„Grünes Wachstum wird nicht möglich sein“

Kann die Wirtschaft unendlich wachsen? Und wenn ja, zu welchem Preis? Wer sich diese Fragen schon einmal gestellt hat, kann sich in der Ausstellung „Endlich Wachstum!“ schlau machen. Die Wanderausstellung der Berliner Bildungsorganisation Fairbindung ist im Februar für drei Wochen im Wiener-Albert-Schweitzer-Haus zu Gast.

„Es ist unser Anliegen, den Mythos Wachstum infrage zu stellen“, erklärte Sven-David Pfau zur Eröffnung der Ausstellung. Pfau ist Mitglied der neu gegründeten Initiative Radix, die die Wanderausstellung „Endlich Wachstum!“ nach Wien gebracht hat. Radix ist aus der kapitalismuskritischen Organisation System Change, not Climate Change herausgewachsen und hat sich der Bildungsarbeit für Jugendliche und Junge Erwachsene verschrieben. Die Ausstellung ist ihr erster Streich.

Wachstum als Notwendigkeit

Der Glaube, dass es ohne Wirtschaftswachstum nicht gehe, sei quer durch alle politischen Lager vertreten, erklärte Pfau. Von konservativen Parteien bis hin zu Gewerkschaften und sogar grünen Parteien. Freilich haben unterschiedliche Gruppen auch unterschiedliche Gründe, warum sie Wachstum als notwendig betrachten. Beim Betreten des kleinen, länglichen Raumes im Albert-Schweitzer-Haus, der die Ausstellung beherbergt, wird man mit Zitaten auf einer Schauwand konfrontiert: „Ohne Wachstum keine Arbeitsplätze“. „Ohne Wachstum keine Gelder für die Bildung“. „Um unseren Wohlstand und unsere Lebensqualität zu sichern, brauchen wir ein gewisses Wachstum“. Die Zitate stammen von Konservativen, SozialdemokratInnen, ArbeitgeberInnen und GewerkschafterInnen.

Zitate sollen den Besuchern vermitteln, wie die Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum gerechtfertigt wird. ©Manuel Mayr

Den Grund für die vermeintliche Unumstrittenheit von Wirtschaftswachstum, sieht Pfau im kapitalistischen Wirtschaftssystem: „Wir leben in einem System, das strukturell von Wachstum abhängig ist. Wenn man in dem System kein Wachstum mehr hat, dann kommt man in die Krise. Und dann trifft es die Menschen, die sowieso am wenigsten haben.“

Technologie als Heilsbringer?

Warum die Wirtschaft dennoch nicht ewig wachsen könne, wird in der Ausstellung mit ökologischen, sozialen und ökonomischen Grenzen begründet. Ökologisch, weil Wachstum die Klimakrise verstärke. Sozial, weil Unternehmen durch Konkurrenzdruck gezwungen würden, ArbeiterInnen immer weniger zu bezahlen. Ökonomisch, weil die Menschen irgendwann gesättigt seien und daher weniger Produkte nachfragten.

Ein beliebtes Gegenargument zu ökologischen Grenzen ist, dass das Wirtschaftswachstum immer ressourceneffizienter werde. Das bedeutet zum Beispiel, dass pro produziertem Produkt, gefahrenem Kilometer oder geflogener Meile immer weniger CO2-Ausstoß anfällt. So hat der Flugverkehr in der EU zwischen 2014 und 2017 um 20 Prozent zugenommen, die CO2-Emissionen der Flugzeuge stiegen im selben Zeitraum nur um zehn Prozent. Ist es möglich, den Ressourcenverbrauch vom Wirtschaftswachstum völlig zu entkoppeln? Die Ausstellung nimmt sich dieser Frage an.

Auf einer Schautafel findet sich folgende Berechnung: Soll die globale Erderwärmung bis zum Jahr 2100 auf 2 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter beschränkt bleiben, müsste der technologische Fortschritt um sieben Prozent pro Jahr steigen. Dann wäre Wirtschaftswachstum erlaubt. In den letzten Jahren sei der technologische Fortschritt um durchschnittlich 0,7 %, also zehnmal kleiner als der Zielwert, gestiegen. Die Teilnehmerländer der Pariser Klimakonferenz 2015 haben sich auf eine Begrenzung der Erderwärmung bis 2100 auf deutlich unter 2 Grad geeinigt.

Zudem trägt der so genannte „Rebound-Effekt“ dazu bei, dass durch Effizienzsteigerungen Produkte billiger werden und dadurch zusätzlich nachgefragt werden. „Es werden momentan jedes Jahr neue Rekorde bei den Fluggastzahlen vermeldet. Und wenn man dann aufstrebende Länder hat, wo sich die Leute das mehr und mehr leisten können, wird das mehr als kompensiert“, erklärte Kai Lingnau von Attac, einer globalisierungskritischen Organisation, die die Ausstellung fördert.

„Grünes Wachstum wird nicht möglich sein. Man kann das glauben, aber nicht auf wissenschaftlichem Grunde behaupten, dass das geht“, unterstrich Sven-David Pfau.

„Grünes Wachstum wird nicht möglich sein“, sagte Radix-Mitgründer Sven-David Pfau. ©Manuel Mayr

Schrumpfen, aber wie?

Folgt man diesen Analysen, wäre eine Wirtschaftsschrumpfung unumgänglich, um die Klimaerwärmung zu begrenzen. Die europäische Wirtschaft ist zuletzt im Jahr 2009 geschrumpft. Mit verheerenden Auswirkungen, besonders in Südeuropa. Das könne aber nicht das Ziel sein, betont Pfau. „Wir brauchen tiefgreifende Veränderungen, damit alle Menschen mit weniger Wachstum leben können.“ Das bedeute auch, die wirtschaftliche Ungleichheit zu bekämpfen. Für Pfau sind Einkommens- und Vermögenssteuern unumgänglich. Der Attac-Steuerexperte Kai Lingnau stimmte mit ein: „Wenn man versucht, die Wirtschaftsleistung zu senken, und trotzdem den materiellen Wohlstand erhalten will, kann man das mit, massiven, aber auf jeden Fall möglichen Umverteilungsmaßnahmen erreichen.“

„Wir brauchen tiefgreifende Veränderungen, damit alle Menschen mit weniger Wachstum leben können.“
Sven-David Pfau, „Radix“-Mitgründer

Pfau sprach sich zudem für eine Verbesserung der öffentlichen Infrastruktur aus, damit Menschen weniger Geld brauchen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen . Wenn es etwa genügend öffentlichen Verkehr gebe, seien die Leute weniger auf Autos angewiesen. Auch ein Grundeinkommen ist für Pfau denkbar.

Lingnau kann sich auch Ökosteuern vorstellen. Aber es komme darauf an, wo man ansetzt. Solange es auf dem Land nicht genügend Alternativen zum Auto gebe, mache es etwa keinen Sinn, Benzin zu besteuern: „Wenn man jetzt den Preis von Benzin erhöht, dann kann man mal nach Frankreich schauen, was passiert. Wenn du aber eine Steuer von 200 Prozent auf Yachten machst, wird sich niemand eine gelbe Weste anziehen und auf die Straße gehen.“

Die Ausstellung „Endlich Wachstum“ läuft noch bis 24. Februar. ©Manuel Mayr

Die Ausstellung läuft noch bis 24. Februar. Infos zu den Öffnungszeiten und zum Rahmenprogramm gibt es hier.

 

Titelbild: ©Manuel Mayr

Weiterführende Links:
System Change, not Climate Change
Fairbindung
Attac