„Angesichts des toten Patriarchats“: Das ist die Vaginale 2019

Sechs Tage lang bieten internationale Künstler*innen Ausstellungen, Diskussionen und Parties unter einem kuratorischen Konzept, das alles andere als gewöhnlich ist. Am 5.10. eröffnete die zweite Wiener Vaginale, ein Festival für feministische Kunst. 

Das feministische Kunstfestival „Vaginale“ feierte gestern Abend seinen Auftakt mit einer Vernissage in der Leopoldstadt. 31 zeitgenössische Künstler*innen aus dem In- und Ausland werden an den kommenden Abenden von 5.10. bis Freitag 11.10. ihre Arbeiten präsentieren. Auf dem Programm stehen Diskussionen, Performances, Ausstellungen, Parties und Filmscreenings. Zusätzlich zum normalen Programm wird es am 18.10. auch ein Cinema Special im Schikaneder geben. Erstmals wurden Künstler*innen und Kurator*innen dazu eingeladen, sich mit ihren Werken aktiv in das künstlerische Projekt einzubringen. Schriftsteller und Festivaldirektor Branko Andric bietet dafür einen kuratorischen Rahmen, in dem Chaos ausdrücklich erwünscht ist und der feministische Diskurs vorangetrieben werden soll.

Eindrücke von der Vernissage am Samstag © Eva Rottensteiner

Chaos als kuratorisches Gestaltungselement

Die Vaginale hat ein kuratorisch eher ungewöhnliches Konzept, das Chaos preist und sich dem sonst durch Ordnung beherrschten Ausstellungswesen widersetzen will. Chaos soll als Gestaltungselement im künstlerischen Arbeiten etabliert werden und von seinem negativen Beigeschmack losgelöst werden. Wenn es eine göttliche Leitfigur gibt, die dem Patriarchat widerstrebt, dann müsse es Chaos sein, erklärt Andric sein Konzept. Auch die Vaginale ist wie das Chaos aus dem Nichts entstanden und lässt „mehr chaotisch als kuratorisch“ Künstler*innen und Kurator*innen aufeinander treffen. Der Feminismus kritisiert die bestehende Ordnung und arbeitet an einer neuen. Die Herstellung von Chaos soll eine Antwort auf die patriarchale Ordnung sein.

Die Vulva als wiederkehrendes Element auf der Vaginale © Eva Rottensteiner

Kunstwort „Vaginale“

Die diesjährige baut auf die erste Vaginale „The patriarchy is dead“ von 2018 auf. Aber wie kommt es, dass ein Mann ein feministisches Kunstfestival organisiert? Andric schmunzelt bei der Frage und meint: „Naja, ich hatte eben die Idee. Ich bin auch als Dichter tätig und während einem Symposium ist mir das Wort ‚Vaginale‘ eingefallen. Es ist im Grunde ein Kunstwort, eine Dichte“.

Andric versteht das Festival als Forschungsprojekt, die Organisation ist eher intuitiv und prozessorientiert und er selbst als Lernender mittendrin. Groß geworden ist das Festival über Facebook, wo der Kunstbegriff „Vaginale“ einen Nerv zu treffen schien. „Hier bin ich auch im Dialog mit dem Publikum, das macht unser Festival aus“, sagt Andric. Das Festival möchte der Feminismus und seine Programmpunkte künstlerisch fördern. Auf die Dauer gesehen soll die Vaginale ein internationales Archiv für zeitgenössische, feministische Kunst werden.

Programmhighlights 2019

Definitiv nicht verpassen sollte man die Filmprojektionen im Schikaneder am 18.10. Dort werden Kurzfilme von der Regisseurin Elin Halvorsen (experimenteller Film, 16 mm: ‚Rausch‘), dem italienischen Performer und Choreografen Moreno Perna (Videodokumentation über ‚androgyne Sexbombe‘, welche die binäre Geschlechterordnung aufweicht) und der in Wien schaffenden deutschen Regisseurin, Autorin und Schauspielerin Berenice Pahl (über Weiß-sein und Privilegien als Aspekt im feministischen Diskurs) gezeigt und in deren Anschluss wird sich der Direktor Andric persönlich ans DJ-Pult stellen. Abgerundet wird das ganze mit einer Performance zum Thema ‚Mutterschaft und kulturelles Erbe‘ von  der ukrainischen Künstlerin Anja Filatova und ihrer russischen Kollegin Alina Avsharova sowie anschließender Festivalparty in der Schikaneder Bar.

Geheimtipp vom Kurator Andric höchstpersönlich: der Donnerstag Abend in der Festivalzentrale Haidgasse 7a. Dort stellt nämlich unter vielen anderen Ania Shestakova, eine russische Künstlerin, die sich mit der Nachkriegszeit und zeitgenössischer Kunst auseinandersetzt, ihre aktuelle Arbeit aus.

(Veröffentlicht am 06.10.2019)

Hier geht’s zum Programm im Detail!

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