Freizeit trotz Lernstress: Lernmanagement solls möglich machen

Stefanie Pichler* sitzt mit angestrengter Miene an ihrem Schreibtisch und starrt auf ihren Laptop. Gerne wäre sie jetzt beim Sport oder mit Freund*innen unterwegs, doch die Prüfungszeit ist der Erzfeind ihrer Freizeit. Eine Freundin hat ihr geraten, ihr „Lernmanagement“ zu verbessern.

Bild: http://www.Live-Karikaturen.ch

Spätestens in der zweiten Jännerwoche werfen tausende Studierende wie Stefanie ihre Neujahrs-Vorsätze mit hohem Bogen über die verkrampften Schultern. Schlafentzug und Koffeinüberschuss ziehen die Augenringe nach unten, während sich die Abgabetermine im Terminkalender Richtung Himmel stapeln.

Ziel ist es, alle Prüfungen und Abgaben zu schaffen, um die ersehnte Freizeit in den Semesterferien genießen zu können. Doch davor sind Hirn-Hochleistungen gefragt. Seit September studiert Stefanie Physik an der Uni Wien- Das Studium findet sie gut, ihre erste Prüfungswoche findet sie sehr stressig. „Ich weiß nicht, wie ich das alles schaffen soll“, seufzt sie. Eine Freundin hat ihr geraten, sich mit ihren Lerngewohnheiten auseinanderzusetzen und sich zu überlegen, wie und wo sie am besten lernt.

Lerntyp erkennen

„Lernmanagement“, das Wort, das Stefanies Freundin benutzt hat, bedeutet im Prinzip, dass es beim Lernen vor allem darum geht, die richtige Lernmethode für sich selbst zu finden.

Dafür ist es wichtig zu erkennen, welcher Lerntyp man ist.  Das folgende Video der Lernförderung, einer kostenlosen Plattform für Lerntipps der Pädagogin Uta Reimann-Höhn, beinhaltet einen kurzen Test für alle, die noch nicht wissen, welcher Lerntyp sie sind:

Die Lernföderung unterscheidet zwischen drei Lerntypen: Auditive Lerntypen lernen am besten Dinge, die sie hören, beispielsweise über Audio-Mitschnitte von Lehrveranstaltungen. Visuelle Lerntypen merken sich am besten Lernstoff, den sie vor sich sehen. Motorische Lerntypen hingegen, müssen etwas tun, sich zum Beispiel den Stoff aufschreiben, um ihn sich am besten zu merken.

Stefanie schätzt sich als motorischen Lerntypen ein. Sie schreibt immer Zusammenfassungen der Powerpoint-Folien aus den Lehrveranstaltungen und muss Rechnungen immer selbst aufschreiben. So merkt sie sich den Stoff am besten.

Lieblings-Lernort finden

Während der Prüfungszeit sind Bibliotheken und Lernbereiche auf allen Unis voll, daher lernt Stefanie immer zu Hause. „Bisher habe ich immer nur zu Hause gelernt, weil ich keine Lust auf vollgestopfte Bibliotheken habe. Aber zu Hause lenke ich mich gerne ab. Mein Zimmer ist dann zwar immer top aufgeräumt, dafür hab` ich aber lerntechnisch nix weitergebracht“, sagt Stefanie.

Sie hat sich vorgenommen, vielleicht einmal unbekanntere Bibliotheken, wie die helle C3-Bibliothek für Entwicklungspolitik im neunten Bezirk oder kleinere Bibliotheken von Zweigstellen der Stadtbücherei oder die Bibliothek der Volkshochschule in ihrer Nähe auszuprobieren. Eine Studienkollegin hat ihr neulich erzählt, dass man dort eher einen Sitzplatz findet.

Auch der Ort ist ausschlaggebend für den Lernerfolg. (c) Paul Timothy Kimrey

Strukturiert lernen

Lernen ist eine individuelle Sache. Gegen das Vergessen von Lernstoff gibt es trotz aller Idividualität ein paar allgemeine Regeln. Die Österreichische Studienberatung, ein unabhängiger Studienwegweiser, rät zu folgenden Punkten:

  • Den Lernstoff vor dem Lernen strukturieren: So prägt sich beim Speichern im Langzeitgedächtnis die Struktur und der Zusammenhang besser im Hirn ein. Wer sich im ersten Schritt die Struktur des Stoffs merkt, kann beim Lernen der Details darauf aufbauen.
  • Je öfter das Gelernte wiederholt wird, desto besser bleibt es im Gedächtnis.
  • Wiederholungen des Gelernten vor dem Einschlafen helfen beim Merken.

Der nächste Schritt ist, sich zu überlegen, welche Art von Stoff gelernt werden muss. Die Art des Lernstoffs wirkt sich auf die Wahl der Lernmethode aus.

Ist der Lernstoff sortiert, kann mit dem eigentlichen Lernen begonnen werden. Je nachdem, ob für eine Prüfung Zusammenhänge oder detailreicher Stoff eingeprägt werden müssen, rät die Studienberatung zu unterschiedlichen Lernmethoden. Beim Lernen von umfangreichem Stoff aus Büchern oder Skripten, eignet sich die PQ4R-Methode, beim Lernen von detailreichem oder sperrigem Stoff das Lernen mit Karteikarten.

Bücher und Skripten: Die PQ4R-Methode

Beim Lernen von Büchern oder Skripten soll die so genannte Preview-Question-Read-Reflect-Recite-Review (PQ4R)-Methode beim Lernen helfen. Diese Methode hilft beim Strukturieren des Lernstoffs. Die PQ4R-Methode teilt das Lernen in sechs Schritte:

1. Vorschau (Preview): Überblick über den Stoff schaffen. Welche Kapitel/Welche Abschnitte werden geprüft?

2. Fragen (Questions): Fragen aufschreiben, die nach dem Lesen der Kapitel beantwortet werden sollen.

3. Lesen (Read): Den Text aktiv, aber ohne Druck lesen.

4. Nachdenken (Reflect): Das Gelesene in Zusammenhänge bringen und in das bisherige Wissen einbinden.

5. Wiedergeben (Recite): Das Gelesene in eigenen Worten wiedergeben.

6. Rückblick (Review): Alles in Gedanken noch einmal durchgehen.

Detailreicher Stoff: Lernen mit Karteikarten

Karteikarten eignen sich für das Lernen von Vokabeln, detailreichem Stoff oder Inhalten, bei denen Zusammenhänge schwer verständlich sind. Physische Karteikarten gibt es in jedem Papierhandel. Wer lieber digital lernt, kann sich an Handyapps, wie z.B. Brainyoo bedienen, mit der auch unterwegs am Handy gelernt werden kann. Der Vorteil von Karteikarten ist, dass man einen Überblick über das Gelernte behält und die ständige Frage-Antwort-Aktivität gliedert das Lernen in verdaubare Häppchen.

Stefanie findet die Lernmethoden der Studienberatung spannend und hat sie unbewusst auch schon so angewandt. „Ich habe noch nie wirklich darüber nachgedacht, wie ich lerne. Ansatzweise habe ich eh schon so gelernt wie die Studienberatung vorschlägt. Allerdings ist mein eigentliches Problem die Zeit“, sagt Stefanie. Sie erzählt, dass ihr die meisten Dinge leicht von der Hand gehen, manchmal schiebt sie Abgaben oder das Lernen für Prüfungen aber bis zum letzten Moment auf oder schiebt andere Dinge vor. „Dieses Interview zum Beispiel“, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Am Ball bleiben

Das Fachwort für Aufschieben ist „Prokrastinieren“. Bei Stefanie scheint das Problem nicht kritisch zu sein, sie hat bisher immer alle Abgaben und Prüfungen geschafft. Lernexperte Dr. Daniel Hunold (Uni Greifswald) erklärt in einem seiner Videoblogs, dass das Aufschieben eine Schutzfunktion ist, um uns vor unangenehmen Gefühlen zu bewahren. „Deshalb bringt es nichts, Prokrastination zu überwinden, sondern man muss sie managen“, beginnt er sein Video, in dem er fünf Schritte aus der Prokrastination vorstellt.

In ihrem Buch „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen. Wie du mit dem Prokrastinieren umgehen kannst“ schreiben Hunold und Co-Autorin Dr. Mirjam Reiß, dass es beim Lernen vor allem um die positive Einstellung und das Wissen um das eigene Lernverhalten gehe. Durch das richtige Managen der Prokrastination sollen Studierende trotz Lernstress mehr Freizeit gewinnen.

Stefanie seufzt bei dem Gedanken an Freizeit, blickt auf ihren vollgestellten Schreibtisch und sagt: „Vielleicht sollte ich mich wirklich mal mit dem ganzen Thema beschäftigen. Aber erst nach der Prüfungswoche, jetzt habe ich grad keine Zeit“.

 

* Der Name wurde auf Wunsch der Interviewpartnerin geändert.

 

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