Eine Kunstfigur, die scheitern muss

Rusalka. Lyrisches Märchen in drei Akten.
Oder, wie der Prinz das Sinnbild der modernen Frau als Märchen beschrieb.

Zwischen Buhrufen und Applaus. Amélie Niermeyer inszeniert Dvořáks Märchenoper Rusalka am Theater an der Wien.

„Pozor!“ für tschechisch „Vorsicht“ hängt in Lettern  über dem Eingangstor des Wasserkanals und lässt nichts Gutes ahnen. Zwischen dem Prinzen und der Meerjungfrau soll sich die wundersame Begebenheit zutragen, die wir Märchen nennen. Von Amélie Niermeyer als vielschichtiges Zwischenreich inszeniert, ging am 30. September 2019 die Dernière der Oper Rusalka (tschechisch für Nixe) mit Buhrufen sowie Applaus am Theater an der Wien über die Bühne.

Das Märchenwesen Rusalka will Mensch werden, um die Liebe des Prinzen zu gewinnen. Ihre Stimme bekommt sie von der Sopranistin  Maria Bengtsson  verliehen. Sie wirkte bereits in Mendelssohn Bartholdys Elias am Theater an der Wien. Aus dem Schwimmbecken heraus –  für die vorderen Reihen oder Abwasserkanal für die oberen Reihen – ruft Rusalka die Hexe Jezibaba herbei, um sich in einen Menschen verwandeln zu lassen. Doch sowohl der Wassermann als auch die Hexe wissen, dass sie scheitern wird. Als Wassermann tritt Günther Groissböck als Wesen in Erscheinung, der seine Nixe am Hals fasst, mit dem Oberkörper umherzieht und gesanglich vom Gegenteil überzeugen möchte.  Als einer der international führenden Bässe lässt er auch schauspielerisch spüren, welche Missstände herrschen. Sein Applaus wird am Ende der Vorstellung der stärkste sein.

Maria Bengtsson als Rusalka mit Wassermann Günther Groissböck und Natascha Petrinsky als Hexe. (vlnr.) ©Herwig Prammer/Theater an der Wien

Trotz der erschwerten Bedingung Beine gegen Sprache eingetauscht zu haben (blutiger Video Einspieler von Jan Speckenbach), lässt sich Rusalka von ihrem Vorhaben nicht abbringen.

Stummheit als Leerstelle

Der Prinz führt die stumme Sterbliche zu seinem Schloß. „Das ist schön dargestellt. Das Funkeln des Kronleuchters, der mehr und mehr von der Decke kommt und als Schlafzimmerbeleuchtung und Schloßinterieur dient“, bemerkt die Besucherin Esther Rois-Merz das Licht von Reinhard Traub. Rusalka bleibt der flüchtigen Liebe des Prinzen gegenüber kalt. Verkörpert durch den entblößten Tenor Ladislav Elgr und der bekleideten Bengtsson im weißen Nixengewand mit roten Strumpfhosen. „Dass Rusalka wirklich stumm ist, das fand ich wirklich toll inszeniert und ist von Dvořák auch so großartig geschrieben. Das habe ich noch nie so stark gespürt. Ab dem Moment, in dem sie unter den Menschen ist, fehlt einem auch wirklich der Gesang. Vorher singt sie dieses herrliche bekannte Lied vom verborgenen Mond und plötzlich ist das weg. Die Komposition lässt den Mangel richtig spüren. Man sehnt sich danach, dass sie endlich wieder singt. Das kann sie eigentlich erst wieder am Ende als sie bereits verloren ist. Man empfindet eine richtige Leerstelle in diesem Stück“, sagt Besucherin Isabelle Gustorff.

„Man sehnt sich danach,
dass sie endlich wieder singt.“

Auf dem Sofa es Wassermanns und späterem Bett des Prinzen stößt das Unnahbare, Faszinierende und Gefährliche der Wasserwelt auf das Reich der Suchenden. Für Niermeyer lässt sich beides auf einer Bühne vereinen. Der Lebensraum des Wassermanns und seinen Nixen ist begrenzt durch einen Beckenrand mit Einstiegshilfe. Die Umgebung des Prinzen ist stufig, bewaldet und wirkt durch den riesigen Kronleuchter an der Decke pompös. Doch bleibt die Nixe dem Prinzen gegenüber unnahbar. Er gibt sich der Fürstin hin, ehe die Trauung vollzogen ist.

Der Prinz (Ladislav Elgr) mit der Fürstin (Kate Aldrich) und den Wasserwesen im Hintergrund. ©Herwig Prammer/Theater an der Wien

Instrumentalität

Stummer Applaus des Arnold Schönberg Chores als schwarz gekleidete Hochzeitsgesellschaft füllt besagte Leerstelle aus. Dennoch werden die Gesten durch die Instrumentalwelt der Rusalka hinweggetragen. Das ORF Radio Symphonie Orchester Wien unter dem Dirigat von David Afkham hält die facettenreiche Motivarbeit in Bewegung. „In der Instrumentalität ist sehr viel Zauberhaftes dabei. Sehr viele unterschiedliche Welten poppen da auf. Es gab auch eine Art leitmotivische Technik“, fasst Rois-Merz zusammen.

„Unterschiedliche Welten
poppen da auf.“

Die theatralische Rezeption der romantischen Wesen und tiefen Empfindungen einer ganzen Epoche schließt mit der Oper von Antonín Dvořák (Musik) und Jaroslav Kvapil (Libretto), die am 31. März 1901 am Prager Nationaltheater uraufgeführt wurde und in einer Inszenierung von E.T.A. Hoffmann 1816 ihren Beginn mit dem Märchen der Undine von Friedlich de la Motte Fouqué machte. Gustorff: „Ich fand die Inszenierung unheimlich gelungen. Es war kein szenischer Bruch zwischen den einzelnen Bereichen erkennbar. Es ist sehr schwierig diesen Udine Stoff so zu inszenieren, dass er verständlich ist. Eine Kunstfigur, die nicht leben kann in der prosaischen Welt und dann scheitern muss. Dieses romantische Kernthema wurde unheimlich häufig vertont. Beethoven lehnte es ab, weile es ihm schon über war.“

Ungewisse Zukunft

Noch bevor sich die Aufschrift „Pozor!“ in alle seine Einzelteile verliert, trifft der Prinz erneut auf Rusalka, die endlich zu ihm spricht. Dem Sturm der Liebe ausgesetzt, sehnt er angesichts eines Lebens ohne Rusalka lieber den Tod herbei. So küsst sie ihn, verwunschen von der Hexe, zu Tode. Ohne Reue geht sie als Frau ihren Weg in die ungewisse Zukunft. Deren Bühnenbild von Christian Schmidt eine karge Schilflandschaft zeigt.

©Herwig Prammer/Theater an der Wien