Feuer und Flamme für Film

Vorhang auf: Mehr als 92.000 Cineasten zog es dieses Jahr zwischen 24. Oktober und 6. November zur 57. Viennale in die Kinos der Wiener Innenstadt. Im Rahmen des Wiener Filmfestivals wurden über 300 Filme aus 40 Ländern präsentiert, darunter internationale Preisträger und österreichische Premieren. 

Wer für die beliebtesten Vorstellungen Sitzplätze ergattern will, muss sich oft auf lange Wartezeiten einstellen. Zum Start des Vorverkaufs stehen die ersten Kinobegeisterten bereits um 7:00 Uhr vor dem Gartenbaukino Schlange. Viele machen das, weil sie beim Online-Erwerb keinen Serverabsturz riskieren wollen.  Für andere ist das frühe Anstehen Tradition: „Wir machen das schon seit zehn Jahren so, das gehört einfach dazu.“ Viele der TicketkäuferInnen sind sich aber einig, dass es um mehr als Film geht: „Das Wichtigste ist die Atmosphäre. Noch vor ein paar Jahren bin ich nicht einmal ins Kino gegangen. Die Stimmung reißt einen einfach mit“, meint ein Pensionist.

Mit Klappstühlen, Decken und Thermoskannen ausgerüstet stehen die ersten TicketkäuferInnen in der Dämmerung Schlange. © Julia Gruber

Film und Fest

Österreichs größtes internationales Filmfestival hatte seine Anfänge im Jahr 1960, damals noch als „Internationale Festwoche der interessantesten Filme des Jahres 1959“, organisiert von österreichischen Journalisten. Im Laufe der Achtziger Jahre entwickelte sich das Format, das das Festival auch noch heute ausmacht: Ein Hauptprogramm mit österreichischen und nationalen Filmen des letzten Jahres und ein Spezialprogramm zu bestimmten Genres, Zeitaltern und Personen der Filmgeschichte. Neben einer Vielzahl an Filmvorstellungen bietet die Viennale außerdem Feste, Podiumsdiskussionen und Musikevents in der Festivalzentrale im Museumsquartier an. Dabei ist es das Ziel der Veranstalter, die Interessen der breiten Öffentlichkeit mit der Vermittlung von Kinokultur zu vereinen.  Festivalchefin Eva Sangiorgi, die die Viennale seit 2018 betreut, sieht die Themenauswahl dieses Jahr als Spiegel der Gesellschaft: „Die Filme reflektieren den aktuellen Zustand unserer Welt. Sie erzählen von einer Welt, die sich rapide verändert und mit diesen Veränderungen müssen wir zurecht kommen“ (aus dem Englischen übersetzt).

Emotionaler Auftakt 

Das Historiendrama Porträt einer jungen Frau in Flammen der französischen Regisseurin Céline Sciamma eröffnet dieses Jahr am  24. Oktober die Viennale. Beim Filmfestival in Cannes  ist der Film für das beste Drehbuch ausgezeichnet worden. Sciamma erzählt die außergewöhnliche Liebesgeschichte zwischen einer jungen Malerin und ihrem Modell im 18. Jahrhundert.  Dabei spielt die Regisseurin mit den Konventionen des filmischen Blicks (Englisch „cinematic gaze“) wie Festival-Chefin Sangiorgi und Hauptdarstellerin Adèle Haenel bei der Eröffnungsgala betonen.  Am Ende der ersten Vorstellung um 1:00 Uhr morgens bleibt im Saal des Gartenbaukinos kaum ein Auge trocken.  „Es sollten viel mehr Frauengeschichten von Frauen erzählt werden“, meint eine Besucherin. Ein anderer Kino-Enthusiast ergänzt: „Dieser Film wird bei mir noch lange nachwirken. Die Gefühle, die da beschrieben werden, kennt glaube ich jeder.“

Adèle Haenel und Noémie Merlant in ‚Portrait de la jeune fille en feu‘ (Céline Sciamma, F, 2019). © Viennale

Gedrängel für Austro-Thriller

Eines der diesjährigen Festivalhighlights ist die Österreichpremiere von Jessica Hausner’s Little Joe.  Schon am ersten Tag des Vorverkaufs ist die Vorstellung ausverkauft, Stunden vor Einlass tummeln sich im Foyer des Gartenbaukinos vorfreudige BesucherInnen. In Little Joe entwickelt Gentechnikerin Alice  eine Pflanze, die durch ihren Duft Glückshormone erzeugen soll. Sie nimmt ein Exemplar mit nach Hause und schenkt es ihrem Sohn Joe. Plötzlich beginnt Joe, sich zu verändern, und auch die übrigen Menschen in Alice’s Umfeld verhalten sich seltsam. Alice weiß nicht mehr, was und wem sie glauben soll.

„Die Idee, dass eine Pflanze glücklich macht, fand ich überzeugend und modern – heutzutage soll ja jeder glücklich sein“, sagt Regisseurin und Drehbuchautorin Jessica Hausner im Publikumsgespräch (Antwort aus dem Englischen übersetzt). Inspiration fand sie einerseits bei Invasion of the Body Snatchers, andererseits bei der Frankensteingeschichte, „aber aus einer weiblichen Perspektive erzählt.“ Die Hauptfigur sei dabei zwischen ihren „Kreationen“, Sohn und Pflanze, hin- und hergerissen. Dabei erstmals in englischer Sprache zu schreiben, empfand Hausner als angenehm: „Man kann dabei kurz und prägnant sein, aber trotzdem philosophisch werden.“

Der Andrang für die Vorstellung von ‚Little Joe‘ (Jessica Hausner, A/D/GB, 2019) ist groß. © STARPIX/Alexander TUMA

Auf den Hund gekommen

Der Wiener Filmpreis, der im Rahmen der Viennale verliehen wird, geht dieses Jahr an den österreichischen Dokumentarfilm Space Dogs. Der Film verbindet eine märchenhafte Erzählung von Laika, der ersten Hündin im All, mit der Alltagsrealität von Moskauer Straßenhunden. Monatelang haben Filmemacher Elsa Kremser und Peter Levin die Hunde mit der Kamera begleitet.  Gleich nach den ersten Szenen offenbart Space Dogs, dass es sich bei den Protagonisten nicht um kuschelige Haustiere handelt. Kremser erklärt im Publikumsgespräch, wie wichtig es sei, auch unangenehme Szenen zu zeigen: „Man muss sich bewusst sein, dass das wilde Tiere sind“ (Antwort aus dem Englischen übersetzt).

Die Filme der Viennale im Kino

Little Joe läuft im Bellaria und im Cine Center noch bis 21.11.

Porträt einer jungen Frau in Flammen ist ab 13.12. auf den Leinwänden Wiens zu sehen, zum Beispiel im Votivkino.

Space Dogs läuft ab 3. April 2020 in den Kinos.