Vergessene Kunst: Einblick in die „Stadt der Frauen“

Helene Funke, Träume, 1913 Foto: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Sechzig Malerinnen und Bildhauerinnen, die Anfang des 20. Jahrhunderts die Wiener Kunstszene mitbestimmten, sind nach dem Anschluss an Nazi-Deutschland 1938 völlig in Vergessenheit geraten. Jetzt steht die Ausstellung „Stadt der Frauen“ im Unteren Belvedere noch bis 19.Mai 2019 ganz im Zeichen ihrer Kunst.

Die Ausstellung ist eine Reise in die Vergangenheit, in der rigide Vorstellungen und Rollenbilder in der Gesellschaft vorherrschten. „Dilettantinnen“ oder „malende Hausfrauen“ waren oft die unschönen Bezeichnungen, die Frauen über sich ergehen lassen mussten. Frauen, die eine Künstlerkarriere anstrebten, mussten sich einigen Hürden stellen.

So war bis 1920 die Akademie der bildenden Künste nur Männern vorbehalten. Generell war die Kunstszene von Männern dominiert, die Frauen aus ihren Kreisen ausschlossen. Wollten Frauen eine  Kunstausbildung, mussten sie Privatunterricht nehmen, der in der Regel teuer war. Zur Wahl stand auch der Gang ins Ausland. Allerdings war das insofern ein Problem, als dass Reisen für Frauen in dieser Zeit nur in Begleitung möglich und natürlich auch mit hohen Kosten verbunden war.

Helene Funke, Pfirsichstillleben, 1918 © Belvedere, Wien

Es war ein Akt der Emanzipation, als die kunstschaffenden Frauen Wiens sich 1910 zur Vereinigung bildender Künstlerinnen (VBKÖ) zusammenschlossen, um ausstellen zu können. Noch im selben Jahr reisten die Frauen auf der Suche nach Exponaten quer durch Europa und eröffneten die erste feministische Ausstellung in der Wiener Secession. Die Veranstaltung war ein voller Erfolg: 12.000 Besucher kamen, um die 300 Werke zu sehen. Stilistisch waren die wichtigen Gattungen der damaligen Zeit vertreten: Impressionismus, Expressionismus, Secessionismus etc. Am Ende wurde die Staatsgalerie auf die Frauen aufmerksam und kaufte Gemälde zu.

„Wichtig zu vermitteln ist, dass die Wiener Moderne nicht reine Männersache war, sondern, dass Frauen einen wichtigen Anteil daran hatten“, sagt Kuratorin Sabine Fellner.

Politisches Engagement

Von ihren männlichen Kollegen unterschieden sich Künstlerinnen wie Broncia Koller-Pinell oder Hermine Heller-Ostersetzer durch die Wahl des Bildthemas. Frauen porträtierten auch Randgruppen. Prostituierte, Zeitungsträgerinnen, Kohlesammler oder Erntearbeiter wurden auf einmal zu zentralen Motiven – in der damaligen Zeit revolutionär. Bis zur Machtergreifung durch das NS-Regime hatten Malerinnen wie Tina Blau oder Broncia Koller-Pinell, Gründungsmitglied der Neuen Wiener Secession, beachtliche Karrieren hingelegt. Beide Frauen zählten zu der „Malerelite“ Österreichs.

Manche der Künstlerinnen waren auch politisch aktiv. Friedl Dicker schloss sich der KPÖ an und wurde 1934 verhaftet. In der Folgezeit lebte sie im Untergrund, wurde deportiert und 1944 in Auschwitz ermordet. Den krassen  Gegensatz dazu bildet Stephanie Hollenstein. Hollenstein hatte im ersten Weltkrieg als Mann verkleidet an der Front gedient, wurde entlarvt und war  anschließend im K.-u.-k.-Kriegspressequartier als Kriegsmalerin tätig. Das Heeresgeschichtliche Museum kaufte 87 ihrer Werke an. Sie schloss sich schon sehr früh der NSDAP an und wurde 1938 sogar zur Vorsitzenden der arisierten Nachfolgeorganisation der VBKÖ.

Broncia Koller-Pinell, Die Ernte, 1908 © Belvedere, Wien

Mit der Machtergreifung Hitlers geriet das Schaffen der Frauen völlig in Vergessenheit. Über jüdische Malerinnen (z.B.: Tina Blau, Broncia Koller-Pinell oder Marie-Louise von Motesiczky) wurde ein Berufsverbot verhängt, viele mussten flüchten oder wurden deportiert. Anderen setzte der Einbruch im Kunstmarkt finanziell zu, sie gingen ins Exil, um dort neue Karrieren aufbauen zu können.

Die Ausstellung umfasst 260 Exponate. Ein Drittel entstammt aus dem Bestand des Belvedere die zwei übrigen Drittel sind Leihgaben von Privatbesitzern oder öffentlichen Institutionen. Die Realisierung der Kunstschau, ist der  mühevollen Kleinarbeit der Kuratorin Sabine Fellner und ihres Teams zu verdanken.

„Die Bilder dieser großartigen Frauen waren teils auf Dachböden gelagert oder in Depots versteckt, ohne dass es jemand wusste. Wir bringen eine wichtige Seite der Kunstgeschichte im wahrsten Sinne des Wortes wieder ,ans  Licht'“, so Fellner.

Elena Luksch-Makowsky, Adolescentia, 1903 © Belvedere, Wien

Ob die Kuratorin denkt, dass Frauen heute in der Kunstwelt unterrepräsentiert sind?

„Ja, vielerorts sehr wohl. Eines meiner Spezialgebiete ist Frauenkunst. Ich mache aber auch Themenausstellungen. Bei den Themenausstellungen ist eine 50-Prozent-Quote sehr leicht zu machen. Es ist aber leider immer noch so, dass viele Kuratoren und Kuratorinnen darauf kein Augenmerk legen, obwohl es selbstverständlich sein sollte. Es ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten und viel Engagement notwendig“,  sagt Sabine Fellner.

Belvedere

„Stadt der Frauen – Künstlerinnen in Wien 1900-1938“
Unteres Belvedere
25.Jänner bis 19.Mai 2019

Ausstellungsansicht STADT DER FRAUEN Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien

Öffnungszeiten:
Täglich 10 bis 18 Uhr
Freitag 10 bis 21 Uhr

Eintritt:
14 € (11 € ermässigt)