essverbot wiener linien

Wenn das Essen verboten wird

Wer es nicht schon via Durchsage, Plakat oder Aufkleber erfahren hat, dem fällt wohl spätestens jetzt das Leberkäs-Semmerl aus der Hand. Seit dem 15. Jänner 2019 ist Essen in den Wiener U-Bahn Linien generell verboten.

Die Regelung, die bereits seit September vergangenen Jahres in der U6 gilt, wird auf alle U-Bahn-Linien ausgeweitet. Schluss mit morgendlichen Schoko-Croissants und nächtlichen Asia-Nudeln. Nicht nur geruchsintensive, sondern auch Speisen wie Weckerl oder Äpfel müssen ab jetzt draußen bleiben.

Die Fahrgäste bestimmen

In Berlin wird bereits seit Anfang 2012 nicht mehr in der U-Bahn gegessen. Auch in Singapur und Basel herrscht ein Öffi-Essverbot. In Österreich wurden Fahrgäste bis dato nur in den Innsbrucker Verkehrsbetrieben gebeten, nicht zu essen und zu trinken. Nun ist es auch in Wien soweit. Wie kam es eigentlich dazu?

Vergangenen Sommer ließen die Wiener Linien ihre Fahrgäste in einer Online-Studie über das Essverbot in den U-Bahnen abstimmen. Rund 51.000 Menschen beteiligten sich an der Umfrage. Mehr als zwei Drittel sprachen sich für ein Essverbot auf allen U-Bahn-Linien aus. „Wir freuen uns über das große Interesse der Fahrgäste an unseren Maßnahmen.“ Die hohe Beteiligung zeige, dass das Thema Essen in der U-Bahn die Menschen beschäftigt, so Öffi-Stadträtin Ulli Sima (SPÖ).

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Mitte Jänner nicht zu übersehen: die zahlreichen Hinweise auf das Essverbot © Christina Herbst

Mit September startete das Essverbot geruchsintensiver Speisen in der U6. „Wer will schon den Geruch einer Leberkäs-Semmel in der überfüllten U-Bahn“, so die Stadträtin. Zu Beginn konzentrierten sich die Wiener Linien mit dem Essverbot nur auf die U6. Dort würde besonders oft gegessen, heißt es. In den Bögen unter den Gleisen der U6 sind viele Lokale, Nachtclubs und Imbissstände ansässig. Bis dato nahmen viele Nachteulen einen Imbiss mit auf den Nachhauseweg und speisten in den Zügen. Man könnte meinen, Essen in den Zügen gehörte bis vor kurzem zur U6 wie der Bierkavalier zur U4.

Wie wirkt sich das Verbot auf die Verkäufe der Imbissstände aus? „Wir merken nicht viel vom Essverbot“, so der Besitzer eines Kebapstandes an der Josefstädter Straße. Es würde deswegen nicht weniger gekauft werden. „Die Leute verspeisen ihr Essen halt jetzt bei uns am Stand und gehen dann in die Station“, meint der Kebap-Mann.

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In den Waggons wird schnell klar: Essen ist ab jetzt ein No-Go © Christina Herbst

Saubere Sache

Laut Verkehrsclub Österreich (VCÖ) nutzen zwei Drittel aller Menschen in Wien öffentliche Verkehrsmittel. Für viele dieser Menschen war Frühstücken auf dem Weg in die Arbeit oder ein Snack zwischendurch in der U-Bahn Normalität. „Es ist nicht einfach, ich frühstücke mehrmals die Woche in der U-Bahn, weil es sich nicht anders ausgeht“, erzählt eine junge Frau. Sie würde künftig wohl hungrig unterwegs sein, meint sie. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, ich sollte nicht in der U-Bahn essen müssen, aber irgendwie bringe ich es mit der Zeit nicht anders auf die Reihe“, so die Öffi-Fahrerin.

Sie ist nicht die Einzige, die sich an dem Essverbot stört. „Das Essverbot ist Blödsinn. Ich werfe es ja nicht auf den Boden, wenn ich fertig bin, sondern in den Mülleimer, das ist ja keine große Sache“, so ein Mann, während er einen Apfel ist. Sogar eine Petition richtet sich gegen das Essverbot und an Ulli Sima, die als Stadträtin für Umwelt daran beteiligt ist. Ende Jänner hat die Petition 118 Unterstützer. Öffentlicher Raum sei für alle da, heißt es.

Das Essverbot in den Wiener Linien hat nicht nur Gegner, sondern ebenso viele Unterstützer. Seit der neuen Regelung sei es viel sauberer in den Stationen und Zügen. „Das fällt mir schon auf“, so ein Fahrgast. „Wir stellen durch das Essverbot eine deutliche Reduktion des anfallenden Mülls fest. Jeder Euro, der beim Reinigen eingespart wird, kann in modernere Züge investiert werden und kommt letzten Endes den Fahrgästen zugute“, so Wiener-Linien Geschäftsführerin Alexandra Reinagl. Man plant, das eingesparte Geld als erste Maßnahme in Klimaanlagen und Lüftungskiemen in der U6 zu investieren.

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300 Security-Mitarbeiter kümmern sich um potenzielle U-Bahn-Esser © APA/HANS KLAUS TECHT

Verbot ohne Strafe

Die Fahrzeuge der Wiener Linien sind täglich rund 210.000 km unterwegs. Das sind mehr als fünf Erdumrundungen pro Tag. Viele Möglichkeiten, um trotz Verbot zu essen. 300 Personen des Service- und Sicherheitspersonal der Wiener Linien kontrollieren, ob das Essverbot eingehalten wird. Strafen werden bis jetzt keine verhängt. „Wir müssen kaum Leute darauf hinweisen“, so einer der Kontrolleure.

Auch geruchsneutrale Speisen wie Äpfel oder Müsliriegel sind seit 15. Jänner verboten. Theoretisch gibt es auch bei Kindern keine Ausnahme, jedoch würde man hier mit Fingerspitzengefühl vorgehen. „Ich werde jetzt keinem Kind das Weckerl oder die Banane wegnehmen“. Man weise lediglich auf das Verbot hin, so heißt es seitens des Sicherheitspersonals. Gute Nachrichten für ehemalige U-Bahn-Esser: Das Verbot bezieht sich momentan nur auf U-Bahnen, in Bim und Bus darf weiterhin gegessen werden. Auch in Stationen und am Bahnsteig darf man jausnen. Trinken ist erlaubt, es sei denn, es handelt sich um Alkohol. Fahrgäste können also weiterhin ihren „Coffee to go“ schlürfen. Kaffee ist laut Wiener Linien-Geschäftsführerin Reinagl „weder vom Essens- noch vom Alkoholverbot umfasst.“ Zum Glück.