© mumok Foto: Klaus Pichler

Auf einen Sprung ins Mumok

Trampolin springen im Museum? Was unvorstellbar klingt, ist seit dem 27. September im Wiener Museum moderner Kunst (Mumok) möglich. Die Ausstellung „Das Museum als Unruheherd“ widmet sich der Direktionsära von Alfred Schmeller, der die Institution mit neuen Ansätzen nachhaltig veränderte. Über einen Museumsbesuch der anderen Art.

Still sein. Bloß nichts berühren. Räuspern statt Husten. Dass der typische Museumsbesuch nicht immer so ablaufen muss, zeigt das Mumok seit dem 27. September in seiner aktuellen Ausstellung „Alfred Schmeller. Das Museum als Unruheherd“. Schmeller war von 1969 bis 1979 Direktor des 20er-Hauses, aus dem später das Mumok im Museumsquartier hervorging. Er öffnete das Museum für die Jugend und prägte die Identität des Museums damit nachhaltig. Bis zum 16.02.2020 können Besucher/innen hier nicht nur Kunst betrachten, sondern auch auf ihr herumspringen.

„Riesenbillard“ als Besuchermagnet

Unruhe bringt vor allem das „Riesenbillard“ – eine 225m² große Luftmatratze, die im Mittelpunkt der Ausstellung steht. Besucher/innen begeben sich hier auf wackliges Terrain. Sie springen herum, schlagen Saltos oder werfen sich gegen die großen Kunststoffkugeln. Genau genommen ist die überdimensionierte Hüpfburg ein Remake: Die von der Künstler- und Architektengruppe Haus-Rucker-Co entworfene Konstruktion wurde 1970 in der Ausstellung „Live“ erstmals ausgestellt. Schmeller bewarb die Aktion damals mit dem Slogan: „Der Prater ist geschlossen. Kommen Sie ins Museum!“ Passend, auch heute noch.

Bis zu 15 Personen tummeln sich gleichzeitig auf dem Riesenbillard. Davor warten die nächsten Besucher, endlich hinaufsteigen zu dürfen. © Mumok

Das Publikum zeigt sich begeistert von der Konstruktion: „Diese Dimension ist einfach faszinierend“, staunen zwei junge Väter. Wie viele der anderen Besucher, sind sie vorrangig für das Riesenbillard hergekommen. „Das Trampolin war schon mal gesperrt, da waren die Leute ganz enttäuscht, weil sie extra deswegen gekommen sind“, erzählt eine Dame von der Aufsicht. Eine junge Besucherin empfand den Lärm zuerst als unpassend. Sie kam aus der benachbarten Heimrad-Bäcker-Ausstellung, wo Fotografien ehemaliger Konzentrationslager ausgestellt sind. „Das war schon ein sehr harter Kontrast, zwischen Ernst und Freude. Aber die Stimmung reißt einen schnell mit“, erzählt sie. An den Wänden rund um das Riesenbillard hängen Fotografien, Zeitungsartikel und Pressemeldungen zu Projekten, die charakteristisch für die Amtszeit Schmellers sind. Neben „Live“ gehört dazu vor allem die Sonderschau über Adolf Loos aus dem Jahr 1970/71, in der man jungen Leuten die Arbeit des Architekten spielerisch näher brachte.

Kunst, die Unruhe stiftet

Zwei Stockwerke tiefer sind Schmellers wichtigste Ankäufe ausgestellt. Düster, surreal, expressionistisch – die Unruhe spiegelt sich hier in der Kunst wider. Neben Werken österreichischer Künstler/innen wie der Gruppe „Wirklichkeiten“ – bestehend aus Kurt Kocherscheidt, Martha Jungwirth und Peter Pongratz – stechen bei der internationalen Kunst besonders die Chicago Imagists heraus. Mit ihren surrealistischen, Comic-artigen und popkulturell-beeinflussten Werken bewegten sie sich fernab des Mainstreams, den die New Yorker Kunstszene damals vorlebte. Grafiken und Entwürfe von Haus-Rucker-Co sowie Skulpturen von Andreas Urteil und Erwin Thorn schlagen die Brücke zur plastischen Kunst, zu der auch das Riesenbillard gehört.

Neben Gemälden österreichischer und amerikanischer Künstler sind auch plastische Werke wie der „Psychomodulator“ von Peter Pongratz ausgestellt (rechts unten) © mumok Fotos: Klaus Pichler

Hommage an einen Visionär

Vor 29 Jahren starb Schmeller in Wien – sein Erbe bleibt erhalten. Ein Museum sollte aus seiner Sicht ein „Unruheherd“ sein, an dem viele Themen zur Sprache kommen. Schon vor seiner Ernennung als Direktor betonte er in einem Ö1-Interview, dass er neue Publikumsschichten für das Museum erreichen wolle. Infolgedessen öffnete er das Museum im Rahmen eines umfangreichen Vermittlungsprogramms erstmals für Kinder. Das von ihm gegründete „Education Department“ organisierte Puppen- und Theaterspiele sowie Musik- und Literaturveranstaltungen. Als einen „Frontalangriff auf die gängige Art der Kunsterziehung“ bezeichnete die Kronen-Zeitung damals Schmellers Neuerungen. Doch sie waren erfolgreich: In seinem ersten Jahr als Direktor verdoppelten sich die Besucherzahlen.

Bis heute spielt die Kinder- und Jugendarbeit im Mumok eine tragende Rolle. Mit Veranstaltungen wie dem Kinderaktionstag sorgt man hier dafür, dass das Museum auch weiterhin ein Unruheherd bleibt.


Visuelle Eindrücke von der Ausstellung:

„Alfred Schmeller. Das Museum als Unruheherd.“
Ausstellungszeitraum: 27.09.2019 – 16.02.2020
Kuratorinnen: Susanne Neuburger und Nora Linser
Architektur: Eva Chytilek und Jakob Neulinger

Weitere Informationen gibt es auf der Website des Mumok.