„Texte. Über. Leben.“ – Gemeinsam gegen die Sprachlosigkeit

Ein solidarisches Miteinander – Unter diesem Motto fand am 9.11 im Konzertsaal der Wiener Sängerknaben die Benefizgala der VinziRast statt. Neben Wortkunst- und Musik-Acts sowie zahlreichen namhaften Künstlern machte vor allem eines diesen Abend so besonders: Herzergreifende Texte, von ehemals obdachlosen Menschen, die durch die VinziRast ein Zuhause fanden.

Es ist mucksmäuschenstill. Das grelle Licht scheint auf den Mann vor dem Mikrofon. Mit voller Inbrust und aus dem Innersten seines Herzens weichen die Zeilen über seine Lippen: „Der Gedanke, dass ich in einem Buch bin, gibt mir wenigstens das Gefühl, dass die Erinnerung an mich bleibt. Wenn du niemanden mehr hast, der dich vermissen könnte, weißt du wenigstens, dass wenige Zeilen von dir noch davon zeugen, dass du da warst. Schwarz auf Weiß.“

Die Bewohner des VinziRast-CortiHaus performten an diesem Abend ihre ganz persönlichen Texte. Copyright: Pia Lenz

Tosender Applaus strömt an diesem Montagabend durch den Konzertsaal der Wiener Sängerknaben. „Texte. Über. Leben.“ ein besonderer Abend. Nicht schillernd und glitzernd – sondern echt authentisch und hautnah. Ein Abend voller „Sprech-“ „Gesang-“ und vor allem tiefgründigen „Texten“ von Menschen, die sonst nur selten gehört werden. Jenen Menschen die normalerweise nicht im Mittelpunkt, sondern am Rand der Gesellschaft stehen. „Texte. Über Leben.“- bereits der Titel verrät, worum es an diesem Abend geht. Die Benefizgala der VinziRast lädt in der besinnlichen Weihnachtszeit zum solidarischen Miteinander ein. Der Erlös der Veranstaltung läuft an die Organisation selbst- eine unabhängige Gemeinschaft, die 2003 von Cecily Corti gegründet wurde und Menschen ohne Obdach, Geflüchtete und andere Armutsbetroffene unterstützt.

Eine bunte Mischung

Neben Texten von ehemals Obdachlosen, die in der Schreibwerkstatt der VinziRast Wort gefunden haben, laden viele weitere Acts zum gespannten Zuhören ein.

So startet der Abend mit bekannten Poetry Slam-Ikonen wie Mieze Medusa die mit „Die Wahrheit ist, ich mag Menschen“, den Nagel der heutigen Zeit auf den Kopf trifft. Sie erzählt im rhythmischen Wort-Sing-Sang vom ständigen Jammern und dem immer mehr Wollen unserer Zeit, in der eigentlich ein Miteinander das Wichtigste sein sollte. Auch Slam-Ikone und Autor Elias Hirschl greift satirisch die heutige Politik an und zeigt ironisch auf, wieso Leistungsgesellschaft nicht immer funktionieren kann.

Gänsehautfeeling pur bringen zwischendurch Lieder wie „If I saw you in heaven“ vom Mädchenchor der Wiener Sängerknaben und „Baun“ der Mundartpoetin und Protestsonggewinnerin Sigrid Horn.

„Bin ich noch wer?“

Dennoch berührt vor allem die zweite Hälfte des Abends die Zuschauer und lässt die ein oder andere Träne auf den Wangen glitzern. Denn die Texte der ehemals Obdachlosen gehen tief.

„Heute bin ich da und auch nicht.

Der Geruch nach Versäumtem ist fast zum Riechen. Es  beginnt die Zeit zu laufen, sie einzuholen geht nicht, ein Kopf an Kopf ist fast ein Erfolg.

Ich bin lieber hier als im Nichts.

Ich wäre gern im realen Kopfkino meiner Fantasie.

Ich wäre nicht allein, alles wäre wieder groß und ich wäre ein kleiner Teil dessen, das ich gern wäre oder war und bin.

Bin ich noch wer?“

sagt Christian, der im VinziRast-CortiHaus (eine begleitete Wohngemeinschaft für ehemals Obdachlose) lebt und an diesem Abend auf der Bühne steht, melancholisch ins Mikrofon. „Wieso wir überhaupt texten? – Weil Schreiben aus vielen Menschen einfach mehr herausholt als Sprechen und es geht einem einfach besser, wenn man darüber redet“, ergänzt er später.

In wohliger Atmosphäre wurde in der Schreibwerkstatt der VinziRast den Worten gemeinsam freien Lauf gelassen. Copyright: Alessio Maximilian Schroder

Die Sprachlosigkeit aufheben

Auch die bekannte Autorin Renate Welsh-Rabady, die bereits seit zwölf Jahren die Schreibwerkstatt der VinziRast leitet, erzählt im persönlichen Gespräch: „Sprachlosigkeit ist das größte Elend unserer Gesellschaft. Sprachlosigkeit ist ein Gefängnis. Ein gefährliches Gefängnis, weil sprachlose Menschen willige Opfer für „Heilsbringer aller Art“ sind. Wer aber Vertrauen in die eigene Sprache hat, bekommt auch Vertrauen in sich selbst. Solidarität ist erst möglich, wenn Sprachlosigkeit aufgehoben wird.“

Renate Welsh Rabadys  Motivation hinter der Schreibwerkstatt ist vor allem eines: Ihre Neugier auf Menschen. Copyright: Pia Lenz

Was bringt nun aber die Schreibwerkstatt den Menschen aus der VinziRast konkret?

„Schreiben bedeutet, Erfahrungen die eigentlich nur als Last im Nacken existieren in Besitz zu nehmen“, gibt die Trägerin des Theodor-Kramer-Preises 2017 und des Literaturpreises der Stadt Wien 2016 zu verstehen.

Und was aus geschriebenen Zeilen entstehen kann, dass zeigt neben dem in der Schreibwerkstatt entstandenen Buch „Mit einem Fuß auf zwei Beinen stehen“, auch die bunte und vielfältige Benefizgala an diesem kalten Dezembertag: Ein solidarisches Miteinander. Eines wird zudem schnell klar: An diesem Abend wird sie aufgehoben – die Sprachlosigkeit.

Nähere Infos zu den Projekten der VinziRast unter:  https://www.vinzirast.at/