Schülerinnen und Schüler und ihren March for our Lives. Sie sind laut Gaulhofer der positive Gegenentwurf zu Moores wutbürgerlichem Gezeter: „Fokussiert auf ihr Thema, mit glasklaren Argumenten und echter Emotion. Sie zeigen: Es braucht keinen Moore mehr. Es geht auch besser.“ Ganz nachvollziehbar ist diese Kritik nicht, schließlich ist es Moore, der den Jugendlichen in Fahrenheit 11/9 nicht nur eine Bühne, sondern sogar die Hauptrolle im Finale bietet. Er ist es, der diese jungen Demonstranten mit Fahrenheit über den Atlantik auf die Leinwände Europas bringt und diese junge Generation als Heldinnen und Helden inszeniert. Er bietet ihnen den Rahmen, den sie in herkömmlichen Nachrichten niemals bekommen hätten.

128 Minuten gegen die Entmündigung des Volkes

Positivere Worte für Fahrenheit 11/9 findet die Journalistin und Autorin Franziska Bechtold: „Er hätte es sich einfach machen können und 128 Minuten lang Trump zeigen können, denn das Material wäre ja da. Stattdessen untersucht er – in einfacher und deutlicher Sprache, inklusiv nicht exklusiv – die Ursachen einer politischen Spaltung und das Zerfallen seiner Democratic Party, nicht ohne über seine eigne Vergangenheit zu reflektieren. Schlussendlich, und das ist seine größte Leistung, vergisst Moore nie, Hoffnung zu zeigen: Die nächste Generation Abgeordneter und Wähler, die sich gegen die langsame Entmündigung des Volkes wehrt.“

Horror-Fans kommen 2019 nicht zu kurz. Mit Unknown User: Dark Web, Polaroid, Happy Deathday, Es 2, The Prodigy, Friedhof der Kuscheltiere oder Zombieland 2 versucht uns Hollywood davon abzulenken, dass die schrecklichsten Geschichten doch noch immer das wahre Leben schreibt. Jenen, die genug Mut besitzen und die sich einmal so richtig gruseln wollen, sei Michael Moores Fahrenheit 11/9 empfohlen, selbst wenn der Horror – wie bei allen Dokumentationen – letzten Endes doch im Sinne der Dramaturgie zugespitzt inszeniert ist.

Weiterführende Links:

Polyfilm
– Alle Filmbilder dieses Artikels finden sich im Pressebereich von Polyfilm

Fahrenheit 11/9 auf IMDB

Filmkritik zu Fahrenheit 11/9 auf DiePresse.com

Fahrenheit 11/9 auf Rotten Tomatoes

Wikipedia :Alexandria Ocasio-Cortez

Wikipedia: March for our Lives

Wikipedia: Midterm-Elections

Elektro-Uschi.at
– Die Seite der zitierten Franziska Bechtold