Liebeserklärung an die Stadt

35 fotografische Positionen, 200 Werke: Das Kunsthaus Wien widmet sich mit der Ausstellung „Street. Life. Photography“ einem der interessantesten Sujets in der Fotografie. Kuratiert von Sabine Schnakenberg und Verena Kasper-Eisert sind Klassiker und zeitgenössische Werke aus sieben Jahrzehnten Straßenfotografie zu erkunden.

Mit geschlossenen Augen presst die scheinbar müde Frau ihr Gesicht gegen die angelaufenen Scheiben der dreckigen U-Bahn-Tür. Hinter ihr eine Menschentraube, die darauf wartet, dem Trubel bei der nächsten Station zu entkommen. Dieser bedrückende Schnappschuss von Michael Wolf ist nur ein kleines Mosaiksteinchen der „Street. Life. Photography“-Ausstellung, die derzeit im Wiener Kunsthaus mit Hundertwasser-Flair zu sehen ist. Die Hamburgerin Sabine Schnakenberg präsentiert gemeinsam mit Verena Kasper-Eisert vom Kunsthaus eine adaptierte Sammlung aus sieben Jahrzehnten Street Photography. Zusammengefasst unter den Kapiteln „Street Life“, „Crashes“, „Public Transfer“, „Anonymity“ und „Alienation“ liefern Fotografen wie Merry Alpern, Erich Lessing oder Maciej Dakowicz einen vielfältigen Blick in die Räume der Stadt.

Die Ausstellung setzt sich mit den Umbrüchen und ästhetischen Entwicklungen der Street Photography auseinander. © Patricia Bartos

Von brennenden Häusern bis U-Haltestellen

„Street. Life. Photography“ entführt die BesucherInnen in verschiedenste Bildwelten, die die Facetten der Stadt widerspiegeln. Auffallend ist dabei die historische Entwicklung von Städten wie Cardiff, New York oder Mumbai. Dabei ist klar: die Vielfalt der Street Photography scheint das Leitmotiv der Kuratorinnen zu sein. Die Ausstellung war bereits in größerer Form bei der Triennale der Photographie 2018 in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen. Für die österreichische Version wurde zwar abgespeckt, jedoch kamen mit Alex Dietrich, Lies Maculan und Erich Lessing österreichische FotografInnen dazu. Lessing stellt dabei in Österreichs Fotografie-Szene eine Legende dar. Eines seiner bekanntesten Schnappschüsse ist das Bild der Präsentation des Österreichischen Staatsvertrages. 1939 musste Lessing mit 16 Jahren aufgrund seiner jüdischen Herkunft vor der Verfolgung des NS-Terrors fliehen.

Nicht nur im Themenbereich „Street Life“ verwandeln sich die Straßen der Stadt in eine bunte Bühne, auf der Menschen aus verschiedenen Städten und Kulturen Platz finden. Maciej Dakowicz greift mit der Serie „Cardiff After Dark“ das nächtliche Geschehen mit teils grotesken Bildern von Fast Food essenden Frauen und betrunkenen PassantInnen auf. Axel Schöns Werke zeigen in „Crashes“ entgeisterte und besorgte Gesichter bei einem Häuserbrand im russischen Nowgorod der 1990er-Jahre. „Die Fotosammlungen der Street Photography, die hier zu sehen sind, scheinen einzigartig zu sein. Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Städten werden sehr greifbar. “ betont eine Besucherin.

Aus der Serie: Cardiff After Dark, 2005 – 2011, © Maciej Dakowicz

Alltägliche Begegnungen im urbanen Raum

Der Anfang der Street Photography kann bereits mit  Eugène Atgets und ihren Aufnahmen von Pariser Vororten im 19. Jahrhundert datiert werden. Die Schau zeigt dabei mit Aufnahmen aus den 1930er-Jahren eine historische Vielfalt, die sich in den Themenblöcken niederschlägt. Müde und nachdenkliche Gesichter, Haltestellen und unterschiedlichste Persönlichkeiten treffen in „Public Transfer“ aufeinander. Dabei liegt gerade hier der Fokus auf Porträts. Mit „Tokyo Compression“ liefert Michael Wolf bedrückende Bilder der vollgestopften Fahrten in Tokios Nahverkehr. Andere urbane Begegnungen zeigen sich in „Anonymity“ bei Merry Alperns Bildern von Prostituierten, die die verschwimmende Grenze des Diskreten und Öffentlichen darstellen.

„Alienation“, der wohl komplexeste Teil der Schau, charakterisiert sich durch die Abweichung vom Erwarteten, kleinen Details und verfremdenden Effekten. Natan Dvir pickt den unscheinbaren Würstelstand inmitten greller Werbeplakate, Slinkachu entdeckt die kleine Hummel am Gehsteigrand. Auch hier wird die Vielschichtigkeit der Stadt in all ihren Orten greifbar. Mit zusätzlichen Rahmenveranstaltungen wie Workshops und Führungen kann im Zuge der „Street Life Photography“ ein noch tieferer Einblick in die bunte Welt der Straßenfotografie erhascht werden – und das von Mumbai bis nach Wien.

Aus der Serie: Tokyo Compression, 2010-2012, © Michael Wolf

Die Ausstellung ist noch bis 16.02.2020 im Kunsthaus Wien zu sehen. Im Jänner gibt es außerdem Workshops, Spezial- und Kuratorinnenführungen.