Eine Kunstfigur, die scheitern muss

Rusalka. Lyrisches Märchen in drei Akten.
Oder, wie der Prinz das Sinnbild der modernen Frau als Märchen beschrieb.

Zwischen Buhrufen und Applaus. Amélie Niermeyer inszeniert Dvořáks Märchenoper Rusalka am Theater an der Wien.

„Pozor!“ für tschechisch „Vorsicht“ hängt in Lettern über dem Eingangstor des Wasserkanals und lässt nichts Gutes ahnen. Zwischen dem Prinzen und der Meerjungfrau soll sich die wundersame Begebenheit zutragen, die wir Märchen nennen. Von Amélie Niermeyer als vielschichtiges Zwischenreich inszeniert, ging am 30. September 2019 die letzte Vorstellung der aktuellen Rusalka-Inszenierung mit Buhrufen sowie Applaus am Theater an der Wien über die Bühne.

Sprechende Tiere und Wesen, Hexenzauber, Utopien zwischen Arm und Reich – damit ziehen Märchenerzähler seit Jahrhunderten ihr Publikum in den Bann. Hier ist es die Nixe Rusalka, die Mensch werden will, um die Liebe des Prinzen zu gewinnen. Ihr Vater und Wassermann sowie die herbeigerufene Hexe Ježibaba wollen sie davon abbringen. Doch wird sie unter dem Preis ihrer Stimme Mensch und vom Prinzen auf sein Schloss geführt. Dort schrickt er vor ihrer Kälte zurück und widmet sich einer Dame gleichen Rangs. Angewidert vom Verrat, kehrt die Nixe in die Wasserwelt zurück. Nur der Tod des Prinzen sie erlösen. Als er sie aufsucht, kommt es zum Kuss und er stirbt. Rusalka wandelt fortan als Irrlicht umher.

Rezeption romantischer Wesen

Es ist kein Märchen mit Happy End, dass hier über die Bühne geht. Und doch zeigt es etwas Neuartiges: Eine Frau, die ihren Weg geht. Die theatralische Rezeption der romantischen Wesen und tiefen Empfindungen einer ganzen Epoche schließt mit der Oper Rusalka von Antonín Dvořák (Musik) und Jaroslav Kvapil (Libretto), die am 31. März 1901 am Prager Nationaltheater uraufgeführt wurde. Ihren Beginn fand der Stoff mit dem Märchen Undine von Friedrich de la Motte Fouqué, das 1816 von E.T.A. Hoffmann inszeniert wurde. „Ich fand die Niermeyer-Inszenierung unheimlich gelungen. Eine Kunstfigur, die nicht leben kann in der prosaischen Welt und dann scheitern muss. Es ist sehr schwierig diesen Undine Stoff verständlich zu inszenieren“, sagt die Besucherin Isabelle.

Die Sänger

Am Theater an der Wien verleiht Maria Bengtsson Rusalka ihre Stimme. Sie wirkte bereits in Mendelssohn Bartholdys Elias am Theater an der Wien. Aus dem Schwimmbecken heraus – für die vorderen Publikumsreihen oder Abwasserkanal für die oberen Reihen – ruft Rusalka die Hexe Ježibaba herbei, um sich in einen Menschen verwandeln zu lassen.  Als Wassermann tritt Günther Groissböck in Erscheinung. Er fasst die Nixe beim Hals, zieht sie am Oberkörper über die Bühne und singt auf sie ein, um sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Als einer der international führenden Bässe lässt er auch schauspielerisch spüren, welche Missstände herrschen. Sein Applaus wird am Ende der Vorstellung der stärkste sein.

Maria Bengtsson als Rusalka mit Wassermann Günther Groissböck und Natascha Petrinsky als Hexe. (vlnr.) ©Herwig Prammer/Theater an der Wien

Maria Bengtsson als Rusalka mit Wassermann Günther Groissböck und Natascha Petrinsky als Hexe. (vlnr.) ©Herwig Prammer/Theater an der Wien

Das Idyll und die Leerstelle

Die Uraufführung der Oper fällt auch in eine Zeit, in der der Wiener Otto Weininger (1880-1903) sein philosophisches Werk Geschlecht und Charakter veröffentlicht und mit dem Idyll zwischen Mann und Frau bricht. Er fordert eine neue Männlichkeit, die dem verführerisch Weiblichen fernbleiben soll. Bei Dvořák und Kvapil nähert sich der Prinz jedoch und führt die stumme Sterbliche zu seinem Schloss. „Das ist schön dargestellt. Das Funkeln des Kronleuchters, der mehr und mehr von der Decke kommt und als Schlafzimmerbeleuchtung und Schlossinterieur dient“, bemerkt die Besucherin Esther. Während Rusalka der flüchtigen Liebe des Prinzen gegenüber kalt bleibt, hüpft der Prinz vom einen Bett ins nächste. Bei Niermeyer übernimmt das der nackte Tenor Ladislav Elgr während Bengtsson im weißen Nixengewand mit roten Strumpfhosen zu sehen ist.
Ab dem Moment, in dem sie unter den Menschen ist, ist Rusalka wirklich stumm. Das ist von Dvořák großartig geschrieben. Vorher singt sie dieses herrliche Lied vom verborgenen Mond und plötzlich ist das weg. Die Komposition lässt den Mangel richtig spüren. Man sehnt sich danach, dass sie endlich wieder singt. Man empfindet eine richtige Leerstelle in diesem Stück“, sagt Besucherin Isabelle.

 „Man sehnt sich danach,
dass sie endlich wieder singt.“ (Isabelle)

Hier stößt die unnahbare, faszinierende und gefährliche Wasserwelt auf das Reich der lebenden Suchenden. Für Niermeyer lässt sich beides auf einer Bühne vereinen. Der Lebensraum des Wassermanns und seinen Nixen ist begrenzt durch einen Beckenrand mit Einstiegshilfe. Die Umgebung des Prinzen ist stufig, bewaldet und wirkt durch den riesigen Kronleuchter an der Decke pompös. Doch bleibt die Nixe dem Prinzen gegenüber unnahbar. Er gibt sich der Fürstin hin, ehe die Trauung vollzogen ist.

Der Prinz (Ladislav Elgr) mit der Fürstin (Kate Aldrich) und den Wasserwesen im Hintergrund. ©Herwig Prammer/Theater an der Wien

 

Zauberhaftes in der Instrumentalität

Stummer Applaus des Arnold Schönberg Chores als schwarz gekleidete Hochzeitsgesellschaft füllt besagte Leerstelle aus. Dennoch werden die Gesten durch die Instrumentalwelt der Rusalka hinweggetragen. Das ORF Radio Symphonie Orchester Wien unter dem Dirigat von David Afkham hält die facettenreiche Motivarbeit in Bewegung. „In der Instrumentalität ist sehr viel Zauberhaftes dabei. Sehr viele unterschiedliche Welten poppen da auf. Es gab auch eine Art leitmotivische Technik“, fasst Esther zusammen.

„Unterschiedliche Welten
poppen da auf.“ (Esther)

Ungewisse Zukunft

Noch bevor sich die Aufschrift „Pozor!“ in alle seine Einzelteile verliert, trifft der Prinz erneut auf Rusalka und es kommt zum tödlichen Kuss. Auch hier bleibt die Inszenierung kalt, die Rusalka ihren Prinzen nicht einmal in die Arme nehmen lässt.  Ohne Reue geht sie als Frau der Moderne ihren Weg in eine ungewisse Zukunft und das Bühnenbild von Christian Schmidt zeigt eine karge Schilflandschaft.

Eine moderne Frau an der Seite ihrer Männer. ©Herwig Prammer/Theater an der Wien